Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUCERNE FESTIVAL: Mutiges, Surreales und Witziges

Auch dieses Jahr wurde ein Erlebnistag durchgeführt. Mit «Flüchtlinge» hatte dieser ein brisantes Thema. Die künstlerische Auseinandersetzung damit zeigte nicht nur Vielfalt, sondern zuweilen harte Kontraste.
Roman Kühne
Impressionen vom Erlebnistag beim KKL: Anewal aus dem Niger ... (Bild: Jakob Ineichen (27. August 2017))

Impressionen vom Erlebnistag beim KKL: Anewal aus dem Niger ... (Bild: Jakob Ineichen (27. August 2017))

Roman Kühne
<span style="font-size: 1em;">kultur@luzernerzeitung.ch</span>

Den ganzen Tag strömen die Menschen um das KKL, versammeln sich auf den Strassen, geniessen die Musik, das Wetter und die Kulinarik. Ja, es ist Erlebnistag. Und das wichtigste Klassikfestival der Schweiz beweist eindrücklich, dass es auch hier ständig neue Wege sucht.

Aber es ist ja geübt darin. Man denke nur an die vielen Gratiskonzerte auf dem Inseli, die Encore, kleine Konzerte in Lounge-Atmosphäre, das von Immigranten gestaltete Radio Identity oder das weite Spektrum an modernster Musik, womit sich diese Sommerspiele von den anderen klassischen Grossereignissen Europas abheben. Was auch nötig ist. Die Hörgewohnheiten sind im Wandel, das «klassische» Konzertpublikum kommt zunehmend in die Jahre, es braucht immer wieder auch neues Publikum.

Geboten werden 14 Konzerte in 12 Stunden, das Strassenfestival nicht mitgerechnet. Und die Planer zeigen Mut: Erstens ist es ein zum Teils gewagtes Programm. Sicher, es fehlen auch die berühmten Komponisten nicht: Mozart, Ravel oder Mahler. Aber daneben finden sich etwa John Luther Adams (*1953), Enno Pope (*1969) oder Sándor Veress (1907–1992).

Identitätssuche – Identitätsverlust

Zweitens greift der Erlebnistag thematisch eine der grossen Tragödien und Kämpfe unserer Zeit auf: das Meer an Flüchtlingen, welches sich über die Welt ergiesst – nicht nur in Europa. Diesem «Identitätsverlust» stellt das Festival in einer Kammermusikreihe im Kunstmuseum die «Identitätssuche» gegenüber, wo sich vier Konzerte mit Wurzeln und Volksbrauch beschäftigen.

Den Auftakt bildet um 10 Uhr vor dem KKL «Sila, the Breath of the World» des Amerikaners John Luther Adams. Diese europäische Erstaufführung ist eine inspirierende Klangwolke, die auf fünf verschiedenen Partituren basiert. Jeder Block könnte auch allein gespielt werden. Diese «Raummusik» ist nicht für eine bestimmte Lokalität geschrieben. Es ist die Aufgabe der Ausführenden, «die Musik des Friedens in der nie endenden Musik des bespielten Ortes zu finden», wie es der Komponist ausdrückt.

So steht man denn auf dem Europaplatz, die wuchtige Wand des KKL im Rücken, lauscht dem Plätschern des Wassers, das sich mit den Tönen der Musiker der Festival Academy mischt. Zuschauer sitzen und stehen mit geschlossenen Augen, schlendern umher, Klangwolke um Klangwolke erforschend. Bewusst hier zu Besuch oder zufällig gestrandet – wohl kaum einer kann sich diesem surrealen Moment entziehen, nicht von dieser Welt, ein Augenblick fern der Gegenwart.

«Frieden» ist auch das Thema des ersten Konzertes im Hauptsaal des KKL – allerdings unter umgekehrtem Vorzeichen. Das Programm «Die Wege der Sklaverei» ist Mahnmal und Erinnerung zugleich. 22 bis 25 Millionen Menschen wurden zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert allein aus Afrika verschleppt.

Dieser Wahnsinnszahl möchte der spanische Musiker Jordi Savall ein Echo geben. Mit seinen Ensembles und Musikern aus der Geografie des Sklavenhandels spürt er dem nach, was die Geschundenen oft noch als Letztes besassen: Gesang und Musik. Es ist eine Reise durch Afrika, Spanien, Portugal und Südamerika.

Absurde Brutalität und meditative Musik

Dabei trifft mehrstimmiger Renaissancegesang auf brasilianische Rhythmen und traditionelle Gesänge aus Mali. Da ist etwa Kassé Mady Diabaté, einer der bekanntesten Sänger Westafrikas. Oder Ballaké Sissoko an der Kora, eine Mischung aus Harfe und Laute, die ebenfalls in Afrika verwendet wird.

Das Konzert ist ein typisches Cross-over-Projekt aus klassischer spanischer Musik, afrikanischen und südamerikanischen Rhythmen. Die vorgetragenen historischen Texte über die Sklaverei kontrastieren in ihrer absurden Brutalität die meditative, leicht hüpfende Musik. Über 90 Minuten formt sich so eine teils faszinierende, teils erschreckende Erzählung über dieses globale Verbrechen. Das Thema Flüchtlinge wird am Abend auch noch in der Oper «Idomeneo» aufgenommen, wo der Flüchtlingschor «Zuflucht» singt (Besprechung in der morgigen Ausgabe).

Im Gegensatz zu den anderen Anlässen ist das Kinderkonzert erstaunlich schwach besucht. Zu Unrecht, denn die Aufführung überzeugt mit dem Schauspieler Florian von Manteuffel als János und einem Sinfonieorchester Basel unter der Dirigentin Kristiina Poska, das die witzige Stimmung aus «Die kaiserlichen Abenteuer des Háry János» (Zoltán Kodály) ins Musikalische zu übertragen weiss. Olivia, 7 Jahre, gefiel denn auch der Erzähler am besten, «vor allem, dass er beim Lügen immer niesen musste».

An diesem Erlebnistag werden aber auch ungewohnte Räume bespielt. So finden gleich mehrere Konzerte im Kunstmuseum statt. So ist es um 13.00 Uhr die Violinistin und «Artiste étoile» Patricia Kopatchinskaja, die zusammen mit Jay Campbell, Cello und «Artiste étoile», sowie Polina Leschenko, Piano, die Urgründe der ungarischen Volksmusik beleuchtet.

Es ist ein grossartiges Konzert. Mit Gestaltungswillen, Enthusiasmus, technischer Perfektion und schmerzlicher Emotionalität gestalten die Musiker einen 90-Minuten-Flug der Leidenschaft. Zusätzliche Inspirationsnahrung liefern die Bilder an den Wänden, die alle den Wald thematisieren. Zusammen mit den ums KKL verteilten Strassenmusikern und den Kurzführungen durchs Kunstmuseum zum Thema Identität bot dieser erste Erlebnistag ein überzeugendes Bouquet der verschiedensten musikalischen Düfte. Oder wie es Luzia, 43, aus Sachseln sagt: «Ein toller Tag! In kurzer Zeit kann man kulturelle Eindrücke aus der ganzen Welt sammeln.»

Ssassa aus der Schweiz, Mazedonien, Serbien und der Türkei sowie ... (Bild: Jakob Ineichen (27. August 2017))

Ssassa aus der Schweiz, Mazedonien, Serbien und der Türkei sowie ... (Bild: Jakob Ineichen (27. August 2017))

... ein ganz kleiner Mitmusiker. (Bild: Jakob Ineichen (27. August 2017))

... ein ganz kleiner Mitmusiker. (Bild: Jakob Ineichen (27. August 2017))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.