Zwei russische Starpianisten am Lucerne Festival: Individualisten als Gegensätze

Technische Meisterschaft ist eine leere Hülle. Evgeny Kissin und Arcadi Volodos füllten sie am Piano-Festival ganz unterschiedlich.

Roman Kühne
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Evgeny Kissin (48) bei seinem Auftritt im KKL Luzern. Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival (Luzern, 20. November 2019)

Evgeny Kissin (48) bei seinem Auftritt im KKL Luzern. Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival (Luzern, 20. November 2019)

Virtuos ist Evgeny Kissin zwar immer noch. Doch Titel wie «Ein perfektes Dribbling auf 88 Tasten» («Spiegel») oder «124 Anschläge pro Minute» («Tagesspiegel») würden heute nur noch lächerlich klingen. Zu weit ist der Weg, den das einstige Wunderkind inzwischen ging. Dies zeigt sich auch am Mittwochabend, wo der Pianist vor vollem KKL-Konzertsaal ein reines Beethovenprogramm spielt.

Natürlich nicht irgendwelche Kompositionen. Dies hat sich nicht geändert. Nein, drei der spektakulärsten und schwierigsten Sonaten müssen es sein. Die «Grande Sonate Pathéthique», die Sturmsonate und – als eindrucksvoller Schluss – die Waldsteinsonate. Eingeschoben finden sich noch die Eroica-Variationen. Seine Technik ist immer noch brillant. Seien es die Oktavtremoli der linken Hand in der «Pathéthique» oder die enormen Kraftmeiereien der «Waldstein».

Der Wille des Künstlers

Doch heute zieht er das Publikum vor allem mit seinen Interpretationen in Bann. Dabei hat er nicht die Verspieltheit, die Igor Levit im Sommer versprühte, noch die Strukturversessenheit, mit der András Schiff Beethoven zum Leuchten bringt. ­Evgeny Kissin gibt seinem Beethoven eine Ernsthaftigkeit, eine unverrückbare Linie von Interpretation und Kontrolle, die fasziniert und beschäftigt. Das Gespielte berührt nicht immer. Vor allem die «Pathéthique» vor der Pause bleibt etwas distanziert. Aber Kissins Konzentriertheit, ja Beharrlichkeit, sein Drive nach vorne, seine schwere Klarheit in den langsameren Passagen – das Adagio des «Sturms» ist eine nebelhafte Last der Erinnerung – packen und rütteln auf. Mit starrem Willen wird Beethoven gezähmt. Auch das flirrende Spiegelkabinett des Schlussstückes (Waldstein), ein luftiges Stimmengewirr, bleibt bis zum letzten Ton eingefasst. Evgeny Kissin spielt den Abend wie aus einem Stück, ein Weltentheater, das mit der Dauer auch emotional fesselt. Mehrere Standing Ovations am Schluss sind ihm gewiss.

Der Pianist Arcadi Volodos beim Konzert im KKL. Bild Peter Fischli/Lucerne Festival (Luzern, 21. November 2019)

Der Pianist Arcadi Volodos beim Konzert im KKL. Bild Peter Fischli/Lucerne Festival (Luzern, 21. November 2019)

Da ist Arcadi Volodos, der am Donnerstag in die Tasten greift, fast ein Gegenentwurf zum Kraftbrocken Kissin. Nur schon der Werdegang könnte unterschiedlicher nicht sein. Kissin ist das Wunderkind, das schon mit 17 Jahren unter Herbert von ­Karajan spielte. Arcadi Volodos entschied sich erst mit 15 für das Klavier. Kissin wurde schon früh als Talent herumgereicht, während Volodos selber sagt, dass er nur zufälligerweise entdeckt wurde. Was auch stimmt. Da er Wettbewerbe ablehnt, ging Volodos nach dem Studium nach Spanien und unterrichtete an einer Musikschule. Wenn ihn nicht ein Plattenproduzent gehört hätte, sässe er wohl heute noch dort.

Eigenes Piano besitzt er nicht

Auch hat Volodos eine sehr entspannte Einstellung zu seinen Pianokünsten. Ein eigenes Klavier besitzt er nicht – «was würden wohl die Nachbarn sagen». Das mit dem Üben sieht er nicht so eng und glaubt, dass «Klavierspielen zu 90 Prozent eine mentale Bewegung ist». Zwei Monate meidet er das Instrument ganz, verbringt die Zeit in der Natur, um dort zu fotografieren. Wie eine Abfolge von Fotografien präsentiert sich auch sein Programm. Ohne Pause reiht er im ersten Teil Stücke von Franz Liszt aneinander. Ein Sonetto aus «Années de Pèlerinage», «La lugubre gondola», «La prédication aux oiseaux» und die Ballade Nr.2.

Der Saal ist abgedunkelt. Fast bewegungslos sitzt Arcadi Volodos da. Phasenweise völlig frei im Tempo setzt er die Akkorde. Leise, farbig und horchend. Lange ist der Hall. Tief die Bewegung. Ein Spiel aus Musik und Pausen. Leere und Substanz. Natürlich gibt es Momente, wo auch er die Pedale drückt, expressiv und voll, roh donnernd die Spitze sucht. Der Schluss vor der Pause bauscht sich auf, das brüllende Finale seiner zärtlichen Romanze. Doch meistens horcht er in die Stücke hinein, betont mehr das vertikale Akkordgefüge als den ziehenden Fluss.

Ins Stück hineinhorchen

Eigentlich – und hier sind sich die beiden Pianisten wieder ähnlich – ist auch er ein Dominator von Partitur und Komponist. Während man beim Konzert von Martha Argerich vor zwei Wochen im KKL das Gefühl hatte, dass die Musik wie von selber fliesst, natürlich und frei, so ist bei Arcadi Volodos alles kontrolliert und sehr bewusst. Ein intellektuelles Konzept, eine Kraft, welche die Stücke seinem Willen unterwirft.

Und wie bei Kissin braucht es auch bei Volodos einen Moment, bis er die Brücke zum Publikum schlägt. Vor allem der zweite, flüssiger gespielte, ja wärmere Teil mit Stücken aus «Bunte Blätter» und der «Humoreske» von Schumann rührt auch die Seele des Hörers an. Zwei faszinierende Konzerte, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten – und die wohl nur ein Piano-Festival hier ein letztes Mal zusammenbringen konnte.

Hinweis

Das Piano-Festival geht zu Ende mit den Rezitals von Víkingur Ólafsson (heute, 18.30, Bach und Beethoven) und Igor Levit (morgen Sonntag, 17 Uhr, Beethoven).