LUCERNE FESTIVAL: Klassikwelt ruft den Geist Mani Matters

Der Komponist Jürg Wyttenbach (79) hat dieser Tage sein Schaffen präsentiert: mit einer Mani-Matter-Uraufführung und deftigem Humor.

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Die Basler Madrigalisten übernahmen bei der Uraufführung von «Der Unfall» am Freitag im Luzerner Theater den Orchesterpart. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Die Basler Madrigalisten übernahmen bei der Uraufführung von «Der Unfall» am Freitag im Luzerner Theater den Orchesterpart. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Simon Bordier

Der Schweizer Komponist Jürg Wyttenbach (79) kennt keine falsche Scheu, wenn es darum geht, Gedichte zu verarbeiten. Doch mit einem Text hat er sich über 40 Jahre schwergetan: dem Libretto des Madrigalspiels «Der Unfall» seines Freundes und Liedermachers Mani Matter, der kurz nach dem Verfassen des Librettos 1972 durch einen Autounfall ums Leben kam.

Jahre nach dem Schicksalsschlag hat Wyttenbach den Text nun vertont. Am Freitag fand im Luzerner Theater in Kooperation mit dem Lucerne Festival und dem Basler Gare du Nord die Uraufführung des Stücks statt. Diese bildete den Auftakt zum Konzertwochenende des Lucerne Festival, das dem Schaffen Wyttenbachs als diesjährigem Composer in Residence gewidmet ist.

Mani Matter auf Hochdeutsch

Die vorzüglichen Basler Madrigalisten übernahmen im Madrigalspiel gleich den Orchesterpart. «Der Unfall» ist nämlich ein absurdes Theaterstück und damit ein Kind der 70er-Jahre. Ein Orchester ist in dieser Anti-Oper ebenso wenig vorgesehen wie eine Handlung im klassischen Sinne. Das Stück beginnt mit einem geräuschstarken Unfall, worauf ein Sprecher (Silvester von Hösslin) an den Bühnenrand tritt und sich als totes Unfallopfer zu erkennen gibt (szenische Einrichtung von Désirée Meiser). Er sinniert darüber, ob er auch gestorben wäre, wenn er Musiker geworden wäre, wie es stets sein Wunsch war. Der Idee geht er in nicht enden wollenden Argumentationsketten nach, wobei man Mani Matter als Autor mitreissender hochdeutscher Theatertexte kennen lernt. Indes wird mit Pantomimen (Daniele Pintaudi) und Cellospiel (Matthias Schranz) das Innenleben des Sprechers gezeigt. Dieser verliebt sich nämlich in eine Primadonna (Noëlle-Anne Darbellay). Die Musik Wyttenbachs wirkt dabei durch ihre Sprachnähe umwerfend parodistisch. So etwa, wenn die Basler Madrigalisten den Satz «Das Orchester probt die Ouvertüre» nachsprechen und orchestral zerlegen, bis lauter scharfe «dassss», rollende «prrr» oder ein lang gedehntes «Tüüüre» zu hören sind.

Worte wachsen zu Gesten

Die Uraufführung wurde von älteren Mani-Matter-Vertonungen Wyttenbachs stimmig umrahmt (musikalische Leitung Raphael Immoos). Andere Lieder zeigten eindrücklich, wie Wyttenbach einzelne Worte zu musikalischen Gesten heranwachsen lässt. Bezeichnend dafür war, dass die Violinistin Noëlle-Anne Darbellay, der Klarinettist Lanet Flores Otero und der Cellist Matthias Schranz jeweils in einer Person den Text rezitierten, sangen und ihr Instrument zupften, bliesen oder sonst wie traktierten.

Beerdigungszeremonie vertont

Musikalische Gesten schöpft Wyttenbach auch aus Bildern. Gestern Vormittag leitete er im Kulturzentrum Maihof die Aufführung seines Orchesterstücks «Cortege pour violon» mit der Jungen Philharmonie Zentralschweiz. Das Werk beruht auf dem Gemälde «Un enterrement a Ornans» von Gustave Corbet (1819–1877), das eine Beerdigungszeremonie zeigt. Seinerzeit hatten sich beim Maler freiwillig Bewohner des Dorfes Ornans gemeldet, um sich porträtieren zu lassen. Diese Situation übertrug Wyttenbach nun auf die Musik: Verschiedene Instrumentengruppen traten unter dem Bild Corbets, das auf eine Leinwand projiziert wurde, vor und präsentierten sich mit markanten Klängen der wartenden Violinistin (Carolin Widmann). Diese führte die Klänge spielend und singend zusammen, wobei das Schlagzeug sie mit Knochengeräuschen begleitete. Die unterhaltsame Szenerie endete mit himmlischen Streicherklängen hinter der Leinwand. Die weiteren Werke von Wyttenbach und Chles Ives waren vom musikalischen Niveau her teils etwas unbefriedigend, ausgenommen die Sopranistin Maria Korovatskaya.

Als deftig-herbe Komik erwies sich am Nachmittag die Verbindung zwischen «Walliserditsch», französischen Versen und volksmusikalischen Anklängen im Stück «Gargantua chez les Helvetes du Haut-Valais oder: ‹Was sind das für Sitten?!›». Es handelt sich um eine Art Tanzsuite nach einer Geschichte des französischen Renaissance-Schriftstellers François Rabelais. Wyttenbach hat das Stück für die Aufführung in Luzern mit dem Luzerner Hochschul-Ensemble Alpi­ni Vernähmlassig nochmals überarbeitet. Sexualität und Völlerei sind die vorherrschenden Themen, die mit sprachlicher Opulenz überzeichnet werden und in starken musikalischen Gesten von der Kontrabassklarinette bis zur Geige zum Ausdruck kommen. Franziskus Abgottspon, Übersetzer und Sprecher des Texts, rezitierte genüsslich.

Anschliessend bot das Ensemble leichtere Kost mit volksmusikalischen Ausflügen zum Festivalthema Humor. Das Publikum zeigte sich von den selbstkomponierten Stücken der Musiker begeistert.