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LUCERNE FESTIVAL: «Genderfragen finde ich zweitrangig»

Die Luzerner Komponistin Luzia von Wyl bewegt sich zwischen Jazz und Klassik. Zum Festival­thema «Primadonna» fragen wir die junge Musikerin, wie sie sich mit ihrem Männer­ensemble durchschlägt.
Interview Pirmin Bossart
Schätzt Musik, die soulig und funky ist, aber ebenso Orchestermusik, etwa von Tschaikowsky: die Luzerner Pianistin und Komponistin Luzia von Wyl (30). (Bild: Falk Neumann)

Schätzt Musik, die soulig und funky ist, aber ebenso Orchestermusik, etwa von Tschaikowsky: die Luzerner Pianistin und Komponistin Luzia von Wyl (30). (Bild: Falk Neumann)

Interview Pirmin Bossart

Luzia von Wyl, Sie sind die Chefin von neun Musikern: Warum spielen keine Frauen in Ihrem Ensemble? Sind Männer besser geeignet für die Klangvorstellungen, die Sie haben?

Luzia von Wyl: Da steckt keine Absicht dahinter, das hat sich schlicht so ergeben. Vielleicht hat es damit zu tun, dass es im Jazz viel mehr Männer gibt. Einige meiner Musiker kenne ich vom Studium her, ich weiss um ihre Fähigkeiten und möchte diese auch einsetzen. Grundsätzlich geht es mir immer um die Musik, die Genderfrage ist für mich zweitrangig. Ich schätze es, wenn Musiker ihre Ideen einbringen. Solche Qualitäten sind mir wichtiger als die Frage, ob das eine Frau oder ein Mann ist.

Im Jazz sind die Instrumentalistinnen sehr viel dünner gesät als in der Klassik. Warum ist das so? Haben Sie eine Erklärung dafür?

von Wyl: Ich habe keine wirkliche Antwort darauf. Einerseits mag mitspielen, dass es im Jazz weniger weibliche Vorbilder gibt. Auch sind sehr viele Lehrpersonen in der Musik von der Klassik geprägt. Da wird man in jungen Jahren vielleicht noch zu wenig ermuntert, Jazz zu spielen.

Oft wird gesagt, dass es im Jazz mehr Selbstbewusstsein erfordere, hinzustehen und zu improvisieren, das liege den Männern mehr.

von Wyl: Diese Meinung teile ich nicht. Um eine Mozart-Sonate oder eine Chopin-Ballade öffentlich zu spielen, braucht es mindestens so viel Selbstbewusstsein. Ich persönlich finde es einfacher, meine eigenen, jazzgeprägten Kompositionen aufzuführen, als klassische Werke zu interpretieren und zu wissen, dass da im Publikum Leute sitzen, die jede Note kennen und ihre genaue Vorstellung haben, wie sie klingen muss.

Stört Sie, dass Frauen in Ihrem Genre untervertreten sind? Oder beschäftigt das vielleicht nur Gleichstellungsbeauftragte oder Feministinnen?

von Wyl: Die Generation von Irène Schweizer hatte es schwieriger, sich Gehör zu verschaffen. Die Frauen mussten damals kämpfen, damit sie wahrgenommen wurden und gleiche Chancen hatten. Das ist mir dieses Jahr am Jazzfestival Schaffhausen klar geworden. Ich selber spüre diese Nachteile nicht mehr. Ich fand immer, dass ich gleiche Möglichkeiten habe wie meine männlichen Kollegen. Es würde mich hingegen stören, wenn ich nur als Quotenfrau akzeptiert würde. Ich möchte, dass man meine Musik gut findet, egal, ob ich eine Frau oder ein Mann bin.

Wie war das Geschlechterverhältnis während Ihrer Ausbildung?

von Wyl: An der Jazzabteilung der Hochschule der Künste Bern war ich die einzige Frau in der Kompositionsklasse. Auch die Dozenten waren Männer. Ich habe das wohl realisiert, aber es hat mich nicht gestört. Ich war gleichwertig akzeptiert. Wie gesagt, das ist in unserer Generation anders geworden. Frauen haben heute dieselben Möglichkeiten, Musik zu studieren, eine Band zu gründen, als Musikerin zu existieren. Wer das Gefühl hat, sie oder er wolle Jazz studieren und Jazz spielen, soll und kann das machen.

Was sind Ihre Erfahrungen, wenn Sie mit Frauen oder Männern Musik machen? Gibt es da relevante Unterschiede?

von Wyl: Generell suche ich mir Bandmitglieder, die präzise und vor allem auch emotional spielen. Technische Meisterleistungen kommen bei mir erst an zweiter Stelle. Ich merke schnell, wenn die Wellenlänge stimmt. Da unterscheide ich nicht, ob das mit einem Mann oder einer Frau ist.

Komponieren Männer anders als Frauen?

von Wyl: Ich kann auch hier nicht wirklich Unterschiede feststellen. Natürlich schreibt eine Maria Schneider anders als etwa Bob Mintzer. Aber beide haben etwas Verspieltes in ihren Kompositionen. Sobald man eine Aussage macht, wie spezifisch weiblich oder männlich jemand komponiert, findet man sofort wieder eine Komponistin oder einen Komponisten, die solche Zuordnungen unterlaufen. Ein guter Komponist ist für mich eine Frau oder ein Mann, die oder der eine persönliche Sprache entwickelt, schlüssige Dramaturgien findet und mich auf irgendeine Art und Weise berührt mit ihrer oder seiner Musik.

Ihre Musik ist schwierig einzuordnen, das macht sie auch spannend. Fühlen Sie sich persönlich eher der Klassik oder dem Jazz zugehörig?

von Wyl: Ich fühle mich letztlich dem Jazz näher, auch wenn ich beides studiert habe. Ich habe gerne Rhythmus und Groove. Ich schätze auch die Offenheit und die Neugier in der Jazzszene, da kann man viel mehr selber kreieren, Neues wagen und seinen persönlichen Spielraum ausschöpfen. Vielfach erlebe ich die Welt der Neuen Musik als sehr eng. Eine Komposition, in der man ein paar Takte mitschnippen oder gar dazu tanzen könnte, wird schnell verpönt. Das Lucerne Festival allerdings ist hier ein bemerkenswertes Gegenbeispiel.

Wie ist die Musik beschaffen, die Sie zutiefst glücklich macht?

von Wyl: Zum einen habe ich schon immer Musik geschätzt, die soulig und funky ist. Es ist Musik, die direkt in den Körper geht, zu der man tanzen kann, die einen körperlich bewegt. Ein Glücksgefühl! Zum andern schätze ich grosse und schöne Orchesterwerke wie etwa die sechste Sinfonie von Tschaikowsky. Das ist die Musik, die mit ihrer Emotionalität ein anderes, intimeres Glücksgefühl erzeugt und einen im Innern tief berührt.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

von Wyl: Diesen Herbst gehe ich in die USA. Ich weiss nicht, für wie lange, es ist alles offen. So gerne ich hier unterrichtet habe, so wichtig ist es, dass ich mich wieder vermehrt auf meine Musik konzentrieren kann. Auch wenn es mir nicht nur leicht fällt, das angestammte Umfeld für eine unbestimmte Zeit zu verlassen: Wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es später bereuen.

Hinweis

Konzert des Luzia-von-Wyl-Ensembles mit dem neuen Programm «Throwing Coins»: Late Night, Samstag, 27. August, 22 Uhr, Luzerner Saal, KKL Luzern.

www.lucernefestival.ch

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