Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUCERNE FESTIVAL: Individualität ist wichtiger als Geschlecht

Ein Frauen-Erlebnistag mit besonderer Prägung: Von den Kindern im Young-Konzert bis zu den Stars im KKL standen Geschlechterklischees auf dem Prüfstand.
Urs Mattenberger
Femininer Spielraum für Individualität: Anne-Sophie Mutter ... (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketter)

Femininer Spielraum für Individualität: Anne-Sophie Mutter ... (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketter)

Männer aufgepasst! Die lesenswerten Interviews mit Musikerinnen, die Lucerne Festival zum Thema «Primadonna» in einem Blog versammelt, zeigen: Frauen sind im Musikbetrieb nicht nur in Richtung Gleichberechtigung «auf der Schnellstrasse» unterwegs. Madeleine Carruzzo, die 1982 als erste Frau zu den Berliner Philharmonikern kam, formuliert das neue Selbstbewusstsein in einer Weise, die jedem Mann als Chauvinismus ausgelegt würde: «Die Zukunft», meint sie schlicht, «gehört den Frauen.»

Weibliche und männliche Talente

Bereits begonnen hatte diese Zukunft in den Konzerten am Festivalwochenende. Denn da machten Solistinnen, eine Dirigentin und Komponistinnen den Sonntag zum Frauen-Erlebnistag, ohne dass er als solcher deklariert war.

Den Eindruck, dass Frauen unter Geigern längst in der Überzahl sind (Susanne Stähr im Blog mit Isabelle Faust), bestätigten die Sinfoniekonzerte vom Sonntag. Da trat am Morgen Faust im zweiten Dvorák-Programm des Chamber Orchestra of Europe (COE) unter Bernard Haitink auf. Am Abend bescherte Anne-Sophie Mutter dem Orchester der Lucerne Festival Academy mit Musik des 20. Jahrhunderts einen bis auf den letzten Emporenplatz ausverkauften Konzertsaal. Das würde heute wohl kein männlicher Geiger schaffen.

In den Blog-Beiträgen klingen zwar hier und da Geschlechterklischees an, etwa wenn sich die Flötistin Jelka Weber die Verbindung von «weiblichen und männlichen Talenten» wünscht und diese mit «Intuition» und dem «Denken in grossen Bögen» verbindet. Aber Mutter wie Faust betonen, Individualität sei wichtiger als das Geschlecht, weil sich männliche und weibliche Seiten ohnehin in jedem Menschen mischten.

Jenseits der Klischees

Die individuellen Unterschiede zwischen den beiden Frauentypen zeigten sich schon im äusseren Auftritt, wobei beide betont feminine Akzente setzten – Mutter mit einem klassisch-eleganten Kleid und Faust mit einem Edel-Poncho.

Individuell jenseits der Klischees war aber doch ihr Spiel selber. Isabelle Faust war eine kongeniale Partnerin des Erfolgsgespanns Haitink/COE, das die Ereignishaftigkeit seines schlank pointierten, duftig atmenden Dvorák-Spiels mit der siebten Sinfonie und im Violinkonzert bestätigte. Zum kammerorchestral geschärften Ansatz passte Fausts energischer, in tänzelnde Leichtigkeit verwandelter Zugriff ebenso wie die feinnervige Sensibilität ihres Tons, der sich vom Orchester auch hymnisch berauschend in die Weite tragen liess.

Wurde der Romantiker Dvorák quasi entschlackt, ging das Academy-Orchester am Abend mit Alban Bergs Violinkonzert den umgekehrten Weg. Bestimmend dafür war der warme, sinnlich aufblühende Ton von Mutter, die dem Moderne-Klassiker wie Norbert Morets «En rêve» zu betörenden Ausdrucksnuancen verhalf. Das Orchester gestaltete das unter Leitung von Alan Gilbert mit geschmeidig-sinfonischem Klang mit. Und reihte sich mit Schönbergs sinfonischer Dichtung «Pelleas und Melisande», die Klangrausch mit Transparenz verband, sensationell in die Parade der grossen Gastorchester ein.

Von der Intuition zum Referat

Dazwischen konnte man Abstecher in den Luzerner Saal machen, wo Alumni der Academy in einem Marathon neun Werke zur Uraufführung brachten, die das Festival mit dem Schweizerischen Tonkünstlerverein in Auftrag gab. Hier profitierten die versprochenen neuen Konzertformate in unserer Stichprobe bedingt vom kommunikativen Talent, das Frauen an diesem Festival zeigten.

So musste man sich nach der Einführung der Japanerin Ezko Kikoutchi in ihre Musikalisierung von Platons Symposium trotz instrumentalem Tischpalaver auf seine Intuition verlassen. Antoine Fachard dagegen referierte – typisch Mann? – ausgiebig über zirkuläre Zeitkonzepte und die Entropie, die sein «Anakyklion» mit gegenläufigen Mustern ausser Kraft setzt. Typisch Frau war vielleicht die spontane Begeisterung, mit der sich die Dirigentin Lin Liao in die Einführung einmischte, bevor sie die Werke mit einer Selbstverständlichkeit dirigierte, die tatsächlich Zukunft versprach.

Dass Frauen als Dirigentinnen trotzdem noch immer untervertreten sind, mag damit zusammenhängen, dass sie für Familie und Kinder andere Prioritäten setzen, wie die Dirigentin Konstantia Gourzi am Podium gesagt hatte. Dass darin auch ein künstlerisches Potenzial liegt, hatte am Samstag die Young-Produktion im Südpol gezeigt. Da brachte das «Aschenputtel» (hinreissend: die Schauspielerin Eugénie Anselin) die Trauer um die tote Mutter so ergreifend zum Audruck, dass man als Mann neidisch wurde. Und am Ende lösten sich selbst bei den Kindern die Gender-Klischees buchstäblich in Luft auf: Da, wo die kleinen Besucher das Bühnenlaub in die Luft wirbeln durften, tanzten nicht nur die Mädchen, sondern für einmal auch die Buben mit.

... und Isabelle Faust in den Sinfoniekonzerten vom Sonntag. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)

... und Isabelle Faust in den Sinfoniekonzerten vom Sonntag. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.