LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA: Wucht und Strenge: CD-Aufnahme mit Riccardo Chailly

Viele Konzert-CDs mit dem Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado haben Legendenstatus. Nun liegt erstmals eine Aufnahme des Orchesters mit Riccardo Chailly vor – Anlass für eine Zwischenbilanz.
Fritz Schaub
Riccardo Chailly dirigierte das Lucerne Festival Orchestra im Sinfoniekonzert 1 am vergangenen Lucerne Festival im Sommer. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli (Luzern, 12. August 2017))

Riccardo Chailly dirigierte das Lucerne Festival Orchestra im Sinfoniekonzert 1 am vergangenen Lucerne Festival im Sommer. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli (Luzern, 12. August 2017))

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

Viele Konzerte mit dem Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado, vor allem seine Mahler-und Bruckner-Wiedergaben, sind auf DVD oder auf CD festgehalten worden. Nun liegt beim prominenten Label Decca erstmals die Aufnahme eines Konzerts mit dem leicht veränderten Lucerne Festival ­Orchestra unter der Leitung des Abbado-Nachfolgers Riccardo Chailly vor. Dieser dirigierte im vergangenen Sommer ein reines Strawinsky-Programm im KKL-Konzertsaal nicht weniger als dreimal, am 16., 17. und 19. August.

Dem Booklet kann man entnehmen, dass für die Live-Aufnahme alle drei Aufführungen herangezogen wurden. Das gibt Gelegenheit, sich auch anhand des Tonträgers Gedanken da­rüber zu machen, ob die neue Ausgabe des Festspielorchesters unter dem neuen Leiter sich auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen und in eine ebenso erfolgreiche Zukunft aufbrechen kann. Die Voraussetzungen für diesen Klangkörper sind mittlerweile nämlich andere. Die von Claudio Abbado angeregte Gründung des Festspielorchesters reihte sich damals ein in die Linie der früheren Orchestergründungen von Abbado.

Nur waren jetzt nicht junge, unbekannte Musiker an den Pulten, sondern Musiker, die zwar aus einem der von Abbado gegründeten Jugendorchester stammten, aber inzwischen unter dem neuen Signet Gustav Mahler Chamber Orchestra den Jugend-Status verlassen hatten und an den ersten Pulten mit hochkarätigen, mit Abbado seit längerem befreundeten Musikern ergänzt wurden.

Es steht und fällt mit dem Dirigenten

Das erstmalige Auftreten des neuen Eliteorchesters im Sommer 2003 schlug, wie man weiss, wie eine Bombe ein. Vorbei war der flaue Festwochen-Beginn, der seit der Auflösung des Schweizerischen Festspielorchesters bis anhin regiert hatte. Mit einem Male hatte man jetzt das so lange vermisste Anfangs-Event, das die Festwochen richtig lancierte. Die Einmaligkeit dieser Orchestergründung wurde vom Publikum und der Fachpresse sofort begriffen, wobei man sich im Klaren war, dass dieses Orchester stand und fiel mit der Person des charismatischen Dirigenten.

Von einer grossen deutschen Zeitung wurde der Klangkörper bereits beim Debüt zum besten Orchester der Welt gekürt. Das gefiel nicht überall und weckte auch Eifersucht, denn im Orchester sassen auch Mitglieder der grossen Traditionsorchester, der Wiener und Berliner Philharmoniker. Von Letzteren kam etwa der junge Solo-Oboist Al­brecht Mayer. Prompt gab Berlin in Zukunft keine Musiker mehr nach Luzern ab.

Das Modell erwies sich trotzdem als erfolgreich. Ja es bestand gar die Gefahr, dass das hohe Niveau den nachfolgenden Gastorchestern gefährlich wurde. Im ersten Jahr erging es mir so, dass das erste Gastorchester, das dem Festspielorchester folgte, genau das vermissen liess, was Abbados Orchester auszeichnete: Spielfreunde, bedingungsloser Einsatz und Ausdrucksreichtum. Dabei handelte es sich immerhin um das Pittsburgh Symphony Orchestra, bei dem Mariss Jansons einige Zeit als Chefdirigent ­wirkte.

