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LUZERN: Chormusik wird so elementar wie Körperkontakt

Der Händel-Chor geht mit dem Chor der PH Luzern neue Wege: Zusammen mit Breakdancern und Tänzerinnen setzen sie Carl Orffs «Carmina Burana» im Maihof mit 300 Mitwirkenden in Szene.
Blick in die Probe mit tanzenden Chorsängern: Kurt Dreyer (Inszenierung) und Pirmin Lang (Dirigent). (Bild: Manuela Jans)

Blick in die Probe mit tanzenden Chorsängern: Kurt Dreyer (Inszenierung) und Pirmin Lang (Dirigent). (Bild: Manuela Jans)

Sexualität als Thema im Konzert eines traditionellen Grosschors wie dem Händel-Chor Luzern? Die Brisanz, die in den mittelalterlichen Gedichten liegt, die Carl Orff 1936 in seiner «Carmina Burana» vertonte, wird in einem im Gespräch mit Pirmin Lang und Kurt Dreyer erst richtig bewusst.

Lang ist Dirigent des Händel-Chors und unterrichtet an der Pädagogischen Hochschule Luzern, Dreyer ist Choreograf und Gastdozent an der Musikhochschule Luzern. Gemeinsam bringen sie jetzt das populäre Chorwerk in einer szenischen Fassung zur Aufführung, die diesen Zündstoff spürbar macht – nicht in irgendeiner Kirche, sondern im Zentrum Maihof, das dafür die nötige räumliche Offenheit und Flexibilität bietet.

Chöre mit Boys und Girls

«Es ist schon erstaunlich», redet sich Dreyer beim Treffen in der «Nachbar» in Luzern ins Feuer, mit Gesten, die ihrerseits an eine Art Handballett erinnern: «Mit Ausnahme des ‹O-Fortuna› zu Beginn, das die Unbeständigkeit der Welt besingt, geht es in allen Texten um die Liebe – oder eben im Klartext um Sexualität und den sexuellen Akt.»

Als Lang und Dreyer sich – in ihrer zweiten Zusammenarbeit – für eine szenische Aufführung dieses Werks entschieden, war deshalb rasch klar, dass es zusätzliche Boys und Girls braucht, um dieses Thema glaubwürdig umzusetzen.

So wurde aus Biel, wo Dreyer ebenfalls an der Hochschule unterrichtete, die Breakdance-Crew Company Capsule einbezogen – aus dem einfachen Grund, weil es im Breakdance tanzende Männer gibt. Sie bringen denn auch in ihren Battles «Testosteron-getriebene» Männlichkeit mit ins Spiel. Die Girls, die von ihnen offensiv angemacht werden, sind die jungen Frauen des Chors der Pädagogischen Hochschule Luzern. Zehn davon kokettieren ihrerseits aktiv als Solo-Girls mit den draufgängerischen Boys der Breakdancer.

Urkräfte mit drei Generationen

Schon der personelle Grossaufmarsch macht diese «Carmina Burana» zu einem Musterbeispiel dafür, wie sich Chöre heute mit neuen Formaten über ihr angestammtes Territorium hinausbewegen. Der Händelchor (80 Mitglieder), der neu formierte PH-Chor (180 Mitglieder, vgl. Kasten), der Jugendchor Nha Fala sowie die elf Breakdancer, zwei Tänzerinnen, drei Gesangssolisten und Instrumentalisten (Klavier und Schlagwerk): Das ergibt ein Grossauf­gebot von 300 Mitwirkenden.

Fördert diese Masse nicht plakative Wirkungen, wie sie auch die archaisierende Musik Orffs kennt? Aufgelöst wird die Masse schon durch die naheliegende Rollenverteilung zwischen den Chören. Der Händel-Chor repräsentiert die Generation der Mütter, die – im «Ecce gratum» – die Girls vor den Boys in Obhut nehmen wollen. Umgekehrt wachsen die separat auftretenden jungen Frauen des PH-Chors mit dem Auftritt des Kinderchors selber in die Rolle von Müttern hinein. Sexualität ist eben auch die Triebkraft, die den Kreislauf der Generationen vorantreibt.

«Klar, kann man in diesem Rahmen nicht individuellen ‹Tanz› choreografieren, sondern muss mit Bewegungsbildern arbeiten, die szenisch wirken», sagt Dreyer. Aber genau damit könne man die Urkraft zum Ausdruck bringen, für die in den Texten die Sexualität und der starke rhythmische Charakter von Orffs Musik stehen: «Wenn man diesen Ausdruck von Urkraft hinkriegt, mit kleinen Bewegungen, die in der Menge grosse Wirkung entfalten, ist das nicht plakativ, sondern schlicht elementar.»

