LUZERN: «Das Klavier ist meine letzte grosse Liebe»

Das Piano-Festival richtet sich nicht nur an Klavier-Freaks, sondern bringt sie auch hervor. Zum Beispiel Kurt Brügger, der als Künstlerbetreuer selber zur Liebe für das Instrument fand.

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Klavier- und musikbegeistert: Kurt Brügger. (Bild Dominik Wunderli)

Klavier- und musikbegeistert: Kurt Brügger. (Bild Dominik Wunderli)

Ein Festival, das sich wie das Lucerne Festival am Piano auf ein Instrument konzentriert – das ist nur im Fall des Klaviers möglich. Denn kein Instrument genügt so sehr sich selbst wie das Klavier, auf dem man im Alleingang ganze Orchesterpartituren simulieren kann.

Wer ein gewisses Niveau erreicht, steht solistisch im Rampenlicht. Aber die andern sind zur Einsamkeit am Instrument verdammt – anders als Bläser oder Geiger, die rasch in Laienformationen mitmusizieren können. Liegt die Faszination für das Klavier auch darin, dass es mit seiner Selbstgenügsamkeit in unsere individualistische Zeit hineinpasst?

Zwischen Skipiste und Klavier

Wir fragen einen Klavier-Freak, der seine Liebe zum Instrument am Piano-Festival neu entdeckte. Der Anglist Kurt Brügger arbeitet als Übersetzer für die PH Luzern oder als Dolmetscher für Caritas und die Luzerner Polizei und Gerichte. Aber beim Festival spielt er die Rolle des Künstlerbetreuers, der Stars wie Rudolf Buchbinder, Maurizio Pollini oder Mitsuko Uchida vom Flughafen nach Luzern und hier vom Hotel ins KKL fährt. Sein obligatorischer Klavierunterricht im Lehrerseminar war einst folgenlos eingeschlummert. Vor zwei Jahren fand er dann eher zufällig über eine befreundete Pianistin wieder zum Klavier. Und wurde am Piano-Festival «angefixt».

Ist Brügger also der zeittypische Einzelgänger-Individualist – oder ein geselliger Mensch, der unter der Einsamkeit am Instrument auch mal leidet? Die Frage stellt sich umso mehr, als der 58-Jährige im Sport beides intensiv auslebt. Als Mountainbiker oder Skitourenfahrer entspricht er eher dem Typus des Einzelkämpfers, zu dem sein asketisches Aussehen bestens passt. Aber sein einstiger Traumberuf galt einem Mannschaftssport: Die erhoffte Profifussballerkarriere beim SC Kriens hängte er nur an den Nagel, weil er in der B-Liga schliesslich doch nicht reüssierte.

«Ich habe beide Seiten in mir», lacht Brügger und illustriert das mit einer seiner Reisen auf dem schwer bepackten Tourenbike durch die USA: «Da genoss ich auf den 7000 Kilometern zwischen Seattle und Savannah beides intensiv: die Einsamkeit der von Bären und Wölfen bewohnten Wälder wie die spontanen Kontakte mit Menschen, wie sie sich in den USA leicht ergeben.»

Am Klavier ist Brügger vorerst doch eher der Einzelgänger, obwohl er nach neuerlichen Anfängen bei «Hänschen klein» bereits Beethovens «Mondscheinsonate» oder Mozarts «Sonata facile» übt. Nicht zufällig schwärmt er mit einem Sportbild von der neu entdeckten Liebe zum Instrument: «Klavierspielen ist wie Tiefschneefahren und fast noch faszinierender.»

Die Stars und ihr Chauffeur

Brügger meint damit nicht nur den «Schwung», der ihn immer weiter trägt, sondern vergleicht das Lesen des Notenbildes mit sprachlichen Lernprozessen: «Man braucht ­einen Weit- und Überblick, um schwierige Stellen vorauszusehen und kontrollieren zu können. Insofern ist das tatsächlich wie Tiefschneefahren im Notenwald.» Kommt hinzu, dass die Motorik, das Zusammenspiel von Kopf und Händen, eine direkte Affinität zum Sport hat. Drittens ist es das Klangbild, das Brügger am Klavier bezaubert: «Die Komplexität des Klavierspiels übersteigt alles. Insofern ist das wohl nicht nur die letzte grosse Liebe, sondern auch die letzte grosse Herausforderung meines Lebens.»

Auch wenn Brügger analytisch präzise über diese grosse Liebe spricht – in der Musik lebt er eine eher «weiblich»-emotionale Seite aus. Er liebt Jazz oder Chansons. In der Klassik mag er mystisch gefärbte Musik und besonders die Nocturnes von Chopin. Was trugen dazu seine Begegnungen mit Pianisten bei?

Brügger erlebt sie weitab vom Starkult als «sensible Menschen, die schätzen, wenn ich als Betreuer ganz für sie da bin. Und ihnen das Gefühl gebe, dass ich auch einmal einen Schritt weiter gehe, als meine Funktion notwendigerweise das verlangt.» Christian Thielemann etwa besorgte er an einem heissen Sommertag einst eine Badehose – und wurde von ihm, als er ihm später beim Schwimmen zufällig begegnete, vor Freude im kühlen Wasser des Vierwaldstättersees «fast umarmt».

Die Künstler schätzen es, dass Brügger nicht nur Chauffeur, sondern ein interessanter Gesprächspartner ist. Rudolf Buchbinder bedankte sich, indem er ihm beim Abschied eine umfangreiche CD-Edition schenkte. Der Schauspieler Bruno Ganz unterbrach seine Lektüre auf dem Autorücksitz, als er merkte, dass Brügger ein kompetenter Gesprächspartner für Übersetzungsfragen ist – und rezitierte ihm Textstellen aus seinem neusten Ridley-Scott-Film «The Counselor» (2013). Mit Mitsuko Uchida entspann sich ein langes Gespräch über das Klavierspiel, als Brügger ihren Pedalgebrauch bei Bach thematisierte: «Sie hat mich mit ihrer Haltung, wonach Gefühl und Herz wichtiger sind als Perfektionismus, begeistert.»

Magie – hart erarbeitet

Am Piano-Festival bekommt Brügger als ehrenamtlicher Künstlerbetreuer nicht nur Karten für alle Konzerte. Fast noch mehr als die Konzerte fesseln ihn die Proben: «Da ist im leeren Saal die Magie des Zusammenspiels fast noch stärker erlebbar.» Und Brügger sieht, wie hart diese Magie erarbeitet ist: «Ich staune immer wieder, wie rasch Musiker, nach einem anstrengenden Flug endlich im Hotel angekommen, nur eines wollen: möglichst rasch ins KKL und hin zu ihrem Instrument, dem Klavier.»

Urs Mattenberger