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LUCERNE FESTIVAL: Haydn-Spass und Bekenntnis

Bei den traditionellen Gastkonzerten unter Sir Simon Rattle spielten die Berliner Philharmoniker einmal mehr ihre grossen Trümpfe aus. Sowohl in der Moderne wie in der Klassik.
Simon Rattle zeigte beides: Gefühl und Humor. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Simon Rattle zeigte beides: Gefühl und Humor. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Fritz Schaub

In den Anfangsjahren des Lucerne Festival Orchestras unter Claudio Abbado kursierten Schlagzeilen wie «Das beste Orchester der Welt», die bis nach Berlin drangen und dort nicht gerne gehört wurden. Dieses Jahr bestand die Gefahr wegen des bekannten Interregnums weniger, dass das Festspielorchester (seit mehreren Jahren ohne Berliner) die Sternstunden vorwegnehmen würde.

Massvolle Einstimmung

Beim ersten Auftritt des Berliner Orchesters stellte Rattle der monumentalen vierten Sinfonie c-Moll von Dmitri Schostakowitsch (1935/36) die ein Jahr später entstandenen Variations on a Theme of Frank Bridge op.10 von Benjamin Britten voran: eine kluge Wahl, nicht nur weil beide Komponisten befreundet waren und den noch kaum bekannten Gustav Mahler verehrten, sondern auch, weil man nicht bereits im ersten Teil gefordert, sondern eher mit Mass auf das einstündige (!) Riesenwerk des Russen nach der Pause eingestimmt wurde.

Die Mahler-Nähe offenbart zumal die achte der zehn Variationen auf das Thema des von Britten verehrten Lehrers Frank Bridge, der Funeral March, der wiederum verwies auf den Trauermarsch im Finalsatz der Schostakowitsch-Sinfonie. Was einen sofort gefangen nahm, war die ungeheure Energie, mit der die Berliner Streicher aufwarteten und die es dem Dirigenten dennoch erlaubte, die verschiedenen Charaktereigenschaften des porträtierten Lehrers pointiert herauszuschälen.

Rattle in seinem Element

Es ist ungleich mehr als ein Sound, den die Berliner hier verströmten, dafür ist der Klang viel zu körnig und zu hochgespannt. Hätten die Berliner einen jederzeit erkennbaren Sound – er wäre in der wegen des damals wütenden Stalin-Terrors erst 25 Jahre nach der Entstehung uraufgeführten c-Moll-Sinfonie von Schostakowitsch erbarmungslos zerfetzt worden. Denn diese Bekenntnismusik erfordert den Mut, sich auf die nicht «schönen», ja kakofonischen Reibungen einzulassen und die angespannte Gangart durch die beiden gigantischen Ecksätze bis zum Ende erbarmungslos durchzuhalten.

Dies ist Sir Simon Rattle auf beklemmende Weise gelungen, indem er die Akustik des Saals ausreizte und bis in die ätzenden Höhen der Piccoloflöten und mit den fortefortissimo erklingenden katastrophalen Zusammenbrüchen des ganzen Orchesters den Raum zum Bersten füllte. Der gelernte Schlagzeuger Rattle war im Element, wenn es galt, das gesamte Orchester als Perkussionsinstrument zu verwenden und im Kopfsatz einen maschinenartig stampfenden Marsch zu hämmern. Andererseits hatte er das Feingefühl für die zersplitterten Klänge und herumgeisternden Melodien, die immer wieder zwischen den massiven Tuttiblöcken aufkeimen, um am Ende die Sinfonie mit verhaltener Spannung in das trostlose Ende ausmünden zu lassen, nur von ein paar zarten Celesta-Klängen begleitet. Erst nach unendlich langen Sekunden löste sich die Betroffenheit in Beifall auf.

Reise durch den Haydn-Kosmos

Radikaler Szenenwechsel beim zweiten Auftritt der Berliner: Auf dem Podium scharen sich etwa 30 Musiker, zwei Hörner und zwei Oboen neben den Streichern, um Rattle: ideale Voraussetzungen für eine intime Wiedergabe in kammermusikalischem Geist der Sinfonia concertante für Violine und Viola von W. A. Mozart, deren Soloparts vom ersten Konzertmeister Daishin Kashimoto und dem ersten Solo-Bratscher Amihai Grosz glasklar und mit samtener Tongebung in idealer Balance mit dem Orchester gespielt wurden.

Die gleiche Orchesterformation, ergänzt um Fagott, Flöte, Barocktrompeten und Pauken, gab es bei der «Symphonie imaginaire», dem aus zehn Instrumentalsätzen von Haydn zusammengestellten «Pasticcio». Rattle macht – auf Deutsch! – darauf aufmerksam, dass er das Pasticcio als ganzes Werk auffasse und man sowohl bekannte wie unbekannte Ausschnitte zu hören bekomme.

Würde man nun den ultimativen Humoristen Haydn hören, wie er vielfach angekündigt wurde? Mehrere Abschnitte erbrachten eher das Gegenteil, den visionären und dramatischen Haydn im Stil der «Vorstellung des Chaos» (aus der «Schöpfung»); selbst trübe Winterstimmung fehlte nicht (aus den «Jahreszeiten»). Der erklärte Haydn-Bekenner Rattle wollte möglichst viele Aspekte des experimentierfreudigen Oeuvres zeigen. Man vernahm aber zwei Stellen, die man bereits bei Haitink und Nelsons gehört hatte. Der Effekt war indes ein anderer: beim Prestissimo der Sinfonie C-Dur Hob.I:60 «Il distratto» klopfte Rattle («Halt, nicht so, Freunde!») wirklich ab, damit die Musiker die Instrumente stimmen konnten. Und auf den Trugschluss des Finales der Sinfonie C-Dur-Hob.I:90 fielen die Hörer tatsächlich herein und applaudierten laut. Rattle konnte sich ins Fäustchen lachen.

Maliziöse Bemerkung

Eine individuelle Lösung hatte Rattle auch beim bekanntesten Haydn-Lacher parat: Als im Finale der Abschiedssinfonie im verdunkelten Saal einer nach dem andern das Podium verliess, bis links und rechts vom Dirigenten nur noch die Stimmführer der ersten und zweiten Geigen blieben, entschwand Rattle seinerseits in den Hintergrund. Um also gleich die Musikerschar zurückzurufen und mit ihnen den geschachtelten Klängen der Flötenuhr zu lauschen, mit der sich Haydns Musiker im weitab von der Metropole gelegenen Schloss Esterhazy die Zeit vertrieben. Es gab ja damals noch kein Internet, wie Rattle zuvor maliziös bemerkt hatte.

Noch selten wurde klassische Musik so locker und einfallsreich vermittelt – und das auf höchstem Niveau, bei dem die Werke bis ins Detail ausgefeilt und lebendig, selbst in entfesselten Ausbrüchen des Orchesters, gespielt wurden.

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