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LUCERNE FESTIVAL: Suche nach dem Herzschlag der Musik

Die Academy des Festivals bildet auch junge Dirigenten weiter. Wie sehr es dabei auf Individualität ankommt, zeigt ein Einblick in die Meisterkurse unter Heinz Holliger und Matthias Pintscher.
Katharina Thalmann
Matthias Pintscher (rechts) gibt Dirigent Blazej Wincenty Kozlowski Tipps für sein Tun. (Bild: Stefan Deuber/LF (Luzern, 23. August 2017))

Matthias Pintscher (rechts) gibt Dirigent Blazej Wincenty Kozlowski Tipps für sein Tun. (Bild: Stefan Deuber/LF (Luzern, 23. August 2017))

Katharina Thalmann
<span style="font-size: 1em;">kultur@luernerzeitung.ch</span>

Über einhundert junge Musiker der Lucerne Festival Academy stimmen ihre Instrumente. Vier Dirigenten stehen am Montagabend im Südpol, in ihre Partituren vertieft, daneben. Es sind Johanna Melangré aus Deutschland, Josep Planells Schiaffino aus Spanien, Blazej Wincenty Kozlowski aus Polen und Mehdi Lougraida aus Frankreich/Marokko. Dann kommt Heinz Holliger in die Halle, stellt seine Ovomaltine auf ein Dirigentenpult und setzt sich ins Orchester. Der Meisterkurs beginnt.

Dass Holliger sich nicht wie üblich hinter den Dirigenten setzt, um diesem bei der Arbeit über die Schulter zu schauen, sondern hinter den Holzbläsern mitten im Orchester Platz nimmt, zeugt von seiner Identität als Orchestermusiker. Wie wirkt der Dirigent auf die Spieler? Versteht man seine Gesten auch aus der Ferne? Wie reagieren die Musiker? Mit Holliger haben die Teilnehmer des Meisterkurses nicht nur einen renommierten Dirigenten und Komponisten, sondern auch einen nicht minder bekannten Instrumentalisten als Lehrer.

Debussy und Tempo

Mehdi Lougraida macht den Anfang mit «Khamma», einer exotischen Ballettmusik von Claude Debussy. Er lässt das Orchester einige Minuten spielen und beginnt dann, einzelne Stellen zu proben. Er und seine Kollegen hatten zuvor von Holliger eine Werkeinführung bekommen.

Solche Theorielektionen sind Teil des Meisterkurses. Und vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Holliger nach Ablauf der halben Stunde, die Lougraida mit dem Orchester zur Verfügung hatte, gar nicht so viel kommentiert. Er appelliert an genaues Hinhören, an Durchlässigkeit und an Empfänglichkeit für die Farben und Schattierungen der Partitur.

Was er damit meinte, war im Konzert der Lucerne Festival Academy vom vergangenen Sonntag eindrücklich zu hören, wo Holliger selber «Khamma» dirigierte. Besonders der Umgang mit Puls und Tempo scheint ihm wichtig zu sein. So sagte Holliger am Ende des Abends im Südpol, dass jede vermeintliche Periodizität eigentlich unregelmässig sei: unser Herzschlag, der Wellengang, die Distanzen zwischen den Sternen.

Ligeti und Probetipps

Eine Woche später im Luzerner Saal: Hier, in der zweiten Hälfte des Meisterkurses, unterrichtet nun Matthias Pintscher, seinerseits Principal Conductor der Academy. Sofort wird klar, dass Pintscher einer anderen Generation angehört und einen anderen kulturellen Hintergrund mitbringt. Er ist Professor für Komposition an der Juilliard School in New York und hegt einen aussergewöhnlichen Vermittlungsanspruch.

Auf dem Programm steht an diesem Abend György Ligetis Violinkonzert mit der Geigerin und «Artiste étoile» Patricia Kopatchinskaja. Dass sie sich zur Verfügung stellt, mit den Teilnehmern des Meisterkurses zu arbeiten, zeugt von ihrem Bedürfnis, ihr Repertoire zugänglich zu machen. Nach einer herzlichen Begrüssung geben Pintscher und Kopatchinskaja gleich eine Demonstration der Vierteltöne zum Besten, die Ligeti in den Streichern verwendet.

Den Anfang macht Johanna Melangré. Sie dirigiert das jetzt kleiner besetzte Orchester klar, kennt jede Schicht dieser reichen, mosaikartigen Partitur. Anders als Holliger gibt Pintscher bald erste Gestaltungsratschläge: Müssten die Flöten nicht etwas kürzere Staccati spielen? Was bedeuten die letzten zwei Takte des Satzes? So animiert Pintscher während der Probe zur Reflexion und kreiert dabei eine fast familiäre Stimmung auf der Bühne.

Josep Planells Schiaffino dirigiert den zweiten Satz des Ligeti-Konzerts, der mit einer Solo-Aria der Violine beginnt – und Kopatchinskaja spielt sie so wundervoll eindringlich, als stünde sie im Konzertsaal. An Schiaffino richtet Pintscher wichtige Fragen nach dem Warum in der Probenarbeit. Denn auch zu wissen, wie geprobt wird, ist unabdingbar.

Dass Holliger wie Pintscher unterschiedliche Ansätze des Dirigierens wie des Vermittelns repräsentieren, dürfte den jungen Dirigenten eine Chance ­bieten: in Werken des 20. Jahrhunderts in der Zusammenarbeit mit zwei so unterschiedlichen Künstleridentitäten im Idealfall selbst näher zu ihrer Identität zu gelangen.

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