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LUCERNE FESTIVAL: Gatti, der Dirigent ohne Limit

Gleich zweimal überzeugte das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam in Luzern mit dem neuen Dirigenten Daniele Gatti. Für Starglanz sorgte die Cellistin Sol Gabetta.
Katharina Thalmann
Ein Küsschen für die Dame: Chefdirigent Daniele Gatti und Cellistin Sol Gabetta im KKL. (Bild: PD/Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Ein Küsschen für die Dame: Chefdirigent Daniele Gatti und Cellistin Sol Gabetta im KKL. (Bild: PD/Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Katharina Thalmann

Mit Debussys «Jeux» und Stravinskys «Petruschka» standen am Sonntag zwei für die klassische Moderne richtungweisende Werke auf dem Programm. Sie umrahmten Henri Duttileux’ «Métaboles» und Camille Saint-Saëns’ erstes Cellokonzert. Ein durch und durch französisches Programm also – Stravinsky schrieb sein Ballett in Paris im Auftrag der «Ballets russes». Am Montag widmete sich Gatti der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts: Auf Webers Ouvertüre zu «Oberon» folgten Schumanns Cellokonzert und Bruckners vierte Sinfonie, die vom Komponisten den Beinamen «Die Romantische» erhielt. Für Starglanz garantierte in beiden Konzerten die Cellistin Sol Gabetta.

Schöne Erinnerung

Daniele Gatti und das Concertgebouw waren bereits 2013 gemeinsam in Luzern aufgetreten – Gattis eindringliche Interpretation von Mahlers neunter Sinfonie blieb in allerbester Erinnerung. Schon die damalige Aufführung war geprägt von tendenziell langsamen Tempi und einer grossen Liebe zum Detail. So auch dieses Jahr: Mit unerschöpflichem gestischem Repertoire liess Gatti das Ballett «Jeux» als luftig leichte Szene im Park erklingen. Dagegen wirkte «Métaboles» mit seiner blockartigen, auf instrumentale Register fixierten Satzanordnung seltsam altmodisch – wenngleich das Stück gute fünfzig Jahre jünger ist.

Gatti hatte unlängst in einem Interview gesagt, er suche in seinen Interpretationen die Zeit im Raum und zitierte in diesem Zusammenhang Wagners Figur des Gurnemanz: «Zum Raum wird hier die Zeit.» Und tatsächlich: Besonders in «Petruschka» breiteten sich agogische Feinheiten voluminös im Saal aus, fast entstand das Gefühl eines Vakuums, in das hinein sich der Einsatz des nächsten Instruments, der nächsten Phrase umso schöner entfaltete. Die Zeit wurde ein räumliches, physisches Erlebnis.

Die rasche Reaktionsfähigkeit des Concertgebouw, verbunden mit seiner niederländischen Bescheidenheit, trug zu diesem Effekt das Ihrige bei. Dem Englischhorn und dem Fagott entlockte Gatti bisweilen scharfe Klänge, nie jedoch um des blossen Effekts willen. Die berühmte Melodie des Petruschka, üblicherweise recht übermütig, geriet eher verhalten und auf diese Weise wunderbar distanziert. Auch grotesk – aber ist denn Petruschka nicht eine Puppe, die auf der Jahrmarktbühne, also aus der Distanz, beobachtet wird?

Romantische Hörner

Dem (Jagd-)Horn, das die Romantik mit ihrem Hang zu Archaismen und Sentiments wie kein zweites Instrument repräsentiert, fiel am Montag in allen drei Stücken eine wichtige Partie zu. Nach seinem eröffnenden Ruf in der «Oberon»-Ouvertüre perlte das nur zehn Minuten kurze Stück in der Folge mal als liebliche, mal als hochemotionale Opern-Miniatur dahin. Die quirligen Staccato-Passagen der kernigen Streicher brachten Interpreten wie Publikum zum Schmunzeln.

Sol Gabetta erwies sich an beiden Abenden als kommunikative, authentische und sympathische Partnerin. Besonders in Saint-Saëns’ Konzert brillierte sie mit perfekter Intonation und reizend neugierigem Ausdruck. Warum das Schumann-Konzert für die Solisten gemeinhin als undankbar gilt, zeigte sich am Montag: Die in nur zwei Wochen erstellte Komposition verblasste unter dem überwältigenden Eindruck von Bruckners vierter Sinfonie leider in der Erinnerung, und im Gedächtnis bleiben wohl eher Gabettas zwei Zugaben: Pab­lo Casals «Gesang der Vögel» mit Unterstützung der Kollegen aus der Cellosektion und ein ethnisch-atmosphärisches Lied – die Cellistin sang die Kantilene! – waren wunderbar musiziert.

Patchwork-Pointen

Findet man die Begründung für die fragmentarische Anlage von «Jeux» und «Petruschka» in deren programmatischem Inhalt, erscheint sie bei Bruckner als Konsequenz seiner exzessiven motivisch-thematischen Arbeit. Allen Werken ist ein Patchwork-Moment gemein, das Gatti pointiert herausarbeitete. So inszenierte er den Beginn der ausladenden Durchführung im ersten Satz von Bruckners Vierter als Suche nach geeignetem motivischem Material.

Den umgekehrten Prozess demonstrierte er am Anfang des vierten Satzes, wo sich aus einem monumentalen Tutti-Unisono nach und nach das thematische Satzgerüst herausschälte. Wobei: Von Inszenierung und Demonstration zu sprechen, würde seiner Intention nicht gerecht. Vielmehr ist es ein Auskosten, ein Pflegen der Konzertsituation – was möglicherweise Erinnerungen an Sergiu Celibidache weckt. Daniele Gattis gestalterische Energie schien an beiden Abenden unlimitiert – und das ist glücklicherweise auch sein Vertrag in Amsterdam.

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