LUCERNE FESTIVAL: Karfreitagszauber wird packende Story

Starker thematischer Abschluss: Vor dem gestrigen Schlusskonzert mit Rossinis Messe blickte Andris Nelsons am Samstag mit «Parsifal» auf Ostern voraus.

Urs Mattenberger
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Der zentrale thematische Akzent: Andris Nelsons dirigiert Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks. (Bild LF/Peter Fischli)

Der zentrale thematische Akzent: Andris Nelsons dirigiert Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks. (Bild LF/Peter Fischli)

Karfreitagszauber im prosaisch-weltlichen Rahmen des KKL-Konzertsaals? Spätestens als am Samstag im dritten Aufzug von Richard Wagners «Parsifal» der Gral enthüllt wurde, mussten sich auch hartnäckigste Zweifler belehren und bekehren lassen, dass das geht.

Da nämlich dünnt sich der hypnotische Klangstrom des Orchesters bis an die Hörgrenze aus, bis nur noch ein Ton in der Stille hängen bleibt und unmerklich weiterträgt: hinüber in die ganz andere Klangwelt, die hin zur zarten chorischen Verklärung, der «Erlösung dem Erlöser», führt. Man konnte gar nicht anders, als hier Wagners minutiös ausgekostete «Kunst des Übergangs» als eine spirituelle Verwandlung zu erleben, wie man sie von einem geistlichen Festival zur Osterzeit erwartet.

Nelsons als Klangzauberer

Neben Passionsmusiken aus der Renaissance – am Dienstag mit dem Ensemble Stile Antico in der Franziskanerkirche – war dieses Konzert des Chors und Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zwar das einzige an diesem Festival mit einem konkreten Bezug zur Osterzeit. Aber es löste den Anspruch des Intendanten Michael Hae­fliger (vgl. Ausgabe von gestern), spirituelle Inhalte eben auch mit nichtkirchlichen Werken in Sinfoniekonzerte zu integrieren, exemplarisch ein.

Möglich machte es zum einen der Dirigent des Abends, der 35-jährige Lette Andris Nelsons, der mit diesem «Parsifal»-Auszug eine Vorpremiere zu seinem zweiten Bayreuther Dirigat in zwei Jahren bot. Nelsons sucht nicht nur in jedem Werk die spannende «Story», wie er im Gespräch mit unserer Zeitung sagte, sondern bekennt sich auch ausdrücklich zu seinem starken Glauben: Werke etwa von Gustav Mahler zu dirigieren, sagte er, sei ohne Glauben schwierig.

Packende Story und Spiritualität? Im dritten Aufzug dieses «Parsifals» fand beides zusammen. Möglich machte das zum anderen das exzellent disponierte Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Die Kunst des kleinsten Übergangs ermöglichte hier eine spinnwebenzart aufgefächerte Klangkultur mit reihenweise betörenden und aufblühenden Soli namentlich der Holzbläser. Wie Nelsons sie auch zur grossen Geste steigerte, bewies, wie er einen kammermusikalisch aufgelichteten Ansatz mit der Tradition einer grossorchestralen, in mitunter langsamen Tempi ausgekosteten Klangkultur verbindet. Das waren Qualitäten, die auch sein Debüt mit dem Lucerne Festival Orchestra (LFO) zu Beginn des Festivals gezeigt hatte und die ihn zu einem denkbaren Nachfolger Abbados beim LFO machen.

Packendes Sängerdrama

Kam hinzu, dass die Aufführung sich auch im Sängerischen auf diesem Niveau und in diesem Ansatz bewegte. Der Chor steuerte nicht nur die Klangpracht bei, die man von diesem Bühnenweihfestspiel erwartet, sondern wechselte ausgeprägt von scharf artikulierter Diktion zu raunender Klangmystik. In den zentralen Sängerrollen bestach der Gurnemanz von Georg Zeppenfeld mit kernig-klarem Bass, der sogar das Mitlesen auf der Leinwand erübrigte. Der hell strahlende Tenor von Simon O’Neill verlieh dem «Parsifal» leicht distanzierte menschliche Züge weit weg von jedem Heldenpathos.

Eine Überraschung war das Wechselspiel zwischen dem Chor und dem drastisch agierenden Tomasz Konieczyna in der Rolle des siechen Amfortas. Es machte aus dem Drama um die erlösende Gralsenthüllung doch auch eine «Story», die psychologisch mit Spannung aufgeladen wurde wie ein Thriller. Ein praktisch voller Saal verdankte es mit ebenso intensivem Applaus.