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LUZERN: Der Prototyp des Nordic Jazz

Der Jazz von Jan Garbarek ist so unverkennbar wie breitenwirksam: Jetzt ist der stille Norweger ins KKL zurückgekehrt.
Jan Garbarek, hier mit dem brasilianischen Elektrobassisten Yuri Daniel, konstruierte im KKL ein fragiles Sound-Ambiente. (Bild: Dominik Wunderli)

Jan Garbarek, hier mit dem brasilianischen Elektrobassisten Yuri Daniel, konstruierte im KKL ein fragiles Sound-Ambiente. (Bild: Dominik Wunderli)

Pirmin Bossart

Die einen sehen die Weite der kargen Landschaften vor ihrem inneren Jazz-Auge aufgehen, andere wandeln mit den mystischen Klängen den Fjorden entlang und spüren die Einsamkeit in ihrer Seele rauschen. Jan Garbarek ist der Prototyp des Nordic Jazz: Er hat diesen Mix aus hymnischen Melodien, flächigen Harmonien und erdigen Fundamenten in die europäische Jazzgeschichte eingeschrieben. Nicht der afrikanische Blues ist sein Rückgrat, sondern das folkige Liedgut des europäischen Nordens, verbunden mit Schönklang, Innigkeit und ein bisschen Pathos.

Abschied vom Jazz

Nach sieben Jahren ist Jan Garbarek am Dienstagabend mit seiner Group ins KKL Luzern zurückgekehrt. Ein Quartett, das mit dem deutschen Pianisten und Keyboarder Rainer Brüninghaus, dem brasilianischen Elektrobassisten Yuri Daniel und dem indischen Perkussionisten Trilok Gurtu international besetzt ist. Man war gespannt, wie sich der Norweger nach seinen jahrelangen Erfolgen mit dem Hilliard Ensemble im engeren Jazz-Kontext anhören würde. Immerhin hat er in den 1970er-Jahren mit expressiven und recht freien Spielweisen eine Klangsprache entwickelt, die den skandinavischen Jazz geprägt hat.

Doch Jan Garbarek hat sich schon seit Jahren vom Jazz verabschiedet. Wiederholt hat er in Interviews kundgetan, dass seine Musik längst nicht mehr Jazz im herkömmlichen Sinne sei, sondern ein weiter gefasstes Medium, in dem er neue Einflüsse zu verschmelzen suche. So fehlten denn auch die befruchtende Interaktivität und der Improvisationsgeist, die den Jazz definieren. Stattdessen war das Konzert eine Abfolge von melodiös-innigen Themen, die eher unterhaltsam als herausfordernd moduliert wurden: Weniger in dicht verzahnten Interplays mit überraschenden Wendungen als in genau abgesteckten Variationen, die Raum schufen für solistische Intermezzi.

Die Kerne von Garbareks melodiösen Motiven sind einfach, aber umso wirksamer. Sie prägen sich sofort ins Ohr, machen empfänglich für seelenvolle Emotionen. Dazu kommt sein Sound auf dem Sopran- und dem Tenorsaxofon, dieser klare Ton, den er mit heftigen Impulsen in höchste Höhen führen kann. Während sein Sopransound bei aller Poesie mit der Zeit eher etwas einsilbig wirkte, gingen seine balladesken Passagen mit der leise röchelnden Sonorität des Tenorsaxofons viel stärker unter die Haut. Seine an Coltrane geschulte Intensität mit dicht gedrängten Klangkaskaden war nur noch in wenigen Momenten spürbar. Mehrheitlich stellte Garbarek ein Thema vor, expandierte es ein wenig mit der Band und gab dann den Ball an einen Solisten weiter, um sich am Ende