LUCERNE FESTIVAL: Klangmalerei statt Orchesterpomp

Dirigent Gustavo Dudamel (32) wird geliebt für seine enthusiastischen Interpretationen. In Luzern schlägt er auch leisere Töne an.

Roman Kühne
Drucken
Teilen
Gustavo Dudamel dirigiert am Donnerstag im KKL das Orchester Los Angeles Philharmonic. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Gustavo Dudamel dirigiert am Donnerstag im KKL das Orchester Los Angeles Philharmonic. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Der Venezolaner Gustavo Dudamel weiss das Publikum einfach zu begeistern. Standen am Mittwoch eher das Werk, die schweizerische Erstaufführung «The Gospel according to the other Mary» und die diversen Sänger und Schauspieler im Zentrum (Ausgabe von gestern), so ist am Donnerstag der ganze Fokus auf den Dirigenten gerichtet.

Und dieser hat, erst 32-jährig, nichts von seiner Faszination eingebüsst. Dabei sind durchaus Veränderungen festzustellen. Berühmt geworden mit seinem offensiven, energetischen Dirigierstil, sucht Dudamel heute bewusst auch die leiseren Töne. Das Programm des ersten Teiles ist weniger den griffigen Melodien und dem grossen Orchesterpomp gewidmet. Im Zentrum steht ganz die Klangmalerei, teils gar kammermusikalisch aufgeführt.

«Zipangu für dreizehn Streicher» (1980) des Kanadiers Claude Vivier ist denn auch aus dem Kontakt des Komponisten mit der Mystik und den Ritualen Asiens entstanden. Zipangu ist eine alte Bezeichnung der Europäer für das japanische Inselreich. Dudamel zeichnet das Stück mit grosser Klarheit. Der meditative Anfang weicht schnell einer hellen, deutlich phrasierten Flächigkeit. Die Fremdheit des Werkes wird quasi plastisch, für die Sinne greifbar gemacht.

Dem Hellen verpflichtet

Die gleiche Klarsicht findet sich im impressionistischen Klanggewebe «La Mer» von Claude Debussy. Dudamel sucht auch hier die reine, klanglich offene Interpretation. Eigentlich erstaunlich, denn es ist nicht ein explizit kammermusikalischer Ansatz, den der Dirigent in diesem Stück pflegt. Es fehlt hier das tastende Suchen, welches dasselbe Werk schon unter Abbado und dem Festival-Orchester zum innigen, warmen Erlebnis reifen liess. Aber mit klaren Akzenten und Betonungen werden deutliche Strukturen geschaffen.

Auch liegt dies wohl in der «Natur» des Orchesters. Klangen die Münchner Philharmoniker vor sechs Tagen warm und rund, so ist die Los Angeles Philharmonic eher, und wohl typisch für viele amerikanische Ensembles, mehr dem Hellen, Direkten verpflichtet. Zwar im Sound nie schneidend scharf, ist der Gesamtton schlank und schnörkellos.

Dazu kommt, dass das Orchester auf allen Registern ausgezeichnet besetzt ist. Herausragende Präzision in Tutti-Stellen wechseln mit hervorragenden solistischen Einsätzen. Ein wunderbares Künstlerkollektiv, das sich mit seinem Dirigenten fast blind zu verstehen scheint. Vor wenigen Jahren noch unvorstellbar: Dudamel hält den Lautstärkepegel über weite Strecken unten und stellt erst den Schluss in ein überbordendes Feuer. Eine wahrlich gelungene Interpretation.

Spektakulärer Schluss

Ähnlich zurückgenommen ist über weite Strecken auch Igor Strawinskys «Der Feuervogel». Eigentlich ist es ein Paradestück für Effekte und Spielereien, das letzte Werk, bevor Strawinsky zu neuen Ufern übersetzt. Doch Gustavo Dudamel hält die Flamme unter Kontrolle, lässt viel Platz für den exzellenten Es-Klarinettisten oder den praktisch ohne Unterbruch geforderten, ausgezeichneten Solohornisten. Teilweise wird das Tempo vollständig zurückgenommen. Erlebt man hier einen Dirigenten auf der Suche nach dem Weg nach innen? Das Ende seiner Sturm-und-Drang-Zeit? Trotz seines jugendlichen Alters stehen Dudamel die Türen der besten Orchester der Welt offen. Da bleiben ihm noch viel Zeit und viele Möglichkeiten, verschiedene Wege auszuloten.

Erst in der Mitte beginnt das Orchester allmählich aufzudrehen. Die spektakulären «Zauberstellen» werden mit viel Verve in Szene gesetzt. Theatralische Pausen kreieren Spannung und Effekte. Wenn dann die Posaunen ihre Rohre waagrecht ins Publikum heben, um der Lautstärke noch den letzten Kick zu geben, dann blitzt hier doch noch die Kraft eines Energiebündels auf, das auch an diesem Abend wieder das Publikum zum tosenden Schlussapplaus bringt.