LUKASKIRCHE: Über das Leben hinaus

Schuberts Streichquintett ist praktisch eine Sinfonie. Über Mittag und mit dieser Qualität aufgeführt, kann man sich der Wirkung dieses Zauberwerkes nur schwer entziehen.

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Spielte souverän: der Violinist Ilya Gringolts. (Bild: PD)

Spielte souverän: der Violinist Ilya Gringolts. (Bild: PD)

Für einmal fand das Lunchkonzert des Luzerner Sinfonieorchesters gestern nicht im KKL, sondern zum ersten Mal in der Lukaskirche statt. Fast 400 Besucher drängen sich in das heilige Rund. Denn der Bau aus der Früh-Moderne ist prädestiniert für Konzerte. Seine klaren Formen, die kräftigen Glasmalereien von Louis Moilliet oder die sich schraubende Orgel – des Saales ruhige Sprache legt ganz zwangslos den Boden für einen vertieften Musikgenuss. Schade, und dies zeigt sich jeweils auch bei Konzerten im Rahmen des Lucerne Festival, kann der Saal akustisch nicht mit dem KKL mithalten. Tiefe Instrumente , in diesem Fall die Celli, haben einen schweren Stand. Geräusche aus den Publikumsreihen erhalten ein übermässiges Gewicht. Für kleine Formationen oder gar Solisten auf einem Saiteninstrument sind diese Schwierigkeiten jedoch problemlos zu bewältigen.

So gelingt dem Geiger Ilya Gringolts eine sanfte, intime Darbietung. Er spielt Bachs Sonate für Violine in g-Moll (BWV 1001) mit einem fast antivirtuosen ­Gestus, einer immerzu suchenden, tastenden Bewegung. Wie nebenbei streift er in den ersten zwei Sätzen durch die Noten, wählt nicht die bei Bach so oft zelebrierte metrische Strenge. Es ist kein virtuoses Feuerwerk, kein Rausch aus Kraft und Geschwindigkeit, den Gringolts hier entwickelt. Dem Inneren zugetan, zeichnet er seine beseelten Linien. Erst das abschliessende Presto lässt er im vollen Laufe fliessen, gibt aber diesem bravourösen Moment ebenfalls Klarheit und Inhalt. Grossartig.

Jene konzentrierte Sorgfältigkeit setzt sich im Folgenden mit dem Streichquintett von Franz Schubert, zwei Monate vor seinem Tod komponiert, nahtlos fort. Schon im Herbst hat sich die Konzertreihe «Gipfelwerke», ebenfalls organisiert vom Luzerner Sinfonieorchester, intensiv den späten Kammerwerken Schuberts zugewandt. Das Hagen-Quartett spielte mit einer überbordenden, harten, auf die Dauer ermüdenden Explosivität. Etwas, das, nicht nur zum Vorteil der Gattung, momentan bei vielen Streichquartetten üblich ist. Ganz anders das Gringolts-Quartett. Ergänzt um den Cellisten Christian Poltéra gehen die vier Musiker auch hier behutsam und tiefgründig zu Werke. Das grosse Adagio erhält einen langen, sinfonischen Bogen. Die epischen Aushalter in den Violinen, das pulsgebende Cello, die zupfende Viola schaffen einen ruhenden Pol, eine Weite und Steigerung, ja eine fern über das Leben hinausweisende Leichtigkeit. Organisch entwickelt sich die Steigerung. Eine unendliche Linie, eine Ewigkeit, die nie mehr verloren geht, doch schon im nächsten Moment verloren scheinend. Es gibt wohl nur wenige Möglichkeiten , seine Mittagsrast ähnlich ­inspirierend zu verbringen.

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Freitag, 4. Mai, 12.30 Lukaskirche: Lunchkonzert mit dem Schumann-Quartett.