LUCERNE FESTIVAL: «Musik ist eine Lebensnotwendigkeit»

Luzerns Fest der Klassik führt nun wieder berühmte Orchester und Dirigenten in die Stadt. Doch es lockt auch Kinder ins KKL und junge Academy-Musiker an den Vierwaldstättersee. Und um diese ist eine ganz besonders besorgt: Marcella Tönz.

Susanne Holz
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Ist Not am Mann, hat Marcella Tönz ein «Joker-Zimmer» für die Academy-Musiker. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 2. August 2017))

Ist Not am Mann, hat Marcella Tönz ein «Joker-Zimmer» für die Academy-Musiker. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 2. August 2017))

Interview: Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Marcella Tönz, Sie organisieren die Kinder- und Jugendprogramme von Lucerne Festival Young. Was haben Kinder mit Kultur zu tun?

Kultur ist Gegenwart und Zukunft, unsere Kinder sind es auch. Sie werden zudem die Kultur weiterführen, weshalb es sehr wichtig ist, ihnen diese mitzugeben. Kultur sollte etwas Selbstverständliches für Kinder sein. Und sie sollten mit kultureller Vielfalt aufwachsen können – was sich auf Begegnungen mit Menschen genauso wie auf Musik, Theater oder Bücher bezieht.

Mit den Konzerten für Kinder und Familien im Rahmen von Lucerne Festival spricht man ganz direkt ein junges Publikum an. Möchte man so die Kunden der Zukunft anwerben?

Nein. Unser Ziel ist, Kindern und ­Jugendlichen Erlebnisse im kulturellen Bereich zu ermöglichen. Kultur soll die kindliche Fantasie beflügeln und nicht die Kinder als Konsumenten sehen. Wichtig ist, die Kinder als anspruchsvolle Zielgruppe wahrzunehmen.

Klassische Musik ist anspruchsvoll. Kinder und Klassik, geht das zusammen?

Das geht auf jeden Fall zusammen. Entscheidend ist die Form, in der klassische Musik zu den Kindern gelangt. Vierjährige sind mit einem Sinfoniekonzert natürlich überfordert. Für sie haben wir deshalb das Format des Sitzkissenkonzerts kreiert, das sehr beliebt ist.

Sitzkissenkonzert – klingt spannend. Wie sieht so eines denn aus?

Die Kinder sind bei diesem Format ganz nah am Geschehen, sie sitzen auf Kissen, nah beim Künstler, nah beim Mami, beim Teddy und nah bei der Musik.

Wäre das nicht auch was für Kleinkinder unter vier Jahren?

Das würde ich nicht empfehlen. Solch kleine Kinder bekommen Angst, wenn es plötzlich dunkel wird oder ein Instrument ein Kreischen imitiert. Wir überlegen uns die Altersempfehlungen für die Konzerte sehr gut – es macht Sinn, sich daran zu halten.

 

Sie liebt Kultur in jeder Form

Marcella Tönz kam am 13. April 1959 in Bern zur Welt. Aufgewachsen ist die heute 58-Jährige in Bern und Luzern. Ausgebildet ist Marcella Tönz unter anderem zur Montessori-Lehrerin und zur Eventmanagerin. Dies prädestiniert die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder für ihre Aufgaben bei Lucerne Festival, für das sie seit zwölf Jahren im Einsatz ist: Marcella Tönz organisiert zum einen an der Seite von Leiter Johannes Fuchs die Kinder- und Jugendprogramme von Lucerne Festival Young. Zum anderen sorgt sie Jahr für Jahr dafür, dass die jungen Academy-Musiker aus aller Welt während des Sommer-Festivals bei Gastfamilien unterkommen. Ganz allgemein schlägt Marcella Tönz’ Herz für «Kultur in jeder Beziehung». Sei es Musik, Film, Theater, Literatur oder Kulinarik. Dieses Interesse hat mit der Liebe zum Menschen zu tun: «Mich interessieren Menschen. Woher sie kommen, wohin sie gehen.» (sh)

Wie hören Kinder Musik?