Kommt hinzu, dass im Maihof die Zuschauer entlang der Wände rund um die freie Spielfläche in der Mitte sitzen. Das ermöglicht Bewegungen der Gruppen im Raum und auch eine musikalische Auffächerung: «Vom Einzug der Chöre zu Beginn sind diese immer wieder singend oder als Akteure in Bewegung», sagt Pirmin Lang.

«Carmina Burana remixed»

Die Idee, in den einzelnen Nummern das Muster von Anmache und Paarung immer neu zu variieren und dramaturgisch weiterzuent­wickeln, führt zu Lösungen, die Klischees auch unterwandern. Ein Beispiel dafür ist die umfangreiche Rolle des Baritons, der hier als «Pfäffli» zunächst seine Schäfchen – die Girls – hütet, aber mit der Sopranistin zum Schluss für eine überraschende Wendung sorgt.

Mit vorgeprägten Mustern spielt auch ein weiteres zentrales Element der Produktion. Der Luzerner Komponist Christoph Imfeld erhielt den Auftrag, Material aus Orffs «Carmina Burana»-Musik zu remixen und ihm elektronische Beats zu unterlegen, zu denen das Choreografieteam den Tanz der Breakdancer exakt choreografierte.

Rollentausch im Körperkontakt

Die Remixes geben diesen «Carmina Burana» einen Rahmen, in dem sich die Rollen umkehren: Zu Beginn sind es die B-Boys, die sich akrobatisch zu übertrumpfen suchen, um den Mädchen zu imponieren. Zum Schluss aber wetteifern die Girls darum, wer den Supertänzer für sich gewinnen kann. Pirmin Lang ist begeistert, wie innovativ sich elektronische Musik dabei mit Orffs archaischer Musik verbinden lässt.

Mit alledem führt die Produktion Welten zusammen. «Vor allem die mit Breakdance nicht vertrauten Frauen des PH-Chors mussten in den Proben im Alten Zeughaus auch darauf eingehen, körperliche Nähe und Berührung zuzulassen», erzählt Dreyer. Der Austausch der Geschlechter, wie sublim auch immer er vollzogen wird, sorgt eben heute noch für Spannung wie im Mittelalter.

Urs Mattenberger

Event-Daten

SA, 9. Mai, 17 und 20.30 Uhr &
SO, 10. Mai, 13.30 und 17 Uhr

Der Maihof, Luzern
Mehr Infos

Ein neuer Chor soll angehende Lehrer vermehrt zum Singen bringen

Ein Modell für künftige Projekte könnte im Fall der «Carmina Burana» des Händel-Chors auch die Zusammenarbeit mit dem Chor der Pädagogischen Hochschule Luzern sein.

Mit diesem ist in Luzern ein neuer Chor entstanden, bei dem die Zusammensetzung der Sänger jedes Jahr wechselt, der aber mit jährlich einem eigenen, grossen Projekt auftreten wird – wobei auch weitere Zusammenarbeiten mit anderen Chören nicht ausgeschlossen sind. Gross bezieht sich dabei allein schon auf die Zahl der Mitwirkenden: Wie im jetzigen Projekt dürfte der Chor über jeweils weit über 100 Sänger verfügen.

«Singpraxis ist wichtig»
«Der Chor soll angehende Lehrerinnen und Lehrer wieder mit dem Singen in Berührung bringen, wie es früher an den Seminarien selbstverständlich der Fall war», sagt der Dirigent und PH-Dozent Pirmin Lang. Mit der Neuorientierung der Pädagogischen Hochschulen im Zug der Bologna-Reform war das Singen nämlich zum freiwilligen Fach zurückgestuft worden. «In den letzten zehn Jahren hat man in der ganzen Schweiz beobachtet, dass das Sängerreservoir, das die Seminarien einst hervorbrachten, zurückgegangen ist», sagt Lang.

Ein Nachteil ist das nicht nur für die Chöre, sondern auch für das Singen in den Schulen. An der PH Luzern wurde das Fach Chorgesang deshalb wieder aufgewertet: Künftig macht jeder Absolvent der Primar- und Sekundarlehrerausbildung mit Fachrichtung Musik in einem oder zwei Chorprojekten mit. Denn «die eigene Singpraxis der Lehrerpersonen», so Lang, «ist mindestens so wichtig wie didaktische Kenntnisse, um das Singen an Schulen breiter zu verankern und nicht nur zugezogenen Musiklehrern zu überlassen».

mat

Keckes Spiel zwischen den Geschlechtern. (Bild: Manuela Jans)

Keckes Spiel zwischen den Geschlechtern. (Bild: Manuela Jans)

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