Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

LUCERNE FESTIVAL: Von flatterhaften Tönen und rennenden Cellos

Das Format der 40-Minuten-Konzerte bietet gratis spannende Einblicke in die klassische Musik. Selbst Menschen auf der Durchreise begeistern sich dafür. Wir gönnten uns zweimal «40min» und haben einiges dabei gelernt.
Film und Livemusik gleichzeitig: der Cellist Jay Campbell. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Film und Livemusik gleichzeitig: der Cellist Jay Campbell. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Dienstagabend, 18.20 Uhr. Im Luzerner Saal setzt Chefdirigent Riccardo Chailly zur Probe mit dem Lucerne Festival Orchestra an. Auf dem Programm stehen zwei Frühwerke des russischen Komponisten Igor Strawinsky (1882–1971) von 1908. Geprobt wird also für das Sinfoniekonzert, das heute stattfindet, mit Kompositionen jenes Russen, der zuerst nach Frankreich und dann in die USA emigrierte und der neben Arnold Schönberg als einer der Begründer der Moderne gilt.

Von der Wanderung direkt zum Konzert

Das Publikum ist zahlreich und jeden Alters. Auf grossen Sitzkissen lümmeln Kinder und Jugendliche, parterre und auf dem Balkon sind die Reihen gut gefüllt mit Erwachsenen. In der Garderobe hat fünf Minuten zuvor noch ein deutsches Touristenpaar in Wanderkleidung seine Rucksäcke abgegeben. Schön, wenn sich Erlebnisse in Natur und Kultur so unkompliziert vereinen lassen!

Auf der Bühne harren die Mitglieder des Orchesters in bunter Alltagskleidung der Dinge, die nun kommen. Riccardo Chailly kündigt den «Funeral Song» an, der über 100 Jahre verschollen gewesen sei, bis vor rund zwei Jahren. Als «dunkel und spirituell» beschreibt er auf Englisch diese Musik. Und tatsächlich, die Streicher scheinen Unheil zu verkünden, zarte Lichtpunkte setzen nur Oboen und Klarinetten. Das kleine Mädchen im roten Sommerkleid in der vordersten Reihe des Balkons setzt sich auf den Schoss seiner Mutter – damit es besser sieht oder weil die Musik so dramatisch ist?

Da sei keine Hoffnung, meint Riccardo Chailly ans Publikum gewandt, womit er natürlich den Ausdruck der Komposition des jungen Strawinsky, geschrieben zum Tod von Lehrer Rimski-Korsakow, meint, und nicht das künstlerische Vermögen des Orchesters. Dieses kann seine Spielfreude ein zweites Mal beweisen, bei der orchestralen Fantasie ­«Fireworks», geschrieben zur Hochzeit der Tochter Rimski-Korsakows. «Komplett das Gegenteil», verspricht der sympathische Dirigent. Selbst findet man das kurze Werk dann gar nicht fröhlich, die Töne der Oboen und Klarinetten flatterhaft wie verirrte Vögel. Doch in den Sitzkissen liegen lang und glücklich die Kinder und lauschen.

«Das einzige Konzert, bei dem das Cello gehen muss»

Donnerstagabend, 18.20 Uhr. Und wieder ist der Luzerner Saal beinahe voll mit Zuhörern jeglichen Alters. Michel van der Aa, 47 Jahre alt, holländischer Komponist und in New York ausgebildeter Filmemacher sowie diesjähriger Composer in Residence, bittet zum Cellokonzert mit Film. Am Cello: Artiste étoile Jay Campbell. Dieser darf während der 40 Minuten auch sportlichen Einsatz zeigen, rennen und sein Cello über die Bühne bewegen.

Michel van der Aa wird nach der Aufführung sagen: «Dies ist das einzige Cellokonzert, bei dem das Cello gehen muss.» Auch das Schöne am speziellen «40min»-Format ist die Nähe der Künstler zum Publikum. War es am Dienstag der Chefdirigent, der den Zuhörern die Musik in seinen Worten näherbrachte, so ist es am Donnerstag der Komponist, der sich befragen lässt.

Michel van der Aas Konzert mit Namen «Up-Close» wirft natürlich auch einige Fragen auf. Denn da sitzen nicht nur viele Streicher auf der Bühne, sondern da steht auch eine Leinwand. Auf dieser läuft, verknüpft mit der Musik, ein Film. Im Raum steht die Frage: Wer führt hier wen? Die Musik den Film oder der Film die Musik. Der Eindruck: Es ist ein gleichwertiges Nebeneinander. Während das Cello mal sanft und mal bedrohlich klingt, fürchtet und behauptet sich auf der Leinwand eine Frau im Widerstand. 40 Minuten nur, aber 40 sehr eindrückliche Minuten.

Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Hinweis: Die Reihe «40min» präsentiert moderierte Programme, die länger sind als ein Appetizer und kürzer als ein Konzert. Ohne Dresscode, ohne Vorwissen, ohne Eintritt.www.lucernefestival.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.