Kinder hören Musik wie alle anderen Generationen auch: mit den Ohren und mit dem Herzen. Damit das Herz mitgehen kann, muss der Mensch auf der Bühne spürbar sein.

Was sagt Ihnen Ihre Erfahrung und Ihr Gefühl – sollten Konzerte für Erwachsene auch mal verspielt sein?

Unbedingt. Auch Erwachsene mögen es verspielt, die Qualität muss einfach stimmen. Jeder hat noch das Kind in sich. Toll finde ich beispielsweise die emotionalen Performances von Sopranistin Barbara Hannigan oder Violinistin Patricia Kopatchinskaja. Da hätte auch Mozart seine Freude dran – denn auch er war verspielt.

Was könnte man sich bei Kinderkonzerten abschauen, um damit typische Konzerte für Erwachsene zu bereichern?

Die Lebendigkeit, die Freude. Die Spürbarkeit des Musikers als Mensch. Es ist schön, wenn eine Nähe zum Künstler hergestellt wird und dieser beispielsweise nach dem Konzert noch greifbar ist und nicht einfach hinter dem Vorhang verschwindet.

Ganz kurz: Welche Formate für Kinder und Jugendliche bietet Lucerne Festival?

Für die Kleinsten ab vier Jahren bieten wir wie schon erwähnt die Sitzkissenkonzerte an. Dann haben wir die Familienkonzerte für Erst- bis Drittklässler, die letzten Jahre stets im Südpol stattgefunden haben. Ab der vierten Klasse können Kinder das jährliche Konzert der Reihe «Young Performance» besuchen, eine Eigenproduktion mit gecasteten Musikern der Lucerne Festival Academy. Und es gibt das Format der Debütanten im Schulhaus: Hier können die Debütanten der Mittagskonzerte von Schulen gebucht werden – jedes Jahr während des Festivals bietet sich drei Schulen diese Chance. Und immer geht es um Begegnung: Die Schüler können den Musikern Fragen stellen. Oft sind das Fragen wie: Sind Sie auf Facebook? Und am Abend hat der Musiker dann 200 Facebook-Freunde mehr. (lacht)

Das ist ein sehr rundes Angebot!

Ja. Wir sind glücklich darüber. Zudem gibt es die Möglichkeit für Erwachsene, zusammen mit Kindern oder Jugendlichen zu günstigen Preisen ins Sinfoniekonzert zu gehen. Das nennt sich «Mit dem Nachwuchs ins Konzert». Und: Wir bieten eigene Konzerte für Schulklassen. So kamen im Sommer 2016 2350 Schüler aus 120 Klassen zu 18 Schulvorstellungen – und auch diesen Sommer werden wir wieder 18 Schulkonzerte geben.

Mögen Kinder das Ambiente des KKL – oder sind sie eher eingeschüchtert davon?

Manchmal sind sie schon etwas kleinlaut angesichts des grossen Konzerthauses. Aber es ist unser Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Kinder wie selbstverständlich mit diesem imposanten Kulturhaus aufwachsen. Und die kleinen Gäste sind dort mehr und mehr willkommen.

Sie arbeiten das ganze Jahr über für Lucerne Festival. Ihre private Meinung zum Festival?

Es ist einfach cool. Das Festival ist ein grossartiges Geschenk für Luzern, es ist schweizweit einzigartig. Ich bin dankbar, da mitmachen zu dürfen. Ich bin rund ums Jahr zu 60 Prozent mit meinen Aufgaben dafür beschäftigt.

Die vier Wochen des Sommer-Festivals, das am 11. August beginnt, – sind das für Sie vier Wochen beruflicher Ausnahmezustand?

Ja, das kann man schon so sagen. Aber ein Ausnahmezustand in einer guten Form. Privat- und Familienleben habe ich währenddessen keines. Doch ist mein Mann ebenfalls kulturbegeistert und hilft mit. Gibt es zum Beispiel ein Transportproblem, sei es die Fahrt eines Musikers zu einer Gastfamilie oder der Transport eines Instruments, dann steht er mit seinem Auto bereit.

