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LUCERNE FESTIVAL: Grosse Orchestertour auf eine Art Mount Everest

Die Sächsische Staatskapelle Dresden gab mit Strauss ein Heimspiel. Und schloss mit Bruckner überraschend den Kreis.
Fritz Schaub
Nicht nur grosse Gesten: Dirigent Christian Thielemann und Anja Harteros mit dem Orchester aus Dresden. (Bild: LF/Matthias Creutziger)

Nicht nur grosse Gesten: Dirigent Christian Thielemann und Anja Harteros mit dem Orchester aus Dresden. (Bild: LF/Matthias Creutziger)

Es waren lauter letzte Werke beim ersten Auftritt der Sächsischen Staatskapelle unter ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann. Da waren zum einen die «Vier letzten Lieder» und das allerletzte Lied «Malven», das Richard Strauss komponiert hat. Und da war «Eine Alpensinfonie», die zwar der erst 50-jährige Strauss» schrieb, die aber das letzte Tongemälde in der Reihe der grossen sinfonischen Dichtungen ist.

Fünf letzte Lieder

Da war aber auch noch jenes Orchester, für dessen Vorgänger, die Dresdner Hofkapelle, Strauss das Hauptwerk des Abends komponiert hat. Und weil an der Spitze des Orchesters mit Christian Thielemann jener Dirigent stand, der heute wie kein zweiter mit Richard Strauss (und Richard Wagner) identifiziert wird, könnte man jetzt, wie es die Vorschau im Festival-Guide nahe legt, gleich mit Schreiben aufhören.

Doch Spass beiseite. Für den ersten Programmteil gibt es schon zu erklären, weshalb aus den «Vier letzten Liedern» «Fünf letzte Lieder» wurden. Nach den sogenannten «Vier letzten Liedern», die nicht Strauss selber, sondern der Verleger als Zyklus einrichtete, schrieb Strauss ein allerletztes Lied, «Malven» auf die lichten Verse der Schweizer Schriftstellerin Betty Wehrli-Knobel (1904–1998). Weil die Widmungsträgerin, die Strauss-Sängerin Maria Jeritza, es zeitlebens unter Verschluss gehalten hatte, wurde das Klavierlied erst 1985 aus der Taufe gehoben.

Rihm als «Capell-Compositeur»

Es war der kürzlich zum neuen Leiter der Festival Academy erkorene Wolfgang Rihm, der während seiner Zeit als «Capell-Compositeur» der Sächsischen Staatskapelle diese Naturlyrik orchestriert hat – im Vergleich zu Strauss mit fast spartanischen Mitteln. Diese sparsame Vertonung, die im grossen Orchester nur ein kleines Streicherensemble plus Harfe und ein paar Blasinstrumente (besonders schön die beiden Hörner am Schluss) benützt, passt zwar zu den flüchtigen Bildern, denen sich das Melos der Singstimme anschmiegt. An der zweiten Stelle, die es im Zyklus einnimmt, wirkte es aber doch etwas gar leicht.

Denn da stand Christian Thielemann, der bekanntermassen den grossen, vollen Ton liebt, dem Orchester vor, was schon beim ersten Lied «Frühling» nicht zu überhören war. Andere Interpreten gehen da vorsichtiger ans Werk. In der deutsch-griechischen Sopranistin Anja Harteros stand Thielemann zum Glück eine Sängerin mit hervorragender Diktion zur Seite. Abgesehen davon, dass sie auch die ausgreifende opernhafte Geste beherrscht, stand ihr neben einer kraftvoll strahlenden Höhe eine Unzahl an Farben zur Verfügung, und sie wartete mit berückenden Piano-Tönen auf.

Alle Schleusen offen

In keiner andern Tondichtung hat Richard Strauss einen derart grossen Klangapparat eingesetzt und ist so weit in die Programmmusik (mit 22 genau bezeichneten Stationen) vorgestossen, was immer wieder Skeptiker auf den Plan rief. Dennoch ist auch diese Bergwanderung, deren Ursprung auf ein reales Erlebnis des Teenagers zurückgeht, nicht nur eine raffiniert instrumentierte Malerei, sondern gibt Empfindungen und Natureindrücke wieder, die ein Wanderer beim Auf- und Abstieg eines Gipfels erlebt. Ja, man kann darin gleichnishaft den Gang eines Menschen von der Geburt bis zum Tod sehen.

Damit schloss sich an diesem Abend der Kreis und näherte sich das Riesenwerk dem Fünf-Lieder-Zyklus an, ohne freilich dessen Tiefgang zu erreichen. Unter dem felsenfest und doch geschmeidig agierenden Thielemann konnte die Sächsische Staatskapelle alle Schleusen öffnen. Der Gipfel, den es zu erklimmen galt, wuchs zu einem Mount Everest an, und das Riesenorchester wurde dabei souverän und expansiv auf die klanglichen Höhepunkte gehievt.

Die berührendsten Momente ergaben sich jedoch beim Abstieg, als die Musik auf dem Fundament der Orgel, die sich wirklich hörbar machen konnte, nach dem entfesselten Gewitter Stufe um Stufe absank und erst in der tiefen Nacht zum Verstummen kam.

Monumentale Kammermusik

Neben diesem in sich geschlossenen Strauss-Abend wirkte im zweiten Konzert vom Dienstag schon die Programmierung beliebiger. Da erklang zwar Beethovens drittes Klavierkonzert mit dem vorzüglichen Solisten Yefim Bronfman kompakt wie aus einem Guss, wobei Thielemann wie der Pianist den Kontrast zwischen straffem Pathos und romantischem Poesiezauber akzentuierten. Aber die verschwenderische Klangpalette des Klangkörpers kam exzellent erst in Bruckners sechster Sinfonie zur Geltung.

Grossartig, wie Thielemann hier weitab vom Klischee vom monumentalen Kathedralenklang selbst in den machtvollen Steigerungen eine in diesem Ausmass überraschende Transparenz und Leichtigkeit wahrte. In der Art, wie hier einzelne Gruppen – auffällig bis hin zu den Bratschen-Mittelstimmen – im grossen Zusammenhang kammermusikalisch hörbar blieben, glaubte man die Schulung an den Instrumentationskünsten von Strauss herauszuhören. Und schloss sich wiederum ein Kreis.

Fritz Schaub

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