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LUCERNE FESTIVAL: Unerhörte musikalische Denkmalpflege

Starker Auftakt zur Moderne: Olga Neuwirths Stück «Le Encantadas» entwickelt mit Klang­szenarien aus Venedig und den Galapagos-Inseln eine geheimnisvolle Sogwirkung.
Katharina Thalmann
Magie von Kirchenräumen und Wasser­geräuschen: die Komponistin Olga Neuwirth am Technikpult bei der Aufführung ihres Stücks «Le Encantadas» im Luzerner Saal. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Magie von Kirchenräumen und Wasser­geräuschen: die Komponistin Olga Neuwirth am Technikpult bei der Aufführung ihres Stücks «Le Encantadas» im Luzerner Saal. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Katharina Thalmann

Wasser plätschert, ein Motorboot braust vorbei. Und war das Glockengeläut? Der Prolog zu «Le Encantadas» führt das Konzertpublikum in die Soundkulisse Venedigs. Und das mitten im Luzerner Saal des KKL, wo am Sonntag das erste Moderne-Konzert zwei weitere Stränge dieses Sommerfestivals eröffnete. Mit dem Ensemble intercontemporain, dessen Musiker an der Lucerne Festival Academy unterrichten, war es auch deren Eröffnungskonzert. Und es stellte mit einem neuen Werk die diesjährige Composer in residence Olga Neuwirth vor.

Das Publikum sitzt in der Mitte, und die Musiker des Ensemble intercontemporain bilden, zu sechs Inseln gruppiert, einen Ring um das Auditorium. Sobald die Musiker unter der Leitung von Matthias Pintscher zu den Instrumenten greifen, beginnt eine rasante, rund achtzigminütige Fahrt, deren Sogwirkung man sich kaum entziehen kann. Mal wähnt man sich auf hoher See, mal in einem venezianischen Kanal.

Theater des Hörens

Ein Schlüsselerlebnis auf dem Weg dahin war für Olga Neuwirth die Aufführung von Luigi Nonos Oper «Prometeo» in der venezianischen Kirche San Lorenzo im Jahr 1984 unter der Leitung von Claudio Abbado. In dessen Folge setzte sie sich intensiv mit Venedig auseinander, lebte einige Jahre dort, sammelte akustische Eindrücke der Stadt. Und es gelang ihr, zusammen mit dem Forschungsinstitut IRCAM aus Paris, die einmalig transparente Akustik der Kirche San Lorenzo elektroakustisch zu konservieren – die Kirche ist normalerweise gesperrt und zerfällt nach und nach. Die Komponistin bezeichnet das Projekt als «musikalische Denkmalpflege». In «Le Encantadas» werden die Instrumentalstimmen dank modernster Soundtechnik so verstärkt, dass sie akustisch in die Kirche versetzt werden können.

Dieser hypothetische Spielort ist nicht die einzige Parallele zum «Prometeo»: Neuwirth gelingt es auch, Nonos Konzept der «tragedia dell’ascolta», also des Theaters des Hörens, ins 21. Jahrhundert zu übersetzen. Denn obschon es der Titel nicht verrät, funktioniert «Le Encantadas» nach einer fein tarierten Dramaturgie, und die bildhaften klanglichen Ereignisse folgen einer bewegten Regie.

Die zweite thematische Inselgruppe findet sich bei Herman Melville. Der «Moby Dick»-Autor schildert in seiner literarischen Skizzenfolge «The Encantadas» von 1854 die Galapagosinseln. Neuwirth beschäftigt sich seit langem mit Melville – in der Konzerteinführung präsentierte sie ihr Buch «O Melville!».

Nebst diverser Texte, unter anderem von Elfriede Jelinek, finden sich darin zwei Fotoserien der Komponistin: In «Every­day Olga» dokumentiert Neuwirth mit Selbstporträts, Fotos von ihrem Schreibtisch sowie Stechkarten zur Zeiterfassung des Kompositionsprozesses von «The Outcast», ihrem Musiktheater über Herman Melville. In «O Melville!» posiert Neuwirth mit Melville-Maske an verschiedenen, für Melvilles Biografie bedeutsamen Schauplätzen in New York. Das Buch erweitert die Wahrnehmung von Neuwirths Schaffen um aussermusikalische Komponenten und legt ein persönliches, poetisches Selbstzeugnis des künstlerischen Arbeitsprozesses ab.

Zuhörer als Insulaner

Wollte man versuchen, «Le Encantadas» nach musikalischen Motiven zu durchkämmen, man würde weder der Komponistin noch dem Stück gerecht. Zu komplex sind die Ereignisse, zu vielfältig das Material. Der Tonfall changiert mit Leichtigkeit zwischen sakralem Pathos und Humor, zwischen grosser orchestraler Geste und spontaner Popkultur. Das einzige übergeordnete Motiv ist das Bild der Inseln: Als Zuhörer befindet man sich räumlich inmitten der sechs Musikerinseln, das Stück selbst besteht aus Klanginseln, die durch Wassergeräusche getrennt sind. Selbst die Quellen des musikalischen Materials entspringen diversen Inspirationsinseln.

Wenn über Lautsprecher Gesangsstimmen aus der Kirche eingeblendet und von der Posaune analog repliziert und variiert werden und man sich nie sicher ist, auf welcher der Bühneninseln der Knackfrosch schnalzt, dann führt dieses akustische Inselhopping zu unvergesslichen musikalischen Eindrücken. Erst recht, wenn die Ereignisse derart präzise ausgelöst werden wie hier im Zusammenspiel des Ensemble intercontemporain und dem Team des IRCAM und Pintschers Dirigat. Die für Olga Neuwirths Musik charakteristische Vieldeutigkeit macht «Le Encantadas» beispielhaft erfahrbar. Doch das Konzert liess in weiterer Hinsicht viele Deutungen zu: Während Riccardo Chailly sein Amt als Chef des Lucerne Festival Orchestra mit Mahlers Opus magnum, der achten Sinfonie, angetreten hatte, eröffnete Matthias Pintscher seine erste Saison als Principal conductor der Academy mit einem Werk vergleichbaren Umfangs der Composer in residence. Beides sind für ihre Zeit Werke von grossartigem und zeitgemässen Gehalt, die im Abstand eines guten Jahrhunderts Grenzen in Frage stellen und in letzter Konsequenz ausdehnen.

Wenn man nach dem Konzert dann mit geschärftem Gehör auf den Europaplatz tritt, die Glocken läuten, der See plätschert und die Dampfschiffe knattern, weiss man: Olga Neuwirth fühlt den Puls der Zeit – und wie komplex der ist, das zeigt uns die Insellandschaft in «Le Encantadas».

Hinweis

Weitere Werkevon Olga Neuwirth am Festival: 21. (mit Blues-Sängerin Della Miles), 26. (Late Night im Neubad), 27. (mit Schlagzeuger Martin Grubinger) und 31. August (Kammermusik).

Olga Neuwirth/Elfriede Jelinek:«O Melville» (Deutsch-Englisch), Salzmann, 120 Seiten, 45.– Fr.

Mit Luigi Nonos «Prometeo» eröffnet das Luzerner Theater seine erste Spielzeit unter Intendant Benedikt von Peter (9./11. September).

Info und VV: www.lucernefestival.ch

Festivalorchester in Festlaune

Extrakonzertmat.«Freunde von Lucerne Festival brauchen kein Neujahr, um in Festlaune zu kommen», freute sich Stiftungspräsident Hubert Achermann am Sonntag, als er sich bei Riccardo Chailly und dem Lucerne Festival Orchestra für ihr Extrakonzert bedankte. Dieses feierte das 50-jährige Jubiläum der «Freunde des Lucerne Festivals» (Ausgabe vom 10. August) mit einem Programm, das so beschwingt ausklang, wie man es eben von Neujahrskonzerten kennt.

Zum Auftakt gab es ein Bekenntnis zur Orchesterkultur aus dem Geist der Kammermusik, die für das Orchester gültig bleiben dürfte. Stellvertretend für dessen Zusammensetzung aus dem Mahler Chamber Orchestra sowie Kammermusikern und Solisten stand ein familiäres Sextett um den Bratschisten Wolfram Christ und den Cellisten Clemens Hagen (vom Hagen-Quartett). Und sie kehrten die Formel um mit Tschaikowskys «Souvenir de Florence» und einer Interpretation, die filigrane, aus gleichberechtigten Mittelstimmen heraus entfaltete Klanggewebe orchestral auffächerte. Danach setzte Schostakowitschs zweite, knackig-süffige Suite für Jazz-Orchester neue Akzente: Im brillant zugespitzten Klang war auch hier die neue Handschrift zu spüren, die Chailly schon im Eröffnungskonzert in Mahlers achter Sinfonie gezeigt hatte.

Tschaikowsky und Schostakowitsch setzten denn auch Signale für künftige Programmierungen (nächstes Jahr unter anderem mit Tschaikowsky, Richard Strauss und Strawinskis ­«Sacre»). Nicht ausgeschlossen ist zudem, dass sich das Festivalorchester unter Chailly für neue Formate öffnet. Vielleicht gar für die Live-Übertragung eines solchen Freundes-Konzertes auf das Inseli? Da hätte diese Festlaune jedenfalls hervorragend hingepasst.

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