Richtig, Sie sind ja auch dafür zuständig, dass die jungen Academy-Musiker aus aller Welt zur passenden Gastfamilie kommen.

Ja, jeden Sommer strömen rund 135 ­ 18- bis 30-jährige Musikerinnen und Musiker aus aller Herren Länder nach Luzern. Wir bringen sie seit Jahren in Gastfamilien unter, Hotels wären zu teuer. Übers Jahr verteilt brauche ich sicher 200 Betten. Ich habe inzwischen mein persönliches Netzwerk, und vieles tut sich über Mundpropaganda auf. Ist trotzdem mal Not am Mann, dann ist unser Gästezimmer das «Joker-Zimmer» für Academy-Musiker. Das entlastet mich, denn es kann immer mal ein Gastgeber kurzfristig ausfallen.

Es ist sicher keine leichte Aufgabe, für jeden Musiker die passende Gastfamilie zu finden.

Ja, man muss schon herauskriegen: Wer passt zu wem? Allerlei gibt es da zu beachten: angefangen bei Männlein und Weiblein über Allergien gegen Hund oder Katze bis hin zu allen möglichen Sprachkenntnissen. Aber zum Glück unterstützt mich hier eine sehr engagierte Praktikantin.

Entstehen auch Freundschaften zwischen Gastfamilien und Gästen?

Da gibt es schöne Geschichten: Ein junger Musiker aus Portugal beispielsweise wollte immer zur gleichen Gastmutter, seiner «Swiss mother». Irgendwann nahm dann die richtige Mutter aus Porto über Facebook Kontakt zu dieser «Swiss mother» auf und lud sie nach Portugal ein. Insgesamt finde ich es grossartig von den Luzernern, den Musikern ihre Türen aufzumachen und sich auf was Neues einzulassen. Das Schönste und einfach wunderbar ist es für mich, wenn manche Gasteltern erstmals ein Konzert im KKL besuchen – weil sie ihrem Gast beim ­Musizieren zuhören wollen.

Ging es denn auch schon mal schief zwischen Gastgeber und Gast?

Nicht wirklich. Eine lustige Begebenheit fällt mir aber ein: Eine Bekannte konnte ich mal überzeugen, ihr früheres Kinderzimmer zur Verfügung zu stellen. Sie hatte Befürchtungen, das Bett darin könnte zu klein sein, beruhigte sich jedoch mit der Vorstellung, eine zierliche Japanerin als Gast zu bekommen. Doch wen sah das Schicksal für sie vor? Eine 1,95 Meter grosse Kontrabassistin, die sich dann aber durchaus wohl im zugeteilten Bett fühlte.

Tränen soll es allerdings auch schon gegeben haben?

Ja. Ich erinnere mich an den jungen Japaner, der, kaum angekommen, weinte und immer wieder auf seinen Geigenkasten zeigte. Die Gastmutter konnte kein Japanisch, rief aber eine Freundin mit entsprechenden Sprachkenntnissen zu Hilfe. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann im Reisefieber nur den leeren Geigenkasten mitgenommen hatte. Wir besorgten ihm eine Mietgeige und alles war wieder gut.

Und wie verhielt es sich mit dem Musiker, der nachts um halb zwei nicht mehr ins Hotel kam?

Der hätte die ersten zwei Nächte im Hotel schlafen sollen. Ich empfing ihn um halb zwei nachts beim KKL mit meinem Auto und fuhr ihn zum Hotel. Doch irgendwie war der Code für den Schlüssel verlorengegangen. Wir waren beide sehr müde, er vom Flug, ich vom Empfangen der Gäste einen ganzen langen Tag lang. Da bot ich ihm einfach eine Matratze auf meinem Stubenboden an. Denn in meinen zwei früheren Kinderzimmern schliefen schon drei Musiker! Am nächsten Morgen sagte ich dem armen Mann, wie leid mir das alles tue. Doch er bedankte sich und zog eine weitere Nacht auf meinem Stubenboden dem Hotel vor.

