Lucerne Festival: Piano-Jubiläum mit einem Ballfest auf 88 Tasten

Das Lucerne Festival erklärte den Tastentag am Sonntag zum «Ballfest» für das Jubiläum 20 Jahre Piano-Festival: Drei Jungpianisten und eine Lecture zum «Walzer» dreht sich immer schwindliger um das Motto «Tanz».

Urs Mattenberger
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Geschafft: Die russische Pianistin Varvara hat soeben mit Ravel hochvirtuos den Walzer zertrümmert (LF/Peter Fischli)

Geschafft: Die russische Pianistin Varvara hat soeben mit Ravel hochvirtuos den Walzer zertrümmert (LF/Peter Fischli)


«Wieso tanzt niemert?» Wer gestern, wie viele andere Familien, die einstündigen Konzerte am Tastentag des Piano-Festivals im KKL mit seinen Kindern besuchte, musste sich auf solche Fragen gefasst machen. Schliesslich wurde in drei Konzerten ausschliesslich Musik zum Motto «Tanz» gespielt.

Fragen gab es aber auch zum knallroten Konzertflügel, der im zentralen Foyer auf einem Podium prangt. Das schafft Festivalstimmung, weil sich hier ab Dienstag Jazz-Pianisten präsentieren, die bis Ende Woche in Luzerner Bars auftreten. Aber am Tastentag blieb er ungenutzt. Dabei hätte sich hier der «rauschende Ball», den Lucerne Festival zum Jubiläum 20 Jahre Piano-Festival versprach, quasi im Schubertiade-Stil realisieren lassen. Statt eines Pianisten setzte sich gestern ein Mädchen wenigstens für ein privates Fotoshooting keck ans rote Instrument.

Vom Heurigen zur Walzer-Apotheose

So fand der Ball, von Sergej Redkin um 11 Uhr so emotional wie virtuos eröffnet mit russischen Ballett-Musiken, nur am Flügel im Konzertsaal statt. Das war umso auffälliger, als am Samstag der Pianist Igor Levit das Festival mit einem Programm eröffnet hatte, das als Meditation über den Tod eines Freundes die Kunst mit dem Leben zusammenbrachte.

Auf dem «Parkett der 88 Tasten» allerdings, auf das Martin Meyer am Nachmittag mit seiner Lecture zum Thema Walzer entführte, war dieses musikalische Tanzfest mit drei arrivierten jungen Pianisten spannend programmiert. Meyers Lecture und das anschliessende Rezital von Varvara waren zudem zeitlich so programmiert, dass sich daraus am Nachmittag ein doppelter Walzer-Schwerpunkt ergab.

Der ehemalige NZZ-Feuilletonchef begann im Auditorium seinen Schnelllauf durch die Walzer-Geschichte mit Schubert, dessen Walzer so klingen, als hätte sie ein Pianist «zum Heurigen auf die Tasten gelegt». Und er führte das mit frappanten Filmdokumenten von Glenn Gould, Vladimir Horowitz und anderen Pianisten weiter zu Ravel, der sich mit seinen «Valses nobles et sentimentales» auf Schubert bezog. Die Feststellung, hier, bei Ravel, brauche es keinen «Schläger, sondern einen Maler», war eine praktische Höranleitung für das anschliessende Konzert von Varvara, das auch durch Ravels Walzer-Apotheose «La Valse» gekrönt wurde.

Eine Pianistin tanzt sich frei

Allerdings fügte die Pianistin ihrem Ruf als russische Vollblut-Virtuosin zunächst andere Facetten hinzu. Eine Suite von Jean-Philippe Rameau erinnerte daran, wie barocke Tänze im höfischen Korsett gefangen waren, wobei die allzu klangbeschwerte Übertragung dieser geschmeidigen Musik vom Cembalo auf den Flügel diesen Eindruck noch verstärkte. Im «Fandango» von Antonio Soler spielte sich die Pianistin mit spitzen Akzenten und einem gitarristisch aufrauschenden Spiel über die Tastatur hinweg frei. Und zeigte, wie es in Ravels Walzer-Geniestreichen den Schläger wie den Maler braucht: In den «Valses nobles» weichte sie den zunächst brutal harten Anschlag auf in fliessende Klänge und stemmte sich den Auflösungserscheinungen durch Poesie entgegen. Das galt ausgeprägt auch für die Walzer-Zertrümmerung in «La Valse»: Varvara zögerte sie gleichsam hinaus und inszenierte die Katastrophe auch körperlich, als sie sich vom Stuhl erhob und die Fäuste in die Tastatur stemmte.

Archaisches Trommeln an zwei Flügeln

In ein pianistisches Spiegelkabinett anderer Art entführte abends der Franzose Bertrand Chamayou, unter den Jungpianisten der profilierteste Charakterkopf an diesem Tastentag. Schon sein Setting bot einen überraschenden Anblick: Zwei Flügel, ein präparierter für Werke von John Cage und ein konventioneller für Ravel, standen mit der Tastatur zueinander, getrennt nur vom Klavierhocker, auf dem sich der Pianist abwechselnd nach beiden Seiten drehte.

Die Spiegelung setzte sich im Programm raffiniert fort. So ergaben sich zwischen Ravels Stücken nach barocken Mustern (Pavane, Menuette, Le Tombeau de Couperin) und dem perkussiv trommelnden Gamelan-Ton in Cages Tanz-Musiken unerwartete Bezüge in repetitiven Minimalmustern und archaischen Wendungen. Auch pianistisch war Chamayou top, mit einem intensiven Klavierton, der auch im Augenblick höchster Virtuosität nichts von seiner Klarheit einbüsste.

Das war in der Zusammenstellung nicht weniger persönlich als im Eröffnungskonzert vom Samstag das live vorgestellte Konzeptalbum «Igor Levit, life» (Ausgabe vom Donnerstag). Dieses hatte gezeigt, wie die Live-Aufführung gegenüber der CD andere Akzente setzen kann. Die Auswahl rückte die Meditation gegenüber der «Lebensfeier» stärker in den Vordergrund und verschärfte den Umschlag hin zu den grandiosen virtuosen Entfesslungskünsten in Liszts Fantasie und Fuge über «Ad nos, ad salutarem undam». Und Levits in der Saalakustik bis in verlöschende Resonanzen aufgefächertes, farbiges Pianissimo-Spiel brachte Licht selbst in die dunkle Innenschau bei Bach, Busoni und Schumann. Da stand, mehr noch als am Tastentag zum Thema Tanz, Kunst nicht für das Leben selbst, sondern für etwas, das über dieses hinausgeht.