LUCERNE FESTIVAL: «In jedem steckt ein kleiner Prinz»

Zwei Projekte für ein junges Publikum: Lucerne Festival macht einen Jugendlichen mit Down-Syndrom zum «Kleinen Prinzen», das Luzerner Theater trickst mit einer Kinderoper von Mozart.

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Das Bundesjugendballett macht integrative Jugendprojekte über den Tanz und die Musik hinaus: Szene aus «Der kleine Prinz» mit Julius Winkelsträter (Zweiter von links) in der Titelrolle. (Bild: PD/Melanie Couson)

Das Bundesjugendballett macht integrative Jugendprojekte über den Tanz und die Musik hinaus: Szene aus «Der kleine Prinz» mit Julius Winkelsträter (Zweiter von links) in der Titelrolle. (Bild: PD/Melanie Couson)

Katharina Thalmann

Sie sind weithin bekannt, die poetischen Bilder des kleinen Prinzen mit blondem Wuschelkopf auf der Reise durch die Planeten. Er begegnet kuriosen Charakteren und animiert die Leser mit vermeintlich kinderleichten Fragen zum Nachdenken. Die melancholische Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry erfreut sich ungebrochener Beliebtheit; unlängst war sie als Animationsfilm in den Kinos zu sehen. Mit «Ein kleiner Prinz» setzt das Lucerne Festival Young den Stoff musikalisch-tänzerisch um. Doch wie tanzt man diese Geschichte?

«Wahrhafte Aufrichtigkeit»

Für ein solches Projekt sind das Bundesjugendballett sowie die Ensembles der Lucerne Festival Alumni und des Podium-Festivals Esslingen eine gelungene Besetzung. «Es geht uns nicht um eine Übersetzung des Romans in Tanz», sagt Kevin Haigen, künstlerischer Leiter des Bundesjugendballetts. Mit John Neumeier als Intendanten vereint dieses Tänzer und Tänzerinnen zu einer Ballettcompagnie. Die Kreation neuer Stücke gehört ebenso zu den Kernaufgaben wie deren Vermittlung. «Das Projekt war so angelegt, dass wir das Stück gemeinsam entwickeln, dass jeder Einzelne sich kreativ einbringt.»

Laut Haigen ziele die Produktion darauf ab, die Kernaussage des Romans künstlerisch umzusetzen. Dafür – und für die «integrative» Arbeit des Jugendballetts – steht die Wahl des 17-jährigen Julius Winkelsträter in der Titelrolle. Der Jugendliche mit Down-Syndrom begeisterte die ganze Truppe mit seiner «wahrhaften Aufrichtigkeit und Sensibilität». Er wurde damit für Haigen zum Inbegriff der Botschaft von Saint-Exupérys Roman: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Haigens Truppe nimmt diese Kernbotschaft als Ausgangspunkt für eine eigene Reise durch die Planeten – «denn in jedem Einzelnen von uns steckt ein kleiner Prinz».

Mehr als Vermittlung

Nach wie vor gilt Ballett laut gängigen Klischees als «Mädchensache». Projekte wie «Ein kleiner Prinz» bieten die Chance, den Tanz als geschlechterunabhängige Kunstform wahrzunehmen. Da Kinder und Jugendliche das Zielpublikum der Young-Produktionen sind, können Berührungsängste und Gender-Stereotypen abgebaut werden. «Durch Kooperationen mit jungen Musikern und Auftritte an unterschiedlichen Orten bringen wir Tanz zu den Menschen. Entscheidend ist aber auch, was die Menschen uns geben», so Kevin Haigen.

Mit Vermittlung von Tanz allein ist es beim Oster-Festival aber nicht getan. Die Musik, zu der die Choreografien getanzt werden, bietet ein farbenreiches Panoptikum quer durch die stilistische Vielfalt des 20. Jahrhunderts. Gespielt werden Werke von Philipp Glass, Anton Webern oder Maurice Ravel. Mit dieser sogenannt neuen Musik zu arbeiten, liegt in Anbetracht der Ausrichtung der Lucerne Festival Alumni auf der Hand. Das Ensemble besteht aus Ehemaligen der Lucerne Festival Academy, die sich jährlich neuer Musik widmet.

Multitasking für Tänzer und Spieler

Lucerne Festival Young bietet den jungen Musikern eine Plattform, um die Leidenschaft für diese Musik weiterzugeben. Dieses Selbstverständnis teilt Kevin Haigen mit dem Lucerne Festival: «Unsere Kernaufgabe liegt in der Kreation neuer Choreografien von verschiedenen Choreografen und den Bundesjugendballett-Mitgliedern – sodass die jungen Tänzer auch selbst als Choreografen tätig werden.»

So treffen sich in Luzern verschiedene Vertreter einer jungen, versierten Künstlergeneration. Nicht nur dem Publikum wird dabei Multitasking abverlangt: «Die Musiker und die Tänzer entwickeln Übergänge zwischen den Musikstücken mit gesprochenem Text und eigenen klanglichen Farbtönen. Ausserdem sind die Musiker in der Inszenierung Teil des Ensembles und treten als Darsteller mit den Tänzern in Interaktion. Die Musik ist keine Begleitung, sondern sie ist visuell erfahrbar.»

Dass junge und jüngste Hörer mit dem Resultat eines so komplexen Arbeitsprozesses konfrontiert werden, weist auf die Ernsthaftigkeit hin, mit der das Festival an den Vermittlungsauftrag herangeht. Aber auch erwachsene Hörer sind willkommen, denn es gilt ja: In jedem und jeder steckt ein kleiner Prinz.

Hinweis

Vorstellungen von «Der kleine Prinz» am Lucerne Festival Ostern: Sonntag, 20. März, 11 und 15 Uhr, Luzerner Saal (ab acht Jahren).