Und dann wäre da noch die Geschichte mit der Harfe und dem Polizeiauto ...

(lacht) Ja, der Transport grosser Instrumente ist ein Thema für sich. So weiss ich inzwischen ganz genau, welche Automarken sich eignen, um einen Kontrabass von A nach B zu bringen. Das Transportieren einer Harfe gestaltet sich sogar noch schwieriger, weil dieses Instrument so delikat ist. Generell: Ich muss alles rund um das gemietete Instrument überwachen – die Kosten, das Gewicht, die Marke. Verschiedene Musiker bevorzugen beispielsweise verschiedene Marken bei ihren Instrumenten. Aber nun zur Anekdote: Einmal kam es beim Transport einer Harfenhülle zu einer Autopanne – die Harfe selbst war schon an Ort und Stelle. Weil diese Hülle sehr gross und nicht biegbar ist, erforderte ihr weiterer Transport nach der Panne den Einsatz eines extra geräumigen Polizeiautos.

Sie müssen gute Nerven haben!

Es gäbe noch viel zu erzählen. Einmal braucht ein Musiker plötzlich einen Physiotherapeuten, einmal ein Regisseur spontan zwölf Yogamatten ... Aber im Grunde geht es bei meiner Arbeit darum, dass den Kindern die Konzerte Spass machen sollen – wichtig ist das Erlebnis und nicht ein plötzlich erlerntes Wissen um die Namen der von den Musikern gespielten Instrumente: Etwa, ob es sich um eine Geige oder um eine Bratsche handelt. Und entsprechend machen mir meine Aufgaben rund um Lucerne Festival Spass. Hier wie dort geht es um bereichernde Begegnungen. Um Offenheit und um Genuss. Das ist für mich das, was Kultur ausmacht.

Welche Konzerte besuchen Sie persönlich gerne?

Vom Verdi-Requiem bis zum Konzert von Gianna Nannini versuche ich ein möglichst breites Feld von Musik für mich persönlich abzudecken. Ich scheue dabei keine Wege und fahre auch mal nach München in die Oper.

Was bedeutet Ihnen Musik?

Viel. Musik hatte schon in meiner Familie, in der ich aufgewachsen bin, einen grossen Stellenwert. Mein Vater arrangierte Stücke, und alle spielten zusammen im Quartett. Musik gehört einfach zu meinem Leben.

Welche Instrumente spielen Sie?

Querflöte und Akkordeon, aber auf Letzterem habe ich lediglich Gehversuche unternommen. (lacht)

Welches sind Ihre musikalischen Vorlieben?

Das ist von der Situation abhängig. Ich liebe den Gefangenenchor von Verdi genauso sehr wie die Chansons von Edith Piaf. Meine Lieblingsoper ist Bizets «Carmen». Scheint, dass ich einen Hang zur Dramatik habe. (lacht) Was mir auch sehr gut gefällt, sind Klezmer-Melodien.

Wie wichtig ist Musik für uns alle – ob im KKL genossen oder in einer schummrigen New Yorker Bar? Beim Open Air in Sankt Gallen oder im Zürcher Hallenstadion?

Musik ist eine Lebensnotwendigkeit. Ein Leben ohne Musik wäre traurig. Nichts anderes kann so starke Emotionen wecken. Und ich denke, mit dieser Ansicht bin ich nicht alleine. Ich sehe es immer wieder daran, wie wichtig den Luzernern das KKL ist. Es gehört zur Stadt. Aber auch der Südpol ist nicht wegzudenken. Finden dort Schulkonzerte statt, gibt es jeweils Extrabusse von den VBL (Luzerner Verkehrsbetriebe). Alle helfen sehr gerne mit, damit Musik uns glücklich machen kann.

Hinweis

Konzerte für Familien von August bis Oktober 2017: Informationen zu sämtlichen Veranstaltungen und die Möglichkeit ­ zur Online-Buchung findet man unter www.lucernefestival.ch/young