Nun, die folgenden Jahre haben auch zu einer Neueinschätzung der gastierenden Orchester geführt, denn bei ihnen ist die Zeit nicht stehen geblieben. Bei aller Lobhudelei las man in serösen Blättern auch beim Festspielorchester durchaus differenzierte Urteile. Man rühmte zwar all­gemein das ganz natürlich von innen herauswachsende Zusammenspiel und die sich daraus ergebende Klangmagie, vermisste aber da und dort Angriffigkeit und Wucht.

Strawinsky fördert anderes Potenzial zutage

Schon beim Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals 2017, bei dem der Abbado-Nachfolger Riccardo Chailly das Lucerne Festival Orchestra in drei Tondichtungen von Richard Strauss dirigierte, war zu erkennen, dass er einen andern, energischen Zugriff als sein Vorgänger auf das Orchester hat. Vor allem fiel auf, wie Chailly mit straffen Zügeln den Rhythmus herausarbeitete. Schienen er und das Orchester streckenweise noch auf der Suche zu sein, war die zupackende Herangehensweise bei Strawinskys skan­dalumwittertem «Sacre du printemps» mit den scharfen ­Harmonien und hämmernden Rhythmen genau richtig. Das bestätigt nun auch die Live-Aufnahme. Man staunt, wie souverän Chailly mit den unregelmässigen, sich überlagernden Rhythmen und mit den wechselnden Tempi umgeht.

Er ist weit davon entfernt, einseitig die archaische, entfesselte Rhythmik des Frühlingsopfer-Rituals hervorzuheben. Seine Aufmerksamkeit gehört ebenso sehr den lyrischen, verhaltenen Abschnitten, welche die Balletthandlung, die dem Werk zugrunde liegt, gleichfalls bestimmen und ihren mysteriösen Charakter evozieren. Das beginnt schon mit dem sehr frei genommenen Solo des Fagotts zu Beginn.

Erst gegen Ende des ersten Teils, beim «Tanz der Erde» («Danse de la terre»), steigert er das Tempo und die Dynamik bis zum dreifachen Forte. Im zweiten Teil «Das Opfer» («Le Sacri­fice») drosselt er das Tempo bei der «Anrufung der Ältesten» («Evocation des ancêtres»). Mit solchen Rubati und mit der strikten Aufrechterhaltung der dynamischen Extreme erhöht Chailly immer wieder die Spannung, die sich dann in den schneidenden Akkordschlägen mit umso grösserer Wildheit und mit umso schärferer Zuspitzung entlädt.

Vorangestellt sind auch auf der CD die vier Jugendwerke aus den Jahren 1906 bis 1908, in denen der Komponist selbst noch ein Suchender ist. Neben den Orchesterliedern «Le Faune et la bergère» (mit der ausgezeichneten französischen Mezzosopranistin Sophie Koch), dem Scherzo fantastique und dem «Feu d’artifice», in denen verschiedene Stileinflüsse sich bemerkbar machen, fällt vor allem der «Chant funèbre» auf den Tod seines Mentors und Lehrers Rimsky-Korsakow auf. Das seit der Oktoberrevolution vermisste und erst vor zwei Jahren wieder aufgefundene Stück wird hier erstmals auf CD wiedergegeben.

Das Potenzial ist da

Im Grossen und Ganzen bestätigt diese Strawinsky-Aufnahme, dass das Orchester gerüstet ist für die Pflege eines etwas anderen, vielleicht auch moderneren Repertoires, als es Abbado pflegte, der vor allem auf die umfangreichen Sinfonien von Gustav Mahler und Anton Bruckner und die grossen Wagner-Dramen setzte. Kein Zweifel: Auch das neue Luzerner Festspielorchester hat Potenzial, auch wenn es mehr in der klanglichen Wucht und in der rhythmischen Strenge liegt.

Vorerst aber wird Riccardo Chailly am kommenden 21. März im Rahmen des Osterfestivals die Filarmonica della Scala in einem rein russischen Programm dirigieren, darunter Igor Strawinskys «Petruschka».

Hinweis

Stravinsky: Le Sacre du printemps, Chant funèbre, Feu d’artifice, Scherzo fantastique, Le ­Faune et la Bergère. Lucerne Festival Orchestra, Dirigent: Riccardo Chailly, Decca, 1 CD.

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