LUCERNE FESTIVAL: Romantische Klassiker aus Pittsburgh

Ouvertüre, Solokonzert, Sinfonie: Mit sehr klassischem Programm gastierte das Pittsburgh Symphony Orchestra mit Manfred Honeck in Luzern. Solistin war Anne-Sophie Mutter – wie immer Garant für lupenreine Interpretation und volles Haus.

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Anne-Sophie Mutter am Mittwochabend im KKL. (Bild: Priska Ketter/LF)

Anne-Sophie Mutter am Mittwochabend im KKL. (Bild: Priska Ketter/LF)

Rusalka in zwanzig Minuten: Antonín Dvoráks berühmt gewordene Oper über eine Meerjungfrau und einen Prinzen inspirierte Manfred Honeck zu einer Rusalka-Fantasie. Mit dieser eröffnete er am Mittwoch das Sinfoniekonzert im KKL. Die Auswahl der Auszüge nahm der Dirigent gleich selbst vor, und so entstand ein buntes Medley aus dem thematischen Reichtum der Oper.

Bei solchen Unterfangen besteht stets ein gewisses Kitsch­risiko. Etwa dann, wenn zum Beispiel die erste Violine unisono mit der Trompete romantischen Schmelz im Konzertsaal verbreiten oder wenn die böhmische Verwegenheit in rasanten Tutti-Passagen aufblitzt. Honeck umschiffte diese Gefahr jedoch mit seinem präzisen Dirigat und verstand es, das rührselige Potenzial seiner Rusalka-Fantasie gekonnt zu dosieren.

Dvoráks Violinkonzert begleitet das Duo Anne-Sophie Mutter und Manfred Honeck schon lange: In den letzten Jahren führten sie das Werk schon mit der New York Philharmonic, mit der Tschechischen Philharmonie und mit den Berliner Philharmonikern auf.

Schmerzhaft schön

Mit ungleich grösserem Körpereinsatz als zuvor in der Rusalka-Fantasie intonierte Honeck die fanfarenartigen Eröffnungsakkorde. Anne-Sophie Mutter antwortete mit lupenreinen Doppelgriffen, die fast schmerzhaft schön durch den Saal strahlten. Ihre Vertrautheit mit Dvoráks Vokabular war sofort hör- und fühlbar: Viel Vibrato war da im Spiel, zärtliche Intonation in allen Lagen. Die sprechenden Portamenti kostete sie gar in den Flageoletts voll aus.

Der Mittelsatz bildet das Herzstück dieses Konzerts, getragen von der kantablen Elegie der ­Solovioline, die jäh von über­raschenden Tutti-Signalen unterbrochen wird. Nach dieser Kontemplation dann umso erfrischender die Anmutung des dritten Satzes: Ungewöhnlich übermütig und fast schon kokett eröffnete Mutter den Dialog mit den ersten Violinen. Diese reagierten prompt und liessen tänzerische Glöckchen durch die Ränge schallen.

Walzer einmal anders

Identität heisst auch Identifikation. Und das Pittsburgh Symphony Orchestra identifiziert sich mehr mit der Klangsprache Tschaikowskys denn mit jener Dvoráks. So überzeugte die Interpretation von Tschaikowskys sechster Sinfonie durch Spannung und Verve; Honeck kontrastierte die frei atmenden Solopassagen des Fagotts zu Beginn mit ungestümen Tutti-Einfällen.

Der zweite Satz bildet dabei eine Kuriosität: «Allegro con grazia» betitelt, ist er eigentlich ein Walzer – im Fünfvierteltakt. Mit dieser Ambivalenz spielt Tschaikowsky, und Honeck wurde ihr beim Konzert am Mittwochabend mehr als gerecht; insbesondere der Paukist verstand es, die Taktschwerpunkte virtuos zu artikulieren.

Nach dem schmissigen dritten Satz, der bisweilen an Gustav Holsts «Planeten» oder den Cancan erinnern lässt, könnte die Sinfonie dann eigentlich fertig sein. Davon zeugte auch der Zwischenapplaus – aber die Sinfonie würde nicht den Beinamen «Pathétique» tragen, wenn nicht noch der vierte Satz folgen würde.

Dieses «Adagio lamentoso» hörte sich in Honecks Interpretation denn wie eine bittere Rückschau an. So verinnerlicht interpretiert, nach unnachgiebigen Kurz-Lang-Signalen der Kontrabässe jäh ersterbend, eröffneten sich narrative Qualitäten dieser Sinfonik.

 

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch