LUCERNE FESTIVAL: Standing Ovations für die Avantgarde

Auch ohne Schwerpunkt ein Erlebniswochenende: Rund um den Abschied des SWR-Orchesters bot es Avantgarde mit Com­puter und für Kinder.

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Hinreissende Uraufführung: Klarinettistin Sabine Meyer spielt im KKL-Konzertsaal mit dem SWR-Sinfonieorchester unter François-Xavier Roth. (Bild: LF/Manuela Jans)

Hinreissende Uraufführung: Klarinettistin Sabine Meyer spielt im KKL-Konzertsaal mit dem SWR-Sinfonieorchester unter François-Xavier Roth. (Bild: LF/Manuela Jans)

Urs Mattenberger

Die Idee der Erlebniswochenende wird am Lucerne Festival unterschiedlich umgesetzt. Setzten vor einer Woche ein Wyttenbach-Tag und der Tag für Pierre Boulez starke Schwerpunkte, präsentierte sich das Programm von diesem Samstag und Sonntag als beliebige Festival-Auslegeordnung ohne Zentrum.

Aber auch in dieser hätte manches Konzert dafür getaugt. Exemplarisch galt das für die gestrige Matinee des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Es spielte ein klug durchdachtes Programm mit Werken ungarischer Komponisten und einer Uraufführung mit Sabine Meyer. Und gab ein Musterbeispiel des Engagements für neue Musik, die es seit seiner Gründung 1946 geleistet hat. Es gab aber auch seinen Abschied vom Luzerner Publikum, weil es nächstes Jahr mit dem Radio Sinfonieorchester Stuttgart fusioniert.

Standing Ovations zum Abschied

Dirigent François-Xavier Roth wandte sich nach dem begeisterten Schlussapplaus mit nüchtern bewegenden Worten an den Saal. Vor einer wehmütigen Schubert-Zugabe (Rosamunde, Nr. 3) erklärte er, es gebe Politiker, die fänden ein Orchester überflüssig, das sich auch «für die Avantgarde einsetzte». Das Publikum erhob sich zu Standing Ovations und solidarischem Applaus.

Wie sehr sich dieses Avantgarde-Engagement gelohnt hat, führte das Konzert eindrücklich vor. In György Ligetis «Lontano» – uraufgeführt 1967 von diesem Orchester – verbanden sich die spinnwebenzarten Schichten und Überblendungen, zu denen Ligeti Erfahrungen mit elektronischer Musik inspiriert hatte, mit hymnischen Aufschwüngen von geradezu romantischem Schmelz und Leuchtkraft. Unmittelbar packte aber auch die Uraufführung. Magie pur war schon, wie Marton Illés «Re-akvarell» für Klarinette und Orchester aus der Stille kam, in die hinein Ligetis Werk verlöschte. Das mysteriöse Spiel der Klarinettistin verlängerte sich in Echo- und Resonanzräume des präzise und prägnant agierenden Orchesters hinein, dem im lebhaften, scharfkantig rhythmisierten Mittelsatz auch stärker die Initiative zukommt. Auch Besucher schwärmten nach der Aufführung: ein tolles Klarinettenkonzert, das selbst neben Bartóks schillerndem «Konzert für Orchester» bestehen konnte.

Elektronisch und elementar

Wer am Samstag das Late Night im Luzerner Saal besucht hatte, fragte sich im Rückblick bange, ob dereinst auch die Elektronik ganze Orchester wegrationalisieren wird. Zu hören war im Luzerner Saal Tod Machovers «Hyperstring Trilogy», in der das jeweilige Soloinstrument (Cello, Bratsche und Geige) um live gesteuerte elektronische Klänge mitunter eben zum imaginären Orchester erweitert wird. Zukunftsmusik war das aber vor allem in technischer Hinsicht.

Musikalisch mäanderten die Stücke mit Anspielungen an Bach oder klassizistisch beschwingter Motorik so konventionell und ziellos dahin. Am raffiniertesten kam die Elektronik paradoxerweise da zum Einsatz, wo sie im Spannungsfeld von Körper und Raum bis zur Ununterscheidbarkeit die akustischen Klänge der Orchesterinstrumente räumlich ausdehnte, statt sich darüber zu verselbstständigen.

Nicht die Musik, sondern das Publikum der Zukunft sprach das Sitzkissenkonzert für Kinder am Samstag im Maskenliebhabersaal an. Dieses ging den umgekehrten Weg back to basics. Masha Dimitri als suggestive Pantomimin und der gewitzte Musiker Joao Carlos Pacheco verbanden liebenswürdige Zirkusszenen mit elementaren akustischen Reizen: in der Magie der Stille (auch hier!), im Zufallsrhythmus jonglierter Rasselbälle oder im panischen Hämmern der Pantomimin gegen imaginäre Wände war nicht nur theatral, sondern auch musikalisch bereits Avantgarde mit drin. Auch wenn der Auftritt etwas verhalten wirkte: Die Begeisterung der Kinder zeigte, dass diese schlicht mit der Fantasie beginnt.