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LUCERNE FESTIVAL: «Perfektion interessiert mich nicht»

Mitsuko Uchida (64) gehört zu den grossen Pianistinnen der Gegenwart. Als Artiste étoile gibt die Japanerin in Luzern gleich vier Konzerte.
Interview Oliver Meier
«Mit grosser Musik sollte man sich ein ganzes Leben beschäftigen»: Mitsuko Uchida (hier 2005 als Pianistin und Dirigentin in der Philharmonie Köln). (Bild: PD/Hyou Vielz)

«Mit grosser Musik sollte man sich ein ganzes Leben beschäftigen»: Mitsuko Uchida (hier 2005 als Pianistin und Dirigentin in der Philharmonie Köln). (Bild: PD/Hyou Vielz)

Sie gilt als bedeutende Mozart-Interpretin. Mitsuko Uchida, 1948 in Japan geboren, verbindet auf berückende Weise Feinsinn mit Gradlinigkeit. Mit 12 zog sie nach Wien, nachdem ihr Vater zum Botschafter in Österreich ernannt worden war. Sie studierte an der Wiener Hochschule, gab mit 14 ihr erstes Konzert im ehrwürdigen Musikverein. Zu Beginn der Siebzigerjahre übersiedelte sie nach London, wo sie bis heute wohnt. Ruhm erlangte Mitsuko Uchida nicht nur mit ihren grossartigen Mozart-Einspielungen. Auch mit Beethoven, Schubert, Debussy und Schönberg hat sie sich in die jüngere Interpretationsgeschichte eingeschrieben. Am Lucerne Festival ist sie dieses Jahr als Artiste étoile zu Gast.

Mitsuko Uchida, muss man mit Musikerinnen immer über Musik sprechen?

Mitsuko Uchida: Ich spreche nur über Musik. Und das mache ich bei Interviews auch immer klar. Falls Sie über Kunst im Allgemeinen sprechen wollen, dann rede ich vielleicht ein bisschen, aber auch nicht viel mehr.

Schade, ich hätte gerne über Ihre Porzellansammlung gesprochen.

Uchida: Ich sammle nicht. Ich bin eine Nichtsammlerin. Ich bin eine Benutzerin. Ich benutze schönes Porzellan. Ich habe mein Porzellan nicht in der Vitrine, sondern in der Küche. Meinen Tee trinke ich aus einem wunderschönen alten Krug. Es ist ein Krug von 1752 oder 1753, das ist sehr, sehr früh für englisches Porzellan. Jeder Sammler würde vor Schock sterben, wenn er sehen würde, dass ich darin Tee zubereite.

Unfassbar.

Uchida: Ich passe sehr auf!

Was haben Sie gegen das Sammeln?

Uchida: Es ist ganz einfach: Vieles, was man sammelt, wird früher oder später zur Last. Ausserdem: Ich möchte Klavier spielen, ich möchte Musik hören, Musik denken. Ich will nicht irgendwelche Sammlerarbeiten ausführen, dafür ist mir die Zeit zu schade.

Braucht man nicht Dinge ausserhalb der Musik, die einen inspirieren?

Uchida: Sicherlich, ja. Das Porzellan gehört dazu. Auch die Literatur. Oder die visuelle Kunst. Es gibt viele Künstler, die ich sehr schätze. Und ja: Auch das Meer inspiriert mich sehr. Ich liebe das Meer.

Aber das sehen Sie in London gar nicht. Wohnen Sie nicht am falschen Ort?

Uchida: Ich brauche das Meer nicht jeden Tag. Es genügt mir, Bilder davon zu haben. Gleich am Meer zu wohnen, wäre im Übrigen schlecht für das Instrument.

Streicher haben eine innige Beziehung zu ihrem Instrument. Ist das bei Pianisten auch so?

Uchida: Natürlich haben wir alle ein besonderes Verhältnis zu unseren Instrumenten. Aber es gibt dennoch grosse Unterschiede. Es gibt Pianistinnen und Pianisten, die wahnsinnig sensitiv spielen und eine viel engere Verbindung zu ihrem Instrument haben als andere. Die feinsten und raffiniertesten Pianisten der Musikgeschichte waren übrigens Männer: Frédéric Chopin und Wolfgang Amadeus Mozart.

Wie können Sie das so genau wissen?

Uchida: Das hört und sieht man ihren Kompositionen an.

Hätten Sie gerne mal mit Mozart zusammen gespielt?

Uchida: Ich hätte es niemals gewagt. Ich hätte ihn aber wahnsinnig gerne gehört. Ich würde nur zu gerne wissen, wie es geklungen hat, als er seine Musik spielte. Ob er improvisierte. Und was Mozart wirklich meinte, wenn er etwas in einer bestimmten Weise aufschrieb.

