LUZERN: Breite Kultur auf wenigen Quadratmetern

Spoken Word ist die Spezialität der Loge in Luzern. Die Kleinstbühne hat sich etabliert. Grund genug, nicht stehen zu bleiben.

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Jürg Lischer (links) und André Schürmann sprühen vor Ideen, was man in der Loge Luzern künftig noch alles machen könnte. (Bild Nadia Schärli)

Jürg Lischer (links) und André Schürmann sprühen vor Ideen, was man in der Loge Luzern künftig noch alles machen könnte. (Bild Nadia Schärli)

Pirmin Bossart

«Wir versuchen, Leute auf die Bühne zu bringen, die etwas zu sagen haben, die gut formulieren und auch gut performen können» sagt der Kulturvermittler und Anglist André Schürmann, der zusammen mit Jürg Lischer die Loge betreibt. Die beiden haben mit dem Slogan «5 m2 Kultur» aus der Not eine Tugend gemacht: Nirgends in Luzern wird auf so wenig Fläche so viel Kultur geboren wie in dieser kleinen und feinen Lokalität an der Moosstrasse.

500 Auftritte

Hazel Brugger, Pedro Lenz, Gabriel Vetter, Lara Stoll, Matto Kämpf oder Arno Camenisch: Die zurzeit angesagtesten Spoken-Word-Literaten sind alle schon in der Loge aufgetreten. Dabei hatte das Lokal noch nie das Ziel, mit «grossen Namen» zu punkten. In einer Szene, die in den letzten zehn Jahren erst so richtig zur Blüte gekommen ist und auch in der Loge regelmässig eine Heimat findet, hat sich das natürlicherweise so ergeben.

Gut 500 Spoken-Word-Veranstaltungen sind seit 2004 über die Loge-Bühne gegangen. Nicht alle waren top besucht, es gab auch inhaltlich ein paar Abschiffer, aber die breite Palette der Themen und die Dichte der Anlässe suchten ihresgleichen. Mit neu kreierten Formaten wie Kunststück!, Texttiegel, Lesebühne oder Adventskalender hat die Loge wiederholt Impulse in die Szene gegeben. Der Texttiegel war so erfolgreich, dass er seit vier Jahren im Kleintheater Luzern durchgeführt wird.

Einfach angefangen

André Schürmann und Jürg Lischer sind seit vielen Jahren befreundet. Beide hatten im ehemaligen Théatre La Fourmi gearbeitet und dort Lust bekommen, selber Projekte im Bereich von Literatur und szenischen Elementen zu veranstalten. Im La Fourmi fand damals auch die Reihe Barfood Poetry statt, die den Spoken-Word-Virus in Luzern so richtig freisetzte. Im Veranstaltungsteam war neben Matthias Burki (Verlag Der gesunde Menschenversand) auch André Schürmann dabei.

Parallel zum Fourmi begannen Schürmann und Lischer in der Galerie Schenker am Mühlenplatz spartenübergreifende Projekte zu veranstalten. Nach anderthalb Jahren packten sie die Chance, im frei werdenden Lokal an der Moosstrasse eine feste Bühne einzurichten.

Lischer: «Wir konnten damals nicht wirklich abschätzen, ob es eine Nachfrage gibt und wie lange wir das durchhalten würden. Wir haben einfach angefangen.» Der Inhaber eines Optikergeschäftes (mit Brille) grinst. «Wir sind in den ersten Jahren ein paar Mal nur 25 Franken weit vom Ende entfernt gewesen. Aber wir waren hartnäckig.»

Stetig zugelegt

Dank dem langjährigen Fundament von Barfood Poetry, dem im ganzen deutschsprachigen Raum wahrgenommenen Verlag Der gesunde Menschenversand sowie dem im Herbst 2014 erstmals veranstalteten Festival Woerdz gilt Luzern inzwischen als Spoken-Word-Hauptstadt der Schweiz. Ein Ehrentitel, zu dem nicht zuletzt auch die Loge als leuchtender Mosaikstein mit ihrer Basisarbeit und ihrer Kontinuität beigetragen hat.

Mit ausgewählten Veranstaltungen im März und im Mai feiert die Loge dieses Jahr ein Jubiläum (siehe Box). Dass dabei das elfte Jahr im Mittelpunkt steht und nicht das übliche zehnte, hat mit dem Festival Woerdz zu tun, das letztes Jahr stattfand. «Woerdz stand im Mittelpunkt, da wären wir untergegangen.» Ob zehn oder elf: Die Loge hat in Bezug auf Veranstaltungen, Publikum und öffentliche Wahrnehmung von Anfang an sanft und stetig zugelegt. Sie hat sich etabliert. Auch Der gesunde Menschenversand macht hier seine Buch-Vernissagen. «Wir sind auf einem guten Niveau», sagt Schürmann.

Dennoch sind die beiden Spoken-Word-Enthusiasten Unternehmer genug, um zu wissen, dass gerade in ihrem Nischenbereich Stillstand ein Rückschritt wäre. «Wir wollen wieder einen Schritt weitergehen», sagt Schürmann. Es gelte, den Fokus immer wieder zu schärfen, neue Formate zu entwickeln, neue Zusammenarbeiten zu pflegen. Dabei möchten die beiden die Vermittlung und die Nachwuchsförderung wieder etwas stärker in den Mittelpunkt rücken. Die Loge eine Talentschmiede?

«Es ist gerade die Stärke der Loge, dass sie mit ihrer Kleinheit und ihrem familiären Charakter eine exzellente Plattform ist für talentierte Leute, die sich mal auf der Bühne ausprobieren wollen», sagt Lischer. Auch das ursprüngliche Positionspapier besagt, dass die Loge experimentell und innovativ sein soll und sich auch jenen Leuten öffnet, die neu zu schreiben und/oder zu performen begonnen haben. «In der Loge fühlt man sich nicht ausgestellt.» Ein idealer Rahmen, um von hier aus die Welt zu erobern.

Nachwuchs-Preis

Die beiden denken etwa an einen «Baby-Texttiegel», an dem sich unbekannte Talente an der Aufgabe messen könnten, innert 45 Minuten zu ein paar Stichworten einen Text zu schreiben und ihn gleich anschliessend vorzutragen. In der Loge sollen auch weiterhin Poetry-Slams stattfinden, wo sich ebenfalls junge oder überhaupt unbekannte Dichter und Performer austoben können. Nicht zuletzt liebäugeln die Betreiber mit einem Nachwuchs-Spoken-Word-Preis, den sie alle zwei Jahre verleihen möchten. «Wir haben von der Albert Koechlin Stiftung für unser Jubiläum 15 000 Franken erhalten. Einen Teil der Summe möchten wir für diesen Preis einsetzen.»

Die Nähe zwischen Autoren und Publikum, die sich in der Loge praktisch nicht aus dem Weg gehen können, trägt zur Einzigartigkeit des Lokals bei. Lischer findet es denn auch «extrem sexy, klein zu bleiben und dem heutigen Drang, immer grösser zu werden, nicht nachzugeben». Das kann auch Schürmann unterschreiben, nur: «Es ist je nach Projekt auch interessant, mal rauszugehen und einen grösseren Raum zu bespielen. Überraschende Sachen an einem anderen Ort finde ich spannend.» Schon hirnt es wieder. Und auch das Herzblut wallt. Das dürfte uns die Loge noch lange erhalten.