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LUCERNE FESTIVAL: Vom Analytiker zum Romantiker gewandelt

Maurizio Pollini kehrte in seinem Klavierrezital nach Schumann zu seiner alten Liebe Chopin zurück. Bei ihm taute der 75-Jährige nach ernüchterndem Beginn richtig auf.
Fritz Schaub
Maurizio Pollini bei seinem Auftritt am Montag im KKL. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Maurizio Pollini bei seinem Auftritt am Montag im KKL. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Mit schöner Regelmässigkeit gibt das Lucerne Festival in einer CD-Edition historische Aufnahmen heraus, die längst verstorbene Ikonen der Festwochen-Vergangenheit vorstellen. Sie bezeugen, dass schon in den früheren Jahren ein Weltklasseniveau herrschte. Es gibt aber Koryphäen der Vergangenheit, die noch unter den Lebenden sind. Einer von ihnen, Maurizio Pollini, trat am Montagabend im Klavierrezital 1 im KKL-Konzertsaal vor ein Publikum, das mit Ausnahme des fünften Rangs, der geschlossen blieb, Parterre, Ränge, ja sogar die Orgelempore dicht besetzt hielt.

Die Anziehungskraft des 75-jährigen Künstlers, der 1960 den Chopin-Klavierwettbewerb gewann und 1976 relativ spät mit einem Beethoven-Programm in Luzern debütierte und seither über 30 Konzerte gegeben hat, ist ungebrochen. Ja, sein Starstatus ist zu einer Legende geworden.Der Klavierbauer Diego Fabbrini aus Pesaro hat Pollinis Steinway-Flügel so bearbeitet, dass er etwas nostalgisch klingt und in den dynamischen Möglichkeiten weiter gefächert ist.

Möglichkeiten nicht ausgeschöpft

Allerdings schöpfte der Künstler im ersten Teil des Rezitals diese Möglichkeiten noch kaum aus. Die Arabeske C-Dur, mit der er den Robert-Schumann-Teil einleitete, entbehrte der Leichtigkeit und des Charmes. Setzte er Akzente, kamen sie zu direkt aus den Unterarmen heraus. Auch das Allegro h-Moll spielte Pollini zu üppig und zu dicht im Klang, und die virtuosen Läufe verwischten. Solche Eigenheiten, zu denen auch der häufige Pedal­gebrauch gehörte, setzten sich auch im längeren Schumann-Werk fort, der Fantasie C-Dur, wo sich die Dynamik immer um ein Mezzoforte herum bewegte.

Die Zeiten, in denen man Pollini wegen seiner kristallklaren Präzision und seiner analytischen Struktur bewunderte, sind eine Weile vorbei. Wie auch jene, in denen Pollini als einer der wenigen Pianisten von Weltrang intensiv die zeitgenössische Musik pflegte, Schönberg, Nono, Boulez spielte oder sie mit Werken der Klassik konfrontierte.

Das Repertoire, das ohnehin nie sehr gross war, ist schmaler geworden. Schumanns Allegro h-Moll hatte Pollini bereits vor zwei Jahren gespielt, die beiden Nocturnes op. 55 von Frédéric Chopin, die er nach der Pause der Klaviersonate Nr. 3 h-Moll voranstellte, ebenfalls. Dafür hat Pollini den Romantiker in sich entdeckt. Schon beim Schumann-Trakt hörte man ihn immer wieder die Melodie mitsummen, aber unter seinen Händen wollte sich das romantische Gefühl, das sich mit der musikalischen Form so ideal verbindet, nicht recht entfalten, das Vorwärtsdrängen Florestans, des Alter Ego Schumanns (neben Eusebius), blieb in Grenzen. Beim Hauptwerk des Abends, der Klaviersonate Nr. 3 h-Moll, die eng verbunden ist mit Arthur Rubinstein und Dinu Lipatti, aber war das Eis endgültig gebrochen. Jetzt holte Pollini aus seinem Flügel alles heraus, was in ihm steckte. Dabei scheute er nicht vor Rubati zurück, mit denen er im Stile eines Belcanto-Sängers die weit ausholende Hauptmelodie noch und noch belebte und mit grossem Atem erfüllte. Die Steigerung hielt an bis in die zwei Zugaben (ebenfalls von Chopin), und das Publikum, das bei Schumanns «Fantasie» noch voreilig geklatscht hatte, schloss den Rückkehrer endgültig ins Herz und dankte ihm mit Standing Ovations.

Fritz Schaub
<span style="font-size: 1em;">kultur@luzernerzeitung.ch</span>

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