Hätten Sie auch gerne mit ihm diskutiert?

Uchida: Nein, ich hätte ihn einfach gerne beobachtet.

Auch beim Komponieren?

Uchida: Er komponierte so schnell, das hätte wohl wenig Sinn gemacht. Es gibt diesen Brief an den Vater, da beschreibt er, wie er unter grösstem Zeitdruck eine Klaviersonate mit Geigenbegleitung für den Erzbischof komponieren musste. Stellen Sie sich vor: Er brauchte eine halbe Stunde. Während er den Geigenpart komponierte, lernte er den Klavierpart auswendig. Unfassbar.

Wo liegt die Magie bei Schumann, den Sie in Luzern spielen werden?

Uchida: Er hat eine enorme Fantasie. Er fing als Pianist genauso an wie als Komponist: ohne grosse Technik. Und seine musikalische Erziehung war wenig gradlinig. Das hört man seiner Musik an: Schumann hat einzigartige Ideen, die nicht von irgendeiner Schule oder einem Lehrer stammen. Besonders anrührend ist seine Harmonik. Aber auch schwierig: Als Interpret genügt es nicht, sich auf die eigene Stimme zu konzentrieren. Man muss immer die ganze Komposition mitdenken, das ist gar nicht einmal so leicht. Schumanns Mehrstimmigkeit ist schwer zu entziffern und zu verwirklichen.

Nun hat man ja die Tendenz, gerade seine späten Werke mit seinem Schicksal kurzzuschliessen. Wie spiegelt sich seine Geisteskrankheit in der Musik?

Uchida: Man sagt, Schumann sei manisch-depressiv gewesen. Klingt er danach? Ja. Und es gibt musikalische Momente, in denen er wirklich nicht mehr ganz da ist. Zum Beispiel in «Gesänge der Frühe», die ich in Luzern spiele, eine seiner letzten Kompositionen. Das Tempo wird immer langsamer, und dann findet er den Weg nicht mehr.

Was heisst das?

Uchida: Es gibt Stellen, da sollte die Harmonik den nächsten Schritt machen, aber Schumann schafft es nicht mehr. Tut das einem weh beim Hören? Die Antwort ist: Ja. Das ist zutiefst bewegend. Deswegen möchte ich diese Musik spielen.

Das Festivalthema in Luzern heisst Revolution. Sie spielen – neben Bach und Schumann – auch Schönberg. Ist das Ihr Beitrag dazu?

Uchida: Mir war nicht bewusst, dass das Festivalthema Revolution heisst. Sonst hätte ich nicht die Klavierstücke Opus 19 gewählt, sondern die Klavierstücke Opus 11 – in der Klaviermusik ist das die Revolution. Opus 19 habe ich gewählt, weil ich Schönbergs andere Seite zeigen wollte. Das Publikum soll die unwahrscheinlich weiche Seite von Schönberg hören. Und unmittelbar danach die allermerkwürdigste von Schumann.

Was ist ein perfekter Konzertabend?

Uchida: Perfektion interessiert mich nicht. Ich habe genügend Menschen gehört, die perfekt spielen, ohne etwas zu sagen.

Sie sind also auch eine Nichtperfektionistin.

Uchida: Ich halte es mit dem Pianisten Artur Schnabel: Ich spiele nur Musik, die ich nie gut genug werde spielen können.

Gibt es trotzdem Werke, an die Sie sich bis heute nicht herantrauen?

Uchida: Sehr viele. Aber die Gründe sind verschieden. Lange habe ich mich nicht getraut, die Diabelli-Variationen von Beethoven zu spielen. Jetzt habe ich mich darangemacht. Und ich muss schon sagen: Wahrscheinlich ist es das grösste Klavierstück, das je komponiert worden ist. So tief, so vielfältig und so menschlich.

Damit könnten Sie mit dem Rest Ihres Lebens beschäftigt sein.

Uchida: Ja. Aber nicht nur. Mit aller grossen Musik sollte man sich ein ganzes Leben beschäftigen.

Hinweis

Mitsuko Uchida am Lucerne Festival: 20. 8., 27. 8. und 7. 9., je 19.30 Uhr, KKL Luzern; 1. 9., 16 Uhr, Lukaskirche, Luzern. www.lucernefestival.ch

MEHR ZUM FESTIVAL

Lesen Sie morgen unsere Berichte zu den Auftritten und Podien mit dem West-Eastern Divan Orchestra von und mit Daniel Barenboim.

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