LUCERNE FESTIVAL: Nelsons’ Verabschiedung vom Orchester

Mit der fünften Sinfonie von Mahler begab sich Andris Nelsons mit dem Lucerne Festival Orchestra auf Abbado-Terrain. Und scheiterte grandios.

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Betrat auch nach seiner Nichtwahl selbstbewusst das KKL-Podium: Andris Nelsons (rechts) gelingt mit dem Bariton Matthias Goerne ein Moment der Magie. (Bild LF/Priska Ketterer)

Betrat auch nach seiner Nichtwahl selbstbewusst das KKL-Podium: Andris Nelsons (rechts) gelingt mit dem Bariton Matthias Goerne ein Moment der Magie. (Bild LF/Priska Ketterer)

Fritz Schaub

Eigentlich schien die Sache ja gelaufen. Andris Nelsons hatte letztes Jahr das Gedenkkonzert für Claudio Abbado dirigiert und trat beim Sommer-Festival an die Stelle des verstorbenen Kollegen. Der hochgewachsene, auch physisch starke und jugendlich wirkende Dirigent aus dem lettischen Riga brachte es fertig, neben den beiden Konzerten mit «seinem» Birmingham Symphony Orchestra auch die Programme des Lucerne Festival Orchestras – also insgesamt sechs Sinfoniekonzerte – zu dirigieren. Und das neben dem Abstecher nach Bayreuth zum «Lohengrin»!

Damals schien das Terrain frei für Nelsons. Als gar die Orchestermusiker nach der dritten Brahms-Sinfonie wie musikalische Jungspunde mit den Füssen stampften, schien auch klar, dass der Topfavorit für Abbados Nachfolge beim Orchester angekommen war.

Fragen um Nelsons

Dennoch: War wirklich alles eitel Sonnenschein damals? «Nelsons ist der Mann der grossen Gesten, der mächtigen Akzente und der überschwänglichen Emotionen», schrieben wir nach den Konzerten des City of Birmingham Orchestra. Er verkörpert damit den Gegentypus Claudio Abbados – wunderbar in einem Wagner-Programm, wie es die Engländer boten! Aber beim Festival Orchestra?

Auch da konnte oder wollte er in einem reinen Brahms-Programm nicht seine angestammte Eigenart verbergen – am krassesten bei der A-Dur-Serenade für kleines Orchester, die «missglückte», wie wir schrieben, weil er schlicht zu viel des Guten tat. Da muss es in den zuständigen Köpfen gedämmert haben, dass mit Nelsons das Orchester doch zu sehr in eine entgegengesetzte Richtung gelenkt würde. Kommt dazu, dass er das Boston Symphony Orchestra im – wenn auch heute nicht mehr ganz so entfernten – Amerika übernahm, was den Umwandlungsprozess vielleicht noch beschleunigt hätte.

Und überhaupt: Würde Nelsons, der nach seinem raketenhaften Aufstieg vom Trompeter zum Top-Dirigenten heute überall auf der Welt begehrt ist, noch die Konzentration aufbringen für ein Projekt-Orchester, wie es das Lucerne Festival Orchestra darstellt? Kurzum: bei Chailly, der zum künftigen Chefdirigenten des Festival-Orchesters ernannt wurde, fallen die in diesem Zusammenhang «negativen» Umstände völlig weg. Und über die Qualitäten, die für Chailly in diesem spezifischen Fall sprechen, wurde schon genügend geschrieben.

Ein Verlierer? Keine Spur!

Jetzt war er also nochmals da, neben Haitink, der die beiden Eröffnungskonzerte geleitet hatte. Im Saal waren einige Lücken, aber Radio und Fernsehen waren zur Stelle, das Radio mit einer Direktübertragung, das Fernsehen mit zeitversetzten Sendungen, und schürten die Erwartungen erst recht.

Hängt jetzt Nelsons das Image des Verlierers an? Keine Spur. Selbstbewusst wie eh und je betrat er am Mittwoch das Podium und sagte sich vielleicht: Jetzt erst recht! Schon wie Nelsons das heitere Lied «Rheinlegendchen», das erste in der Reihe der ausgewählten Lieder aus «Des Knaben Wunderhorn», mit schwungvoller Geste in Angriff nahm, zeigte den Dirigenten, wie man ihn kennt. Dass er diese Lieder der Fünften Mahlers voranstellte, bewies, wie sinnreich er programmiert. Das letzte Lied in der Reihenfolge, «Der Tamboursg’sell», nahm sogar den Trauermarsch und die elegischen Streicherkantilenen des Anfangssatzes der fünften Sinfonie vorweg, die nach der Pause schon nach der Trompetenfanfare mit einem wahrhaft ohrenbetäubenden Fortissimo-Tuttischlag einsetzte.

Leider führte die Wiedergabe nicht fort, was Nelsons und der Bariton Matthias Goerne in den Soldatenliedern beschworen hatten und wobei auch humoristische Klänge zu ihrem Recht kamen: den Geist des prophetischen Mahler, der die düsteren Seiten hinter der glänzenden Militär-Fassade aufdeckt. Der Dirigent tat es mit einer scharfen Zeichnung der sparsam, aber gezielt eingesetzten Klangfarben, der Bariton mit einer für Mahler idealen, dunkel getönten Stimme, deren Palette von feinsten Schattierungen bis zu anklägerischen, wutentbrannten Tönen reichte. Grossartig.

Überemotionale Fünfte

Als beim «Gute Nacht» des am Galgen endenden Tamboursgs’ells die Musik immer mehr absank und sekundenlange Stille herrschte vor dem Applaus, dachte man für einen Moment an ein magisches Mahler-Erlebnis, wie man es in diesem Saal schon mehrmals erlebt hatte.

Die fünfte Sinfonie gehört nicht nur wegen des Adagiettos zu den beliebtesten Sinfonien Mahlers und erklingt auch ausserhalb des Festivals im KKL. Erst im Juni hatte sie das London Symphony Orchestra aufgeführt und unter Daniel Harding gezeigt, wie man diesen weltumspannenden Koloss auch ohne übertriebenen Aufwand zu einer Sternstunde machen kann.

Darnach sehnte man sich bei Nelsons’ Deutung zurück, die in diametralem Gegensatz zu dem stand, was auch Abbado und Haitink bei Mahler vorgelegt hatten. Abgesehen davon, dass die ganz aus dem Körper heraus dirigierte Wiedergabe auf die Dauer ermüdet, bewirkte die von Anfang an hochgeschraubte Dynamik, dass bei den Steigerungen – etwa im wild auffahrenden zweiten Satz – die Lautstärke derart anschwoll, dass die Schmerzgrenze mehrmals überschritten wurde.

Es bewirkt auch, dass die Diskrepanz zwischen den lauten und leisen Stellen sich immer krasser öffnet und die innere Bindung und die Durchsichtigkeit verloren gehen. Die ständige Hochspannung, unter die Nelsons die Musik setzt, verlangt auch eine Entspannung, aber nicht einmal im vierten und fünften Satz wird sie gewährt. Das Adagietto, das mit einer zu lauten Harfe einsetzte, war die grösste Enttäuschung. Nelsons brach in diesem innigen instrumentalen Liebeslied allzu brüsk in Leidenschaft aus.

Hätte er ein Jugendorchester vor sich gehabt, würde man ein Auge zudrücken. Aber es war das Lucerne Festival Orchestra, das aus teilweise prominenten Musikern besteht und alles gab, was es zu bieten hat. Das galt gestern im zweiten Konzert – wiederum vor Mahlers Fünfter – auch für Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag, die einen Vergleich mit dem Spiel des Orchesters unter Bernard Haitink erlaubte. Hatte dieser eine frühere Haydn-Sinfonie barock pointiert und gezeigt, wie wandelbar dieses Orchester ist, peitschte Nelsons seinen Haydn, wieder ausgespannt zwischen Extreme, grosssinfonisch hoch mit einer Gestik wie bei Mahler. So verliess man beide Male den Saal beeindruckt von diesem Orchester und seinem Können, aber ohne nachhaltiges Gefühl.

Hinweis

SRF 1 strahlt die fünfte Sinfonie Gustav Mahlers am Sonntag, 23. August, 23.25 Uhr aus. ARTE sendet das Konzert zu einem späteren Zeitpunkt.