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LUCERNE FESTIVAL: Raubtiere auf der Lauer vor dem Sprung

Wenn zwei wie Patricia Kopatchinskaja und François-Xavier Roth zusammenspannen, dann sprühen die Funken. Die Probe aufs Exempel machte das Violinkonzert von Béla Bartók.
Fritz Schaub
François-Xavier Roth (links) und Patricia Kopatchinskaja bei ihrem Auftritt am Lucerne Festival. (Bild: Priska Ketter/LF (Luzern, 23. August 2017))

François-Xavier Roth (links) und Patricia Kopatchinskaja bei ihrem Auftritt am Lucerne Festival. (Bild: Priska Ketter/LF (Luzern, 23. August 2017))

Besonders gespannt war man beim Sinfoniekonzert vom Mittwoch auf das Auftreten der «Artiste étoile» Patricia Kopatchin­skaja als Solistin in einem der ­grossen Meisterwerke des 20. Jahr­hunderts, dem Violinkonzert von Béla Bartók. Denn die mit ihren 40 Jahren viel jünger aussehende Geigerin aus Moldawien ist dafür prädestiniert, entstammt sie doch denselben Wurzeln wie jene osteuropäischen Bauern, deren Volksmusik Bartók erforschte und für die eigenen Kompositionen fruchtbar machte.

In der Radikalität, mit der Kopatchinskaja erklärt, man müsse ein Werk jedes Mal aus dem Augenblick heraus erfassen, ähnelt sie Isaac Stern, der das Bartók-Konzert zweimal in Luzern aufgeführt hat (von der ersten Wiedergabe unter Ansermet im August 1956 ist ein Mitschnitt in der Serie der historischen Festwochen-Aufnahmen erschienen). Er meinte, das grösste Verbrechen eines Musikers sei, Noten zu spielen, anstatt Musik zu machen. Dieses Credo hat Kopatchinskaja, die wie gewohnt barfuss in einem blütenweissen langen Gewand erschien, auf eine wahrhaft hinreissende Art bewerkstelligt.

Sie stellte sich jedoch keineswegs in den Mittelpunkt, sondern wandte demonstrativ ihre Aufmerksamkeit dem Mahler Chamber Orchestra zu und kam nach der Wiedergabe ohne Geige aufs Podium zurück. Dafür erklärte sie dem Publikum, sie werde nach dem Konzert im Foyer zusammen mit ihrem Vater, dem Cimbalom-Virtuosen, und ihrer Mutter, ebenfalls Geigerin, Musik aus Ungarn und Moldawien spielen (Encore im «Interval»).

Knisternde Spannung

Was die Aufführung zum Ereignis machte, war das Zusammenspannen mit dem Dirigenten Francois-Xavier Roth. Auch er ist kein Pultstar im herkömmlichen Sinn, sondern der Prototyp eines modernen Dirigenten, der sowohl Erfahrungen mit der historischen Aufführungspraxis hat als auch ein überzeugter Verfechter der zeitgenössischen Musik ist. Unter seiner Leitung standen sich das Mahler Chamber Orchestra und die Solistin als Kontrahenten gegenüber, die sich, vor allem im ersten Satz, gegenseitig wie Raubtiere belauerten.

Die Solistin schien jederzeit auf dem Sprung, konnte den Einsatz kaum erwarten und setzte in den rhapsodischen Teilen mit einer Vehemenz ein, als ginge es um ihr Leben. Das führte zu einer Wiedergabe von knisternder Spannung. Da wurden Konflikte ausgetragen, die direkt in die Solokadenz mündeten, die nicht als virtuoses Blendwerk herausgestellt wurde, sondern den Kampf unwiderstehlich fortsetzte. Dabei frappierte, wie die Solistin wie der Blitz auf die ruhig-verhal­tenen Abschnitte umschalten konnte und, erst recht im langsamen Mittelsatz, die ungemein zarten und mysteriösen Melodien im äussersten Pianissimo auslotete.

Früher Bartók und früher Haydn

Eine spannungsvolle Wiedergabe erfuhr auch die Tanz-Suite von Béla Bartók. Sie schloss insofern an die Violinkonzert-Darbietung an, als auch hier der französische Dirigent dieses Frühwerk nicht einseitig auf die von Akkordschlägen des Klaviers unterstützte, hämmernde Rhythmik ausrichtete. Das Orchester realisierte zwar die Motorik mit messerscharfer Präzision und Schlagkraft, aber daneben kamen, zumal in den anmutigen, leicht abgewandelten Zwischenspielen, auch die delikateren Farben schön zum Ausdruck.

Für einen Dirigenten wie Roth sind auch die beiden Haydn-Sinfonien, mit denen er die Bartok-Werke umgab, nicht eine nebensächliche Ausschmückung. Schon bei der Sinfonie Es-Dur (Der Philosoph) war man frappiert vom griffigen Streicherklang, wie man ihn bei Originalklang-Ensembles antrifft.

Im Ganzen wirkte dieses Frühwerk mit der Verwendung von Englischhörnen anstelle der Oboen im eröffnenden Adagio und den impulsiv vorgetragenen Sätzen 2 und 4 fast origineller als die spätere Sinfonie D-Dur (The Miracle), bei der die durchsichtige Wiedergabe in kammermusikalischer Besetzung kraftvolle Akzente keineswegs ausschloss.

Fritz Schaub
<span style="font-size: 1em;">kultur@luzernerzeitung.ch</span>

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