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LUCERNE FESTIVAL: Meilensteine der Moderne

Welche Werke der neuen Musik haben Repertoire-Potenzial? Das Orchester der Academy gab Antworten mit György Ligeti und Friedrich Cerha und bestätigte sich als zentrale Plattform für die Moderne.
Katharina Thalmann
Dirigent Matthias Pintscher leitete das Orchester der Lucerne Festival Academy. (Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival)

Dirigent Matthias Pintscher leitete das Orchester der Lucerne Festival Academy. (Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival)

Katharina Thalmann
<span style="font-size: 1em;">kultur@luzernerzeitung.ch</span>

«Die Konzertmeister haben nichts zu konzertmeistern», sagte der Komponist Friedrich Cerha am Montagabend in der Einführung zu seinen «Spiegeln» vor deren Aufführung durch das Orchester der Lucerne Festival Academy. Trotz oder gerade wegen seiner 91 Jahre sprühte der Wiener vor Witz und Neugierde. Laut eigener Aussage schrieb er die sieben «Spiegel» in den Sechzigerjahren ohne Orchester oder Auftrag – und konnte entsprechend aus dem Vollen schöpfen, ohne Rücksicht auf Praktikabilität.

Hier dürfte wohl der Hauptgrund dafür liegen, dass die über fünfzig Jahre alten «Spiegel» nicht zum Kanon der klassischen Moderne gehören. Da hat es Ligetis Violinkonzert leichter: Nur eine halbe Stunde dauert es, die Besetzung ist überschaubar. Dass es dennoch in einem Late-Night-Konzert – am Samstag – programmiert wurde, zeigt, dass das Festival das Gefäss des Sinfoniekonzerts auch selten gespielten Werken wie den «Spiegeln» zur Verfügung stellt.

Bleistift und Pinsel

Um «Spiegel» aufzuführen, musste die Lucerne Festival Academy 135 Musiker aufbieten. Zusammen dauern die sieben Sätze rund anderthalb Stunden. Und keine Instrumentengruppe wird chorisch behandelt. Jedem Musiker kommt eine eigene Verantwortung zu – genau deshalb haben die Konzertmeister auch nichts mehr zu konzertmeistern.

Diese kompositorische Anlage führte zu einem unvergesslichen und intensiven Musikerlebnis: So konnte man im zweiten Satz tatsächlich hörend Linien verfolgen, die sich laut Cerha «wie eine frei gezeichnete Ab­straktion», und wie mit spitzem Bleistift gezeichnet, durch die Partitur ziehen.

Aufgrund der symmetrischen Anlage der Einzelsätze korrespondierte der sechste Satz mit dem zweiten: Wieder waren da diese durchs Orchester wogenden Linien, nun aber mit breitem Pinsel gezogen. Assoziationen zur bildenden Kunst liegen nahe: Gerhard Richters Rakel-Bilder, oder Mark Rothkos Farbflächen tauchten vor dem inneren Auge auf.

Im zentralen vierten Satz verdichteten sich pointilistische Synthesizer-Töne und markante Blechbläser-Fanfaren zu einer überbordenden Eruption. Im siebten «Spiegel» wälzten sich beklemmende Klangschichten durch den Saal. Cerha bekannte in der Einführung, erst spät begriffen zu haben, dass die «Spiegel» auch die Gräuel des Zweiten Weltkriegs heraufgespült hatten.

Kaum ein anderes Orchester könnte «Spiegel» in einer solchen Präzision und mit einer solchen Hingabe spielen wie jenes der Lucerne Festival Academy mit seinem Principal Conductor Matthias Pintscher. Dass kaum ein anderes Orchester «Spiegel» überhaupt spielen würde, unterstrich noch den zentralen Stellenwert, der der Academy als Plattform für die Moderne zukommt.

Kopatchinskaja ohne Schabernack

Im Late-Night-Konzert vom Samstag kombinierten Ensembles der Academy zwei Solokonzerte von György Ligeti mit «Hysteresis» für Soloklarinette des «Composer in residence» Michel van der Aa. «Hysteresis» überzeugte durch seinen suchenden Gestus, der auch nicht vor Electronica-Patchwork-Momenten zurückschreckte. Van der Aas leichtfüssiger Umgang mit den aktuellen technischen Möglichkeiten ist bestechend. Auch Cerha verwendete in «Spiegel» Tonspuren – van der Aa mit Jahrgang 1970 war damals noch gar nicht geboren. Doch bei ihm hört man, wie der Laptop inzwischen zum selbstverständlichen Orchesterinstrument geworden ist.

Unterhaltungscharakter im besten Sinne hatte anschliessend Ligetis Klavierkonzert, das mit erstaunlichen klanglichen Effekten aufwartet. Aufgefächerte Akkorde des Soloinstruments (Klavier: Dimitri Vassilakis) nehmen etwa in Kombination mit einem hellen Glockenspiel im vierten Satz den Glanz des finalen «Presto luminoso» voraus.

Solistin im schillernden Ligeti-Violinkonzert war die «Artiste étoile» Patricia Kopatchinskaja – eine Geigerin, die auch im Klassik-Repertoire eigene Wege geht und damit leben muss, dass konservative Hörer und Kritiker ihre Interpretationen auch mal als karikaturesk empfinden. Dass sie allerdings «für jeden Schabernack» bereit sei, wie ihr eben die «NZZ am Sonntag» unterstellte, wurde von ihrem Auftritt im Ligeti-Konzert klar widerlegt.

Zärtlich liess sie die Aria zu Beginn des zweiten Satzes wie ein sehnsüchtiges Volkslied klagen und bewies in ihrer eigenen Kadenz feines Gespür für die musikalische Dramaturgie. Sie sang, sie spielte energisch scharrende Akkorde mit einer Geigerin aus dem Orchester. Wer solche Ausdrucksmöglichkeiten als musikalisch fragwürdig abtut, hat die künstlerische Intention nicht wahrgenommen.

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