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LUCERNE FESTIVAL: Hightech schafft eine Salle Modulable

Digitale Projektionen statt handgemachter Bühnenbilder: Die Zukunft des Theaters kündigte sich gestern an mit der Aufführung zweier Opern des diesjährigen Composer in Residence, des Holländers Michel van der Aa.
Urs Mattenberger
Miah Persson (real) und Roderick Williams (als 3D-Projektion) in van der Aas «Blank Out» im Luzerner Saal. (Bild: Priska Ketterer/LF (13. August 2017))

Miah Persson (real) und Roderick Williams (als 3D-Projektion) in van der Aas «Blank Out» im Luzerner Saal. (Bild: Priska Ketterer/LF (13. August 2017))

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Schon nach drei Tagen Festival steht fest, dass dieses ein Zeichen setzt für eine neue Ära in Sachen Musiktheater. Bereits das Programm hatte für die beiden Opern des Composer in Residence Michel van der Aa, die gestern zur Aufführung gelangten, mit Zukunftsslogans geworben: «Mit der 3D-Brille in die Oper» hiess es mit Blick auf das multimediale Eine-Frau-Stück «Blank Out» im Luzerner Saal.

Und dieses übertraf die hochgesteckten Erwartungen noch, was den Einbezug multimedialer Technologien anbelangt. Nach einem Text der Autorin Ingrid Jonker handelt es von einem existenziellen Eltern-Kind-Verlust: Zu Beginn schildert die Mutter (ebenso stimm- wie körperintensiv: die Sopranistin Miah Persson) den Ertrinkungstod ihres Sohnes, später kehrt van der Aa die Perspektive um: Der Sohn, beim Ertrinken von der Mutter im Stich gelassen, erlebt das seinerseits als Verlust der Mutter, der in seiner Tragweite dem Ertrinkungstod gleichkommt.

Reale und virtuelle Sänger vereint

Real auf der Bühne freilich sehen wir nur die Sängerin – sie dafür gleich mehrfach. Van der Aa verdichtet die dramatische Erzählung der Mutter, indem er diese auf der Leinwand dupliziert und schliesslich verdreifacht. Wenn plötzlich drei identische Miah Perssons auf der Bühne agieren – eine real, zwei als täuschend ­echte Projektionen auf der Leinwand –, widerspiegelt das nicht nur das Zerbrechen einer Identität. Der jetzt dreistimmige Gesang führt musikalisch zu einer Verdichtung, die ebenfalls Gegensätze verbindet – vom betörenden Wohlklang bis zum archaischen Klagelaut, wenn sich die Stimmen schmerzhaft aneinanderreiben. Dass man die drei Stimmen aus der jeweiligen Perspektive der virtuell-realen Sängerinnen hört, zeigt, wie weit die Technik, vorproduziertes und live aufgenommenes Material zu verschmelzen, fortgeschritten ist. Das gilt auch, wenn später der Bariton Roderick Williams hinzukommt. Er ist – wie der Niederländische Kammerchor – nur virtuell auf der Leinwand präsent, seine Stimme aber vereint sich nahtlos mit jener der Sopranistin.

Geschickt nutzt auch van der Aas Inszenierung das Spiel mit den Ebenen. Die Tonbänder, die Mutter und Sohn von alten Tonbandgeräten – auf der Bühne wie im Film – wie Erinnerungen abspulen, verknüpfen Leinwand- und Bühnenwelt. Und wenn sich beide zum Berühren nahe kommen und doch in ihren Welten voneinander getrennt bleiben, erschüttert die Tragik des gegenseitigen Verlusts über alle technische Faszination hinaus.

Von bedrängender Bildkraft sind auch die surrealen Kamerafahrten in grüne Landschaften zurück zum Ort des Traumas. Da nutzt van der Aa die 3D-Technik auch für Special effects, wenn er Steine auf die Bühne hämmern und ins Publikum fliegen lässt und sich die elektronische Tonspur über unverbindliches Blubbern hinaus zu angsterregenden Gewittern ballt.

Die Welt durchs Fernrohr

Im Zusammenspiel von Text, Spiel, Film und Musik schafft die Produktion damit eine Art Salle Modulable mit ständig wechselnden, surrealen Räumen. Im theatralen Bereich dürfte das Festival damit ebenso von neuen Technologien profitieren wie die Musikhochschulen im Bereich der elektronischen Musik. Dass Luzern über kein elektronisches Studio verfügt, wiegt bekanntlich weniger schwer, seit solche in einem einzigen Laptop Platz haben.

Bei van der Aa kommt hinzu, dass er als Filmer und Regisseur viele Talente hat. Das Kompositorische spielt in den Opern nicht einmal die Hauptrolle. Das galt mehr noch für das «Book Of Disquiet» um 11 Uhr im Luzerner Theater (mit einem Ensemble der Festival-Alumni), das ebenfalls mit raffinierten Video­sequenzen Fernando Pessoas Spiel mit Identitäten surreal umsetzt. Magisch – und witzig – waren hier die Projektionen auf eine kreisrunde Leinwand, die Pessoas’ distanzierten Blick auf die Welt durchs Fernrohr suggeriert. Und eine Wucht war vor dem etwas beschränkten Erregungs­vokabular der Musik die Leistung des Schauspielers Walter Sigi Arnold, der hochdramatisch und ganz ohne Technik dem Stück zu grosser Form verhalf.

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