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LUCERNE FESTIVAL: Selbstbewusstsein und hohe Ansprüche

Das erste Konzertwochenende der Lucerne Festival Academy hatte es in sich: zehn Werke von sieben Komponisten, darunter eine Uraufführung und zwei Schweizer Erstaufführungen.
Katharina Thalmann
Der deutsche Dirigent Matthias Pintscher widmete sich am Samstagabend im KKL der klassischen Moderne. (Bild: Lucerne Festival/Manuela Jans)

Der deutsche Dirigent Matthias Pintscher widmete sich am Samstagabend im KKL der klassischen Moderne. (Bild: Lucerne Festival/Manuela Jans)

Katharina Thalmann

Nach einer Woche Probearbeit präsentierte die Academy dieses Wochenende ihre ersten drei Konzertprogramme. Während sich Matthias Pintscher als Principal conductor im Sinfoniekonzert am Samstag der klassischen Moderne widmete, stellten die beiden Gastdirigentinnen Konstantia Gourzi und Elena Schwarz während des gestri­gen Erlebnistags neue Werke vor.

Farbenprächtiger Auftakt

Mit György Ligetis «San Francisco Polyphony» wurde das Sinfoniekonzert eröffnet – und der Name ist in diesem Fall Programm. Die überbordende, exzessive Polyphonie präsentierte Pintscher kontrastreich und scharf konturiert. Die leidenschaftliche Präzision, mit der die Musiker dieses Stück spielten, darf dabei als Signatur des Orchesters bezeichnet werden.

Auf Ligeti folgte mit Mark Andres «... hij 1 ...» einer der Höhepunkte des Wochenendes. Ebenfalls geprägt von einer nuancenreichen Polyphonie, jedoch in zarteren Tönen, begann der Konzertsaal unter dem Eindruck dieser dringlichen Musik zu flirren. Mark ­Andre, der in seinen Kompositionen immer wieder Antworten sucht auf Fragen zum Glauben und zur Welt, gestal­tet aus dem Orchester ein wunderbar filigranes Gewebe. Da streichen Bogenhaare über das Holz der Violinen, da raschelt Alufolie, und gar vertraute Klänge wie Quartschichtungen erscheinen in neuem Gewand. Trotz aller Behutsamkeit wird ein Ringen spürbar, eine tiefe Ernsthaftigkeit. Davon zeugt gewiss auch der kurze dynamische Ausbruch mit mächtigen Plattenglocken. In solchen Momenten wird die Leidenschaft der Academy zur Passion.

Neuer Blick auf den «Feuervogel»

Mit Strawinskys Ballett «Der Feuervogel» aus dem Jahr 1910 interpretierte die Akademie einen Klassiker der Moderne. Die möglicherweise gehegte Befürchtung, dieses Feuerwerk an orchestralen Farben und pointierter Rhythmik könnte nach Mark Andres leisen Klängen zu laut, zu brachial erscheinen, erwies sich als unbegründet. Vielmehr erschloss sich der Sinn dieser Reihenfolge retrospektiv: Für ein klassisch ausgerichtetes Orchester mag der «Feuervogel» vielleicht als ein kühner Ausblick ins 20. Jahrhundert gelten. Für die Academy hingegen gehört das Ballett zum ältesten Teil des Repertoires.

So wurde dem Publikum die Gelegenheit gegeben, den «Feuervogel» durch die Brille der zeitgenössischen Musik ganz neu, ganz frisch wahrzunehmen. Gustav Mahler sagte einst sinngemäss: «Wir Modernen brauchen einen so grossen Apparat, weil unser Auge im Regenbogen immer mehr und mehr Farben sehen lernt.» In rund zwei Wochen begibt sich die Academy mit ebendiesem Programm nach Hamburg, um mit Matthias Pintscher die Saison in der Elbphilharmonie zu eröffnen.

Kaleidoskop der Moderne

Am Sonntag dirigierte Konstantia Gourzi nebst Werken von Iannis Xenakis, György Ligeti und Per Nørgård auch die Uraufführung ihres eigenen Stücks «Ny-él». Inspiriert von Engelskulpturen des Künstlers Alexander Polzin fügte sich das Stück, nicht zuletzt wegen seines programmatischen Inhalts, wunderbar in das restliche Repertoire ein. Gourzi zeigte als Dirigentin für jedes der vier Stücke ein eigenes Bewegungsrepertoire und machte so besonders Nørgårds «Voyage into the Golden Screen» zu einem beinahe meditativen Erlebnis. Ähnlich wie Andre scheint Nørdgård ein Freund der leisen Töne zu sein; die sich langsam verändernden Muster der Holzbläser und Streicher entfalteten eine wunderbare Anziehungskraft.

Über Rassismus und Sexismus

Das zweite Konzert am Erlebnistag war dem Werk Olga Neuwirths gewidmet. Unter der Leitung der überaus differenziert agierenden Dirigentin Elena Schwarz wurden in «Eleanor» und «Lost Highway Suite» gesellschaftspolitische und mediale Fragestellungen thematisiert: In «Eleanor» äussert sich Neuwirth zu Rassismus und Sexismus, erweitert das Ensemble um Elemente des Jazz, verwendet Samples und E-Gitarre.

Die Bluessängerin Della Miles interpretierte ihren Solopart souverän und ausdrucksstark. Den moralischen Zeigefinger, der bei solchen Themen stets ein Risikofaktor ist, umgeht Neuwirth immer. Mal elegant, mal humorvoll, stets aber dezidiert, setzt sie gezielte musikalische Brüche, die trotz aller Ernsthaftigkeit eine gewisse Leichtigkeit zulassen.

Musik weiterentwickeln

Das erste Academy-Wochenende strahlte Selbstbewusstsein aus und stellte hohe Ansprüche – sowohl an die Musiker wie an das Publikum. Ähnlich, wie sich letztes Wochenende die Klangwelten Mahlers mit den Inselvisionen Neuwirths ergänzten, erschien dieses Wochenende die Kombination von Strawinsky und Andre: Erkennt man beim ersten Paar den Versuch der Erweiterung des musikalisch Machbaren, steht bei der zweiten Kombination eine Erweiterung des Klang- und Farbspektrums im Orchester im Fokus. Dass es das Festival schafft, solch delikate Programmierungen zu verwirklichen, ohne pädagogisch zu wirken, steigert die Vorfreude auf die kommenden drei mit Sicherheit farbenfrohen Festivalwochen.

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