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LUCERNE FESTIVAL: Klingende Lebensbilanz zum Abschied

Simon Rattle verabschiedete sich von Luzern als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker: Mit zwei Konzerten, die statt lautem Abschiedspathos auch Witz und einen Blick in die Zukunft boten.
Urs Mattenberger
Kurz vor dem Wechsel zum London Symphony Orchestra: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker im KKL. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli (Luzern, 31. August 2017))

Kurz vor dem Wechsel zum London Symphony Orchestra: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker im KKL. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli (Luzern, 31. August 2017))

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzieitung.ch

An der Orchesterparade des Lucerne Festival setzen vier Wechsel auf dem Chefposten besondere Akzente. Mirga Grazynite-Tyla debütiert nach ihrem Auftritt am letztjährigen «Primadonna»-Festival morgen Sonntag mit ihrem City of Birmingham Symphony Orchestra in Luzern. Und Daniele Gatti dirigiert am Montag und Dienstag erstmals als Chefdirigent das Concertgebouw-Orchester, das zu den langjährigen Stützen des Festivals gehört.

Interessant aus Festival-Sicht sind die Wechsel an der Spitze seiner beiden Orchester-Flagschiffe. So zeichnete sich beim offiziellen, dem Lucerne Festival Orchestra, im zweiten Jahr unter Riccardo Chailly ohne Mahler eine Wende weg von der Ära Abbado ab. Die Breite des gespielten Repertoires demonstrierte auf Topniveau eine Flexibilität, wie sie auch andere Klangkörper ­anstreben. Das machte das Or­chester mit Aufführungen von ­Mendelssohn bis zu Strawinsky vergleichbarer mit anderen Spitzenorchestern und nahm ihm insofern den allen Vergleichen enthobenen Sonderstatus.

Standing Ovations zum Händeschütteln

Damit dürfte beim Festival-Orchester ein ähnlicher Wechsel anstehen wie in den letzten Jahren beim langjährigen inoffiziellen Festival-Flaggschiff: den Berliner Philharmonikern, die diese Woche in Luzern letztmals unter ihrem Chefdirigenten Simon Rattle auftraten. Einst war es dieses Orchester, das die Aura des ganz Besonderen umgab. Aber unter Rattle entwickelte es sich seit 2013 hin zu einem flexiblen «Orchester des 21. Jahrhunderts» mit spektakulären Vermittlungsprojekten und einer Programmvielfalt von Alter Musik bis zur Moderne. Und diese Entwicklung rief ebenfalls kritische Stimmen auf den Plan, die den Verlust traditioneller philharmonischer Klangqualitäten befürchteten.

Rattles Abgang von Berlin ist für Luzern umso bedauerlicher, als er damit nathlos ins Profil passte, das Intendant Michael Haefliger mit der Öffnung des Festivals anstrebt. Dass der Engländer, der einst über das Cüpli-Festival in Luzern spottete, vor drei Jahren ein Konzert der Festival-Academy dirigierte, macht allerdings weitere Engagements nicht undenkbar.

Symbolkraft hatten auch die Programme vom Mittwoch und Donnerstag, mit denen Rattle als Chef der Berliner von Luzern Abschied nahm. Er tat es mit einem lachenden und einem weinenden Auge und ohne lautes Abschiedspathos. Nach dem zweiten Auftritt blieb nur wenig Zeit für Standing Ovations, bevor sich Dirigent und Orchestermusiker die Hände schüttelten und das Zeichen zum Aufbruch gaben.

Collage eines halben Jahrhunderts

Dabei bewies gerade dieses Konzert, wie Rattles Programmphilosophie in ein solches Festival hineinpasst. Mit der ersten und der letzten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch stand ausschliesslich Musik des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Und die im Abstand eines halben Jahrhunderts entstandenen Werke stellten als eine Art Lebensbilanz die Frage nach der «Identität» eines Komponisten, der von der repressiven sowjetischen Kulturpolitik zu Maskeraden gezwungen wurde.

Schostakowitschs erste Sinfonie ist der Geniestreich eines 18-Jährigen aus den wilden Zwanzigerjahren und jongliert virtuos mit musikalischen Tonfällen bis hin zu Zirkusmusik, elegischen Melodien und Sarkasmen, die bereits die musikalische DNA des Komponisten verraten. Aber ­­der Witz und die Nähe etwa zu Gershwins drei Jahre zuvor uraufgeführter Rhapsody in Blue werden erst so richtig deutlich, wenn man das mit der Detailschärfe, Leichtigkeit und Nonchalance spielt wie an diesem Abend die Berliner, die solche Qualitäten mit einem gespenstischen, schneidend-klirrenden Mahler-Ton verbanden.

Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Das galt erst recht für Schostakowitschs letzte Sinfonie. Rattle und das Orchester überdrehten in der Collage des beim Frühwerk anknüpfenden ersten Satzes die klassizistische Motorik mitsamt trocken abschnurrendem Rossini-Zitat zum sarkastischen Kaleidoskop. Dass das Orchester solche Wendigkeit und Transparenz mit einer berückende Klangkultur und exzellenten solistischen Leistungen verbindet, machte über Choralfeierlichkeit und Cello-Einsamkeit hinweg den Übergang in den Abgesang des Finales umso beklemmender.

In den raunenden, auf den Tod anspielenden Wagner-Zitaten und im langen Verlöschen hin zum Schluss bestätigte sich noch etwas anderes: Die Pianissimo-Magie, die unter Abbado zu einem Markenzeichen des Festival-Orchesters geworden war, machten dieses Jahr die Berliner zum Ereignis.

Haydns «Schöpfung» mit Zusatzpointe

Das galt tags zuvor auch für die Aufführung von Joseph Haydns «Die Schöpfung» mit dem Rundfunkchor Berlin und einem hochkarätigen Solistentrio, bedeutete hier allerdings auch eine Einschränkung. So wirkte der Tutti-Klang im oberen dynamischen Bereich überraschend kompakt und zuweilen stumpf. Aber wie Rattle die lautmalerische und auch witzige Klangrede des Werks bis in Pianissimobereiche hinein ausspann und klanglich ausbalancierte, war grosse Klasse und erinnerte an seine Verdienste um die historisch orientierte Aufführungspraxis in Traditionsorchestern.

Dass vor dem «Chaos» am Beginn von Haydns Oratorium eine quasi aktualisierte, zeitgenössische Entsprechung erklang, war auch hier eine Programmpointe. Georg Friedrich Haas’ «Kleines symphonisches Gedicht» war als schlingende Klangwolke, aus der heraus es blitzt und donnert, nicht nur ein stimmiger Auftakt, sondern auch ein fassliches Stück, das für ein Orchester des 21. Jahrhunderts ­­­wie geschaffen ist. Alles in allem stand so die Bilanz dieser Abende nicht nur im Zeichen des Abschieds, sondern der Zukunft.

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