LUCERNE FESTIVAL: Licht und Schatten in der Hirtenwelt

Mozarts «Il re pastore» erlebte im KKL mit hochkarätigen Solisten eine lebendige Aufführung. Die halbszenische Einrichtung hatte jedoch ihre Tücken.

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Vereint beim Schlussapplaus (von links): Regula Mühlemann, Martina Janková, Dirigent William Christie, Rolando Villazón, Angela Brower und Emiliano Gonzalez Toro. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

Vereint beim Schlussapplaus (von links): Regula Mühlemann, Martina Janková, Dirigent William Christie, Rolando Villazón, Angela Brower und Emiliano Gonzalez Toro. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

Stefan Degen

Am Ende wird alles gut: Die beiden liebenden Paare finden zusammen, der edle Herrscher Alessandro sorgt für Harmonie zwischen Liebe und Staatsraison. Der Hirte Aminta wird zum König von Sidon erhoben. Mozart schrieb die Serenata in zwei Akten «Il re pastore» (Der königliche Hirte), KV 208, 1775 im Alter von 19 Jahren als Huldigung für den Salzburger Fürsterzbischof Colloredo nach einem Lib­retto von Pietro Metastasio. Das Stück ist eine Mischung aus Opera seria und Pastoralidyll (oder «Schäferspiel»).

Die erstmalige Wiedergabe des Werks am Dienstag im Rahmen des Lucerne Festival war als «konzertante Aufführung in italienischer Sprache» angekündigt. Doch die Solisten sassen nicht auf Stühlen aufgereiht, sondern folgten den Anweisungen einer halbszenischen Einrichtung. Diese soll bei den Proben entstanden sein. Das grosse Minus dieser Lösung: Die Solisten singen fast ständig gegeneinander, die Stimmen gehen quer über die Bühne statt zum Publikum im Saal.

Enttäuschender Startenor

Die Schäferin Elisa erscheint barfuss zur ersten Begegnung mit dem Hirten Aminta, breitet am Boden eine Decke aus und die beiden versichern sich ihrer Liebe. Mozart steuert dazu reiches Koloraturwerk bei. Dann erscheint Alessandro (Alexander der Grosse), König von Mazedonien, im zerknautschten Trenchcoat und stimmt eine von Pauken und Trompeten begleitete grosse Arie an. Das Stück hält viel Abwechslung bereit, trotz starrer Abfolge von Rezitativen und Arien, wenigen Duetten und einem einzigen Ensemble. Schon bald rückt Rolando Villazón als Alessandro ins Zentrum des Geschehens.

Der 44-jährige mexikanische Tenor spielt seine Rolle in gewohnt komödiantischer Manier. Doch mit dem Fortschreiten des Abends wirken seine Slapstickeinlagen zunehmend bemühend. Der König wäre eigentlich ein nobler Charakter, keine Witzfigur – und kein Clown. Nicht eben gut bestellt ist es derzeit um Villazóns Gesangskünste. Seine Tenorstimme klingt matt und glanzlos, die Intonation ist unsauber, die Koloraturen höchst eigenwillig. Viele raue Töne trüben die Gesangslinie. Dabei dunkelt der Sänger seine Stimme immer wieder künstlich ab. Insgesamt eine enttäuschende Leistung des einstigen Startenors.

Weitaus besser aus der Affäre zog sich der zweite Tenor des Abends, Emiliano Gonzalez Toro als Agenore. Ein Mozart-Tenor mit Schmelz und schöner Agilita. Als dessen Geliebte Tamiri gefiel An­gela Brower mit runder Sopranstimme – nicht ganz frei von Schärfen in der Höhe.

Mozartstil vom Feinsten

Im Zentrum der Aufführung aber standen die aus Adligenswil stammende Regula Mühlemann und die gebürtige Tschechin Martina Janková. Bereits in ihrer ersten Arie «Alla selva, al prato, al fonte» legte Mühlemann als Elisa die Messlatte hoch. Die Sopranistin demonstrierte Mozartstil vom Feinsten: makelloses Legato, schöne Phrasierungen und perlende Koloraturen. Dass sie durchaus auch dramatisches Potenzial besitzt, bewies sie mit der Arie «Barbaro! oh Dio mi vedi». Auch szenisch überzeugte Regula Mühlemann durch ihre liebreizende Ausstrahlung. Die Partie der Elisa weckt Lust, die Sängerin in weiteren grossen Mozartpartien zu erleben.

Als Hirte Aminta stand ihr mit Martina Janková eine arrivierte Mozartsängerin zur Seite. Sie spielte natürlich, meisterte die Klippen ihrer Rolle souverän und verströmte puren Wohlklang. So in der Arie «Aer tranquillo e di sereni» und in der von der Solo-Vio­line begleiteten Arie «L’amero, saro costante», die die Sopranistin mit einer wunderschönen Kadenz krönte. Das Duett mit Elisa zum Schluss des ersten Aktes gehörte ebenfalls zu den Höhepunkten des Abends. William Christie schlug mit seinem Originalklangensemble Les Arts Florissants meist forsche Tempi an. Die Bläser boten eine makellose Leistung, während die Streicher nicht immer ganz sauber klangen. Starker Applaus und Standing Ovations am Ende für diese Hirtenwelt voller Licht und Schatten.

Hinweis

Regula Mühlemann ist am Karfreitag, 25. März, 18.30, im KKL Solistin in Mozarts Requiem (mit Camerata Vocale Freiburg und Kammerorchester Basel). VV. Tel. 041 226 70 70. Weitere Konzerte des Osterfestivals: www.lucernefestival.ch