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LUCERNE FESTIVAL: «Petruschka» überragte alles

Kein österlicher, aber ein fulminanter Auftritt war das Konzert des Scala-Orchesters unter Riccardo Chailly – mit einem einsamen Höhepunkt.
Fritz Schaub
Die Filarmonica della Scala unter dem Dirigat von Riccardo Chailly. (Bild: LF/Priska Ketterer (Luzern, 21. März 2018))

Die Filarmonica della Scala unter dem Dirigat von Riccardo Chailly. (Bild: LF/Priska Ketterer (Luzern, 21. März 2018))

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

Auch am Osterfestival muss man nicht auf Riccardo Chailly verzichten. Aber nicht mit dem Lucerne Festival Orchestra, das für den Sommer reserviert ist, sondern mit «seinem» Orchester, der Filarmonica della Scala, also dem Orchester der Mailänder Scala, deren musikalischer Direktor der Maestro seit 2015 ist, kam er wie schon im vergangenen Sommer nach Luzern. Aber im Gepäck hatte er diesmal nicht vorwiegend italienische, sondern russische Orchestermusik, und dies gleich in dreifacher Ausführung.

Dass das Opernorchester jetzt mit russischem Repertoire aus dem Orchestergraben aufs Konzertpodium trat, ist durchaus keine Schnellbleiche. Denn mit dem Opernorchester pflegte Chailly schon in den Anfangs­jahren, als er noch Assistent ­Abbados war, sinfonisches Repertoire, und seit drei Saisons widmet er sich intensiv der rus­sischen Musik. Wenn ein Programm wie dasjenige vom Mittwochabend in Mailand einstudiert wird, kann das Luzern nur recht sein. Insgeheim rechnet man natürlich damit, dass Chailly dereinst auch am Lucerne Festival Opern aufführen wird und ­damit die Tradition von Opernaufführungen auf dem Konzertpodium fortführen wird.

Auch als Opernorchester gefordert

Es überraschte nicht, dass Opern-Eigenschaften auch beim jüngsten Luzerner Gastspiel hervor­traten. Namentlich galt das für Igor Strawinskys Burleske «Petruschka» in der Fassung von 1947. Der Komponist brachte hier dank einer ausgeklügelten Collage-Technik zwei Gegensätze, die sich eigentlich ausschliessen, unter einen Hut: auf der einen Seite das bunte Jahrmarktstreiben und auf der anderen Seite die sich dazwischen entwickelnde Pantomime mit der Puppe Petruschka, der russischen Art des Kasperl oder des Hanswurstes. Sie verliebt sich in die Ballerina, wird aber nicht erhört und von ihrem Antipoden, dem eifersüchtigen Mohren, erschlagen, um als Geist wieder aufzuerstehen.

Bei den sich dicht gedrängt folgenden Akkorden des Jahrmarktstreibens entfaltete das ­Orchester eine Farbenpracht und einen Glanz, die der Darbietung der «Pini di Roma» von Respighi im vergangenen Sommer in nichts nachstanden, hier aber entscheidende Impulse erhielten durch die teils polyfone und eruptive Rhythmik. Wie Chailly diese anstachelte und dabei das gross ­besetzte und klanglich glänzend auftrumpfende Orchester dennoch durchsichtig und klar hielt, erinnerte an die Wiedergabe des kurz nach «Petruschka» entstandenen «Sacre du printemps» im vergangenen Sommer, die in­zwischen ja auch auf Tonträger festgehalten ist.

Erstaunlich, wie präzis und ausgefeilt es Chailly und den Solisten seines Orchesters daneben gelang, die dramatische Handlung mit den drei Figuren musikalisch nachzuvollziehen und ­dabei den Zauber einer märchenhaften Poesie zu evozieren. Vollends verwandelten sich der Klangkörper in ein Opernorchester und der Konzertsaal in ein Opernhaus, als die italienischen Gäste als Zugabe die «Wilhelm-Tell-Ouvertüre» von Rossini anstimmten.

Programm mit Projektcharakter

Im Übrigen hatte das Programm durchaus Projektcharakter, indem es gezielt verschiedene Arten des russischen Musikcharakters darbot und dabei zwei Werke aufführte, die überhaupt zum ersten Mal in Luzern erklangen. Dabei zeigte die zweite Sinfonie c-Moll von Peter Tschaikowsky die Sonnenseiten, die Suite aus der Oper «Lady Macbeth von Mzensk» von Dmitri Schostakowitsch die Schattenseiten des russischen Wesens. Mit der zweiten Sinfonie war Tschaikowsky gar nicht so weit entfernt vom «Mächtigen Häuflein der Fünf», das später dem Komponisten Verwestlichung vorwarf.

Denn in der «Kleinrussischen» (wie die Sinfonie genannt wird) hält sich der Komponist nahe an russische Volksmelodien, die vor allem im ersten und im letzten Satz ertönen. Chailly setzte sich mit vollster Überzeugung – auch diese frühe Sinfonie sei bereits ein Meisterwerk – für das Werk ein, konnte jedoch nicht vertuschen, dass die liedhaften Keime immer wieder in massierten Steigerungen untergingen.

Problematisch bei der «Lady Macbeth von Mzensk»-Suite, die erst vor 15 Jahren entdeckt wurde, ist die Auswahl. Von den fünf ­Zwischenspielen hält sie ausgerechnet jene drei fest, welche die wüsten, scharf karikierten Seiten der Oper und der Charaktere festhalten, die den Bannstrahl Stalins mit dem Prawda-Artikel «Chaos statt Musik» auslösten.

Losgelöst von der Oper, die ja auch in Russland von Anfang an grossen Erfolg hatte, ergeben die nur sieben Minuten dauernden Stücke ein einseitiges Bild. Das schönste und prägendste Bild des russischen Charakters vermittelte also das bekannteste, im Auftrag der legendären «Balletts Russes» entstandene und in Paris uraufgerührte Meisterwerk und löste auch die mit Abstand grösste ­Resonanz aus.

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