LUCERNE FESTIVAL: Primadonnen am Dirigentenpult

Zum Thema Primadonna präsentiert Lucerne Festival im Sommer elf Dirigentinnen. Neuerungen gibt es zudem am Osterfestival sowie im Rahmen der Akademie.

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Frauen in Führungspositionen als Dirigentinnen am Festival: die Amerikanerinnen Marin Alsop (59) und... (Bild: PD/LF)

Frauen in Führungspositionen als Dirigentinnen am Festival: die Amerikanerinnen Marin Alsop (59) und... (Bild: PD/LF)

Urs Mattenberger

Kaum je war ein Thema des Lucerne Festival derart knisternd und brisant wie jenes für den nächsten Sommer, dessen Programm heute bekannt gegeben wird. Das bestätigen die Reaktionen, die das Festival erhielt, als es eingeladene Orchester bat, zum Motto «Primadonna» unter einer Frau als Dirigentin in Luzern aufzutreten.

«Die Begeisterung über diesen Vorschlag hielt sich manchmal in Grenzen», sagte Intendant Michael Haefliger bei der Vorstellung des Jahresprogramms 2016. Denn Frauen stehen zwar als Solistinnen ihren männlichen Kollegen in nichts nach, wie die lange Reihe der Top-Primadonnen von der Pianistin Martha Argerich über die Geigerin Anne-Sophie Mutter bis zur Sängerin Cecilia Bartoli zeigt. Sie und viele mehr werden im Sommer als Artistes étoiles zum Thema Frau auftreten. Aber als Dirigentin hat noch keine Frau den Star-Status männlicher Maestri erlangt.

Vorgeschmack auf Dirigentinnen

Liegt das daran, dass den Frauen herkömmliche Pultheroen-Klischees im Weg stehen – und könnte sich die Situa­tion mit dem Trend zu mehr Teamgeist auch in Orchestern grundlegend wandeln? An solche Grundsatzfragen nach Kunst- und Geschlechterbildern rührt das Thema ganz bewusst. «Ich hoffe, wir können einen Beitrag leisten, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen», sagt Haefliger, der auch Anzeichen sieht, dass sich in dieser Geschlechterfrage bereits einiges bewegt hat.

So gehören zum Kollektiv der weiblichen Artistes étoiles insgesamt elf Dirigentinnen. Darunter befinden sich so bekannte wie Marin Alsop (mit dem Sao Paolo Symphony Orchestra), Emmanuelle Haim (im ersten Auftritt der Wiener Philharmoniker in Luzern unter einer Frau) oder die dirigierende Sängerin Barbara Hannigan (mit dem Mahler Chamber Orchestra). Fünf jüngere Dirigentinnen werden im Rahmen eines Erlebnistages zum Thema vorgestellt. Das Spektrum reicht hier von Orchesterkonzerten (Chamber of Europe, Festival Strings) bis zu einem Academy-Konzert mit Maria Schneider: Die bekannte Bandleaderin und Jazzkomponistin tritt bereits jetzt am 10. November mit ihrem Jazz Orchestra im KKL auf und gibt uns einen Vorgeschmack auf die Dirigentinnenparade im Sommer.

Neues Festival-Netzwerk

Die selbstverständliche Präsenz von Frauen im Bereich der Neuen Musik zeigt das Programm der erstmals von Wolfgang Rihm geleiteten Academy. Hier gibt die Gastkomponistin Olga Neuwirth ein Kompositionsseminar gemeinsam mit Rihm, die prominente Uraufführung ihres Schlagzeugkonzerts (mit Martin Grubinger) wird von Susanna Mälkki dirigiert.

Im Sommer stellt sich zudem das in New York etablierte Netzwerk der Lucerne Festival Alumni vor. Über dieses realisieren ehemalige Teilnehmer der Academy (bisher rund 1100) eigene innovative Konzertprojekte und stellen sie in Musikmetropolen weltweit vor. Start in Luzern ist im Sommer mit einer vierteiligen Reihe im Rahmen des Schweizer Tonkünstlerfestes, das 2016 in Luzern durchgeführt wird. Zu den Alumni gehören heute so bekannte Musiker wie der Dirigent Pablo Heras-Casado oder das Jack Quartet.

Zeichen für Kontinuität sind dagegen die prominenten Luzerner Bühnenjubiläen von Bernard Haitink und Daniel Barenboim (jeweils 50 Jahre) sowie von Anne-Sophie Mutter und Maurizio Pollini (40 Jahre). Bei den Toporchestern kommen zu den Stammgästen aus Berlin, Wien oder Amsterdam unter anderen das Gewandhaus-Orchester (unter Blomstedt) oder das Simon-Bolivar-Sinfonieorchester (unter Dudamel) hinzu. Das Lucerne Festival Orchestra wird geleitet vom neuen künstlerischen Leiter Riccardo Chailly (Mahlers Achte) und von Bernard Haitink (Bruckners Achte).

Start des Vorverkaufs für Ostern

Publiziert wird dieses Jahresprogramm zum jetzigen Zeitpunkt, weil demnächst – am 9. November, also noch vor dem Piano-Festival in diesem Herbst – der Vorverkauf für das Oster-Festival 2016 beginnt (12. bis 20. März). Auch da gibt es nächstes Jahr zwei Neuerungen. Erstmals steht mit Jordi Savall ein Artiste en résidence im Zentrum. Der Gambist und Dirigent, der 2016 seinen 75. Geburtstag feiert, trittsolistisch auf, führt mit seinen Ensembles grosse barocke Chorwerke auf und initiiert mit jüdischer, muslimischer und christlicher Sakralmusik einen «Dialog der Seelen». Die zweite Neuerung ist erstmals ein Theaterprojekt von Lucerne Young an Ostern, bei dem das Alumni-Netzwerk ebenfalls einbezogen wird: Das Bundesjugendballett bringt Saint-Exupérys «Der kleine Prinz» mit Musik von Janacek, Ravel und Debussy zur Aufführung.

Auffällig ist auch die neuerliche Konzertation von Topensembles der Originalklang-Szene. So führt William Christie mit seinem Ensemble Les Arts Florissants (und der Luzernerin Regula Mühlemann unter den Solisten) Mozarts «Re Pastore» und John Eliot Gardiner Bachs Matthäus-Passion auf. Einen besinnlichen Akzent setzen die Konzerte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons mit Rachmaninows grandioser sinfonischer Dichtung «Die Glocken».

Hinweis

Das Jahresprogramm der Lucerne Festival 2016 wird heute publiziert. Der Vorverkauf für Ostern beginnt online am 9. November, 12 Uhr (Sommer: 7. März 2016). Telefonisch möglich ist der Vorverkauf für das Piano-Festival in diesem Herbst (Tel. 041 226 44 80, 21. bis 29. November).

www.lucernefestival.ch

Maria Schneider (54),... (Bild: PD/LF)

Maria Schneider (54),... (Bild: PD/LF)

... die Kanadierin Barbara Hannigan (44). (Bild: PD/LF)

... die Kanadierin Barbara Hannigan (44). (Bild: PD/LF)