LUCERNE FESTIVAL: Protest und Versöhnung

Noch nie war das Festival so nah an der Realität: Das inszenierte Konzert «Dies irae» hielt dem kollektiven Wahnsinn eine Subjektivität entgegen, die ganz anders auch ein Rezital von András Schiff und drei Uraufführungen thematisierten.

Urs Mattenberger
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Ungewollter Soundtrack zum Atomtest in Nordkorea: Szene aus dem inszenierten Konzert «Dies irae» mit Patricia Kopatchinskaja im Luzerner Saal – kurz bevor auf dem Video eine Stadt in Schutt und Asche liegt. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer.)

Ungewollter Soundtrack zum Atomtest in Nordkorea: Szene aus dem inszenierten Konzert «Dies irae» mit Patricia Kopatchinskaja im Luzerner Saal – kurz bevor auf dem Video eine Stadt in Schutt und Asche liegt. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer.)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Konzerte den ganz Tag über machen jedes Wochenende des Sommerfestivals zu Erlebnistagen. Da kann man sich der Vielfalt der Eindrücke aussetzen (vgl. Seite 30) oder sich gezielt Konzerte zu einem eigenen Festival im Festival zusammenstellen.

So standen drei Konzerte auf dem Programm, die sich im Spannungsfeld von Individuum und gesellschaftlichen Konventionen bewegen. Der Pianist András Schiff spielte die letzten Klaviersonaten der Wiener Klassiker, die individuell über Grenzen hinausgehen. Eine zeitgenössische Ergänzung dazu konnte man sich am Samstagnachmittag vom ­Orchester der Lucerne Festival Academy mit drei Uraufführungen junger Komponisten erwarten. Und das Late-Night-«Dies irae» mit der Geigerin Patricia Kopatchinska beschwor am Samstag aus emotionaler Betroffenheit heraus die apokalyptische Bedrohung durch die kollektiv verschuldete Klimaerwärmung mitsamt Flüchtlingsströmen und Ressourcenkriegen.

Trauerprotest zur Zeit der Bombe

Das waren drei Festivalhöhepunkte eigener Art, aus denen das Late Night durch sein Format her­ausragte. Schon die Düsternis im Luzerner Saal machte klar, dass einen hier keine kulinarische Klassik erwartete. Darauf spielte zwar der Auftakt mit Franz Bibers «Battaglia» an. Aber schon deren Teile musizierten die Festival-Alumni mit Kopatchinskaja derart auf der Vorderkante, dass die Musik abzustürzen drohte.

Zeitgenössische Klanginterventionen zersägten den Rest von heiler Welt, den heute selbst barocker Schlachtenlärm ausstrahlt. Zum Ausnahmeereignis hätte das noch nicht ausgereicht, zumal die dröhnenden Einspielungen ab Band zunächst plakativ wirkten. Das Video von Jimi Hendrix, der die US-Nationalhymne zerfleddert, stellte das Konzert gar in die Reihe der Protestbewegungen seit dem Vietnamkrieg.

Aber dann verdichtete sich das Kaleidoskop zum beklemmenden Trauerprotest. Ein Höhepunkt war der Eintritt der menschlichen Stimme: Ein Vokalensemble der Musikhochschule Luzern (Ulrike Grosch) sang aus dem Publikum heraus Antonio Lottis «Crucifixus» mit derart geschmeidiger Akzentschärfe, dass sein Leidensdruck den neuen Stücken in nichts nach stand. Die exzellente Klangregie gab dem Chorklang eine Präsenz, die das Publikum wie in einer Katakombe umschloss. Nach apokalyptischen Posaunenklängen spielte Kopatchinskaja auf der Geige eine orthodoxe Melodie so innig vor, dass sogar ein Crossover-Spötter zugab, das sei «kein Eso-Kitsch».

Am verbindlichsten wurde die zeitkritische Botschaft, als die Umrisse einer Stadt erkennbar wurden, die in Schutt und Asche liegt. Und etwa zur Zeit, als Nordkorea seine bislang stärkste Atombombe zündete, endete das Konzert mit Galina Ustwolskajas «Dies irae»: einem wie in Stein gemeisselten Choral, in dem die von Kopatchinskaja behämmerte Holzkiste an einen Sarg erinnerte und nahtlos zum Ticken der im Raum postierten Metronome überführte. Was für ein Schluss!

