Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

LUCERNE FESTIVAL: «Orchester braucht starke Persönlichkeit»

Trompeter Reinhold Friedrich spielt am Gedenkkonzert für Claudio Abbado. Er sieht für das Festivalorchester durchaus eine Zukunft – auch ohne Abbado.
Simon Bordier
Morgen an zwei Konzerten des Osterfestivals zu hören: der deutsche Trompeter Reinhold Friedrich. (Bild: PD)

Morgen an zwei Konzerten des Osterfestivals zu hören: der deutsche Trompeter Reinhold Friedrich. (Bild: PD)

Reinhold Friedrich (56) ist einer der weltweit erfolgreichsten Trompeter. Neben seiner Lehrtätigkeit tritt er regelmässig als Solist auf, wofür er 2013 zum zweiten Mal als «Instrumentalist des Jahres» mit dem «Echo Klassik» ausgezeichnet wurde. Morgen ist er im KKL Luzern in zwei Konzerten zu hören: um 11 Uhr in einer Orgelmatinee mit Martin Lücker und um 16 Uhr in einem Gedenkkonzert des Lucerne Festival Orchestra (LFO) für den im Januar verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado.

Reinhold Friedrich, Sie waren bei der Gründung des Lucerne Festival Orchestra im Jahr 2003 mit dabei und haben seither jeden Sommer bis zu Abbados Tod im Januar unter seiner Leitung gespielt. Was bedeutet Ihnen das anstehende Gedenkkonzert?

Reinhold Friedrich: Es ist ein wichtiger Moment des Zusammenkommens und der gemeinsamen Trauerarbeit. In den über zehn Jahren unter Abbados Leitung sind im Orchester so viele tiefe Beziehungen entstanden, dass wir jedes Mal, wenn wir uns wieder treffen, Stunden brauchen, bis sich alle richtig begrüsst haben. Es warten jetzt schwere Tage mit vielen Fragezeichen auf uns. Deshalb bin ich froh, dass wir die Proben nicht mit Schuberts «Unvollendeter» beginnen, die wir in Abbados letztem Konzert im August gespielt haben und die wir nun am Sonntag ohne Dirigenten aufführen wollen.

Violinistin Isabelle Faust ist Solistin in Alban Bergs Violinkonzert «Dem Andenken eines Engels», Dirigent Andris Nelsons leitet das Finale aus Mahlers 3. Sinfonie. Zudem wird Schauspieler Bruno Ganz Hölderlins Elegie «Brot und Wein» rezitieren. Welches Stück verbinden Sie besonders mit Abbado?

Friedrich: Isabelle hat dieses Werk ja vor ganz kurzer Zeit mit Claudio aufgenommen, das ist schon eine Form von Vermächtnis. Jedes Stück hat eigene starke Bezüge zu Abbado, wobei Bach im Programm nur scheinbar fehlt. Dafür erklingt sein Choral «Es ist genug» als Zitat in Bergs Violinkonzert. Für mich gehört die Begegnung mit Mahlers Musik unter Abbados Leitung zu den tiefgreifendsten Erlebnissen in meinem Leben.

Wenn Ihnen die bereits legendären Mahler-Aufführungen Abbados so viel bedeuten – können Sie sich vorstellen, Mahler mit diesem Orchester unter neuen Voraussetzungen zu spielen?

Friedrich: Es würde für einen Nachfolger extrem schwer sein, da weiterzumachen, wo Claudio den Schlusspunkt gesetzt hat. Die Aufführungen unter ihm waren auf einem unglaublich hohen Niveau. Zudem verbinde ich die Konzerte mit starken persönlichen Erinnerungen. Daher wäre ich froh, wenn ein Neuanfang des LFO einen anderen Schwerpunkt hätte.

2005 meinten Sie gegenüber unserer Zeitung, Sie könnten sich nicht vorstellen, «wie das LFO ohne Abbado weitergeführt würde».

Friedrich: Das Orchester hing vom grossen Beziehungsnetzwerk ab, das Abbado initiierte und das Musiker aus ganz Europa nach Luzern führte. Auch in gestalterischer Hinsicht war Abbado entscheidend: Der Orchesterklang, die Struktur der Werke und seine interpretatorische Handschrift waren so prägend und Identifikationspunkt für uns alle. Wir haben ja nur zweimal nicht «unter ihm» gespielt; das waren unsere Konzerte in New York, mit Pierre Boulez und David Robertson in der Carnegie Hall. Aber das LFO ist nicht das erste von Abbado gegründete Orchester, sondern bereits sein fünftes «Kind». Seine älteren «Kinder» konnten sich selbstständig weiterentwickeln, wie das Mahler Chamber Orchestra oder das Chamber Orchestra of Europe (das heute um 18.30 Uhr das Lucerne Festival zu Ostern im KKL eröffnen wird; Anm. d. Red.). Dabei trugen sie das zentrale Anliegen ihres Gründers weiter: dass der einzelne Musiker im Geiste der Kammermusik Verantwortung für das ganze Orchester trägt. Es wird wohl einige Jahre dauern, bis das LFO aus diesem langen Schatten heraustreten wird, aber die anderen Orchesterkinder können dabei als Vorbild dienen.

Andris Nelsons dirigiert nicht nur das Gedenkkonzert am Sonntag, sondern springt diesen Sommer für Abbado beim LFO ein. Ist er jenes «völlig Neue», von dem Sie 2005 sprachen, als es um eine Zukunft ohne Abbado ging?

Friedrich: Er dirigiert wirklich völlig anders als Abbado: hitzig, jung, dynamisch, kraftvoll mit grosser Geste. Und gehört für mich zu den besten Dirigenten der jüngeren Generation. Natürlich ist man mit etwas mehr als 40 Lebensjahren noch lange nicht am Ende einer spannenden Weiterentwicklung. Das sehen wir ja bei Claudio, der nach seiner Krankheit eine enorme Verdichtung seiner musikalischen Aussage erreichte. Daher steht für mich vieles offen. Längerfristig wünsche ich dem LFO kein rotierendes System mit Gastdirigenten, sondern eine feste Besetzung mit einer starken Persönlichkeit.

Vor dem Gedenkkonzert treten Sie morgen Sonntag solistisch auf: Was erwartet das Publikum in Ihrer Orgelmatinee mit Martin Lücker?

Friedrich: Im Mittelpunkt des Programms steht das Stück «Gilgul». Der Komponist Luca Lombardi hat es den Opfern des Massakers im italienischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema gewidmet, bei dem SS-Truppen am 12. August 1944 Hunderte Zivilisten töteten. Ich habe selber zwei Überlebende des Massakers kennen gelernt. Das war sehr bewegend. Mir ist es wichtig, den Opfern von Nazideutschland damit ein persönliches Mahnmal zu setzen. Der Tod ist auch das zentrale Thema in den anderen Stücken des Programms von Johann Sebastian Bach über Liszt bis Hindemith. Jetzt, nachdem Claudio Abbado gestorben ist, erhält es für mich eine noch tiefere Dimension.

Hinweis

Konzert mit Reinhold Friedrich (Trompete) und Martin Lücker (Orgel): morgen Sonntag, 6. April, 11 Uhr, Konzertsaal, KKL, Luzern.

Das Gedenkkonzert zu Ehren von Claudio Abbado morgen um 16 Uhr im KKL-Konzertsaal wird im Livestream auf www.lucernefestival.ch über­tragen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.