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LUCERNE FESTIVAL: Physisches Musikerlebnis und virtuelles Experiment

Das West-Eastern Divan Orchestra und sein Dirigent Daniel Barenboim gastierten während zweier Tage in Luzern. Ein Highlight war Martha Argerich als Solistin – und eine Konzertübertragung der anderen Art.
Katharina Thalmann
Brille auf: Erstmals gab es in der Schweiz eine 360-Grad-Übertragung eines klassischen Konzerts. (Bild: Manuela Jans/Lucerne Festival)

Brille auf: Erstmals gab es in der Schweiz eine 360-Grad-Übertragung eines klassischen Konzerts. (Bild: Manuela Jans/Lucerne Festival)

Am Mittwoch sassen Leute mit Kartonbrillen auf Campingstühlen – unter dem Dach des KKL, mitten auf dem Europaplatz. Sie hatten das Vergnügen, die schweizweit erste 360-Grad-Übertragung eines klassischen Konzerts mitzuerleben. Auf technische Probleme in der ersten Konzerthälfte reagierte die Zurich-Versicherung, die den Anlass veranstaltete, grosszügig mit Getränkegutscheinen und Freikarten für ein Konzert am Erlebnistag. Empörte Gesichter sah man deswegen kaum – zum Glück! Denn solche Pilotversuche benötigen eine Plattform, um sie auszuführen.

Doch zuerst zu den Ereignissen im ausverkauften Konzertsaal: Nach Maurice Ravels «Ma mère l’Oye» spielte das Divan-Orchester Dimitri Shostakovichs erstes Klavierkonzert op. 35. Solistin war keine geringere als die pianistische Grand Dame Martha Argerich. Das Werk sieht auch einen Solopart für Trompete vor; doch Bassam Mussad, der diesen Part zwar witzig und virtuos interpretierte, verschwand fast neben Martha Argerich. Ihre Ausstrahlung ist exzeptionell, sie ist wie ein Magnet für Augen und Ohren. Ihre totale technische Sicherheit gab ihr die Freiheit, den Solopart fast wie eine Jazzimprovisation klingen zu lassen: Rhythmisch und temperamentvoll spielte sie insbesondere die zweite Hälfte des Werks. Im letzten Satz setzte sie die überraschenden Einwürfe, die die Trompete unterbrechen, fast theatralisch und das Gesicht zum Publikum gewandt und führte das Stück in einer rasenden Stretta zu seinem Ende.

Vielversprechendes Experiment

Die zweite Konzerthälfte wurde von draussen beobachtet. Man bekam die blaue Brille und eine blaue Plastikbox voller elektronischer Gadgets: ein Not-Akku für alle Fälle, diverse Kopfhörer, Kabel und Stecker. Die Anleitung las sich scheinbar simpel: Man nehme sein Smartphone, logge sich in ein Wi-Fi ein und öffne einen Youtube-Link. Dann steckt man die Kopfhörer ins Smartphone, das Smartphone in die Brille und setzt die Apparatur auf. Denn drinnen im Orchester waren zwei 360-Grad-Kameras installiert, deren Bilder live auf Youtube gestreamt wurden. Das Virtual-Reality-Moment daran: Man konnte sich wirklich im Orchester umsehen! Drehte man den Kopf beispielsweise nach links, schwenkte der Blick ins Orchester nach links. Mal hatte man Barenboim im Rücken, mal sah man dem ersten Geiger frontal beim Spielen zu.

Tags darauf spielte das West-Eastern Divan Orchestra zunächst Richard Strauss’ «Don Quixote» op. 35. Beide Solisten kamen aus dem Orchester. Die Bratschistin Miriam Manasherov hatte eine Doppelrolle: Sie spielte am ersten Pult, trat jedoch immer wieder solistisch hervor. Der Cellist Kian Soltani erwies sich als hellhöriger und leidenschaftlicher Partner. Auch bewies er Sinn für Humor, ist doch die literarische Vorlage für Strauss’ Komposition eine Parodie auf Ritterromane. Wie plastisch Strauss den Roman von Miguel de Cervantes in Musik gefasst hat, zeigte die lustvoll gespielte Flatterzungen-Passage in der zweiten Variation, als Don Quixote eine Schafherde für eine Armee hält.

Höhenflug mit Tschaikowsky

Zu einem Höhenflug setzte das Orchester mit Tschaikowskys fünfter Sinfonie an: Das Thema im ersten Satz wurde dunkel und hell ausgeleuchtet, und das lyrische Horn-Solo im zweiten Satz war berührend. Den dritten Satz, einen Walzer, dirigierte Barenboim flüssig und fast musikantisch: Agogisch frei grenzte er die rhythmischen Schichten voneinander ab und unterstrich damit das tänzerische Element dieser Musik. Im Finale trieb Barenboim die Musiker zu Höchstleistungen an, das omnipräsente Hauptthema wurde zu einem physischen Erlebnis. An beiden Abenden geizte Maestro Barenboim nicht mit Zugaben. Ein freudiges Raunen ging durch die Menge, als am Mittwoch ein zweiter Klavierstuhl auf die Bühne gebracht wurde – Argerich und Barenboim spielten Ravels «Ma mère l’Oye» vierhändig!

Unüberhörbar, dass sie sich schon fast das ganze Leben kennen: Barenboim war sieben, Argerich acht, als sie zum ersten Mal zusammen unter dem Klavier spielten. Und auch mehr als 65 Jahre später teilen sie eine kindliche Neugier auf jede Note, die da klingen möge.

Am Donnerstag spielte Kian Soltani zunächst den «Schwan» aus Camille Saent-Saëns’ «Karneval der Tiere». Soltani überzeugte mit innigen Lagenwechseln und differenzierten Farben. Auf Tschaikowskys Sinfonie schliesslich folgte die «Valse triste» von Jean Sibelius: Dieses selten gehörte Kleinod dirigierte Barenboim mit vollster Risikofreude, liess die Streicher ein Pianissimo intonieren, das förmlich zu verschwinden schien.

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

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