Zwischenapplaus für die Wiener Klassiker

Betroffene Besucher bestätigten: Dieses inszenierte Konzert markiert einen Höhepunkt in der Suche des Festivals nach neuen, gesellschaftlich relevanten Konzertformaten. Aber auch András Schiff legte im Konzertsaal ein pausenlos durchgespieltes Konzeptprogramm vor. Einen Zwischenapplaus ermöglichte nur – ein weiteres Novum – der Wechsel vom Bösendorfer-Flügel (für Mozart und Schubert) zum historischen Bechstein-Flügel (für Haydn und Beethoven).

Auch diese Werke konnte man hören als das Aufbegehren des Individuellen gegen die Konventionen von Kunst und Gesellschaft. Zunächst zeigte Schiff, wie Mozart in der hüpfend leicht gespielten Sonate KV 576 das klassische Idiom durch den Rückgriff auf Bach individualisierte. Zum zentralen Werk des Übergangs wurde Haydns Es-Dur-Sonate: Im feierlichen Schreiten der Akkorde klang noch höfisches Zeremoniell nach, aus dem Schiff die Musik in der Polarität von kraftstrotzender Vitalität und verstörtem Innehalten befreite.

Beethovens letzte c-Moll-Sonate wirkte danach wie die bereits befreite Feier eines individuellen Pluralismus, der über alle Grenzen hinweggeht. Schiff machte das deutlich, indem er dem ersten Satz mit dem klaren Bechstein-Flügel markante, ja titanische Konturen gab und im Variationensatz die Stilvielfalt bis in die Entrückung hinein pointiert auskostete. Den Gegensatz zu Schuberts B-Dur-Sonate, die lange vergeblich Anfang und Ende sucht, akzentuierte das Spiel auf dem weicheren Bösendorfer. Aber Schiff beschränkte sich nicht auf mysteriöse Klangfarbenspiele, sondern stellte deren Abgründigkeit heraus: legte – vor der Wiederholung der Exposition im ersten Satz – die Welt im Basstriller in Trümmer oder stanzte im Scherzo die Gegenakzente mit seinen unverkennbaren Bässen fast knallig aus.

Schöne neue Musik

Eine Überraschung bot das Schlusskonzert des Orchesters Lucerne Festival Academy. Immer schon rüttelte neue Musik die Zeitgenossen auf – von Beethoven, dessen letzte Sonate einst «furchtbar Effekt» machte, bis zu Michael Hersch, dessen Musik im Late Night selbst Kopatchinskaja «ängstigte». Die Uraufführungen bestätigten dagegen, dass heutige Komponisten auch und wieder schöne neue Musik schreiben.

Versöhnung des Individuums mit der Gesellschaft also? Das galt ebenso für Matthew Kaners «Encounters», das schillernde Klänge rhythmisch belebt, wie für Lisa Streichs «Segel». Schon dessen Auftakt ist ein Wurf, wenn ein wiederholter Knall die Ohren so blendet, dass man die Or­chestereinwürfe nur vage wahrnimmt. In dieser Spannung bewegt sich das ganze Werk, das den Klang ins Geräuschhafte – Wind und Wasser – weitet und umgekehrt Geräuschschwaden mit rätselhafter Leuchtkraft auflädt: ein starkes Stück, das im Einbezug summender Musiker die Idee eines Orchesterchors raffiniert einlöst und ins Sakrale wendet.

Dass das Orchester noch die Zeit hatte, unter Matthias Pintscher Béla Bartóks «Der holzgeschnitzte Prinz» zu erarbeiten, bewies dessen Leistungskraft. Und auch wenn die Aufführung weniger von impressionistischer Leichtigkeit als von mächtiger Schubkraft geprägt war, eignet sich das Stück vorzüglich für das kommende Gastspiel in der Elbphilharmonie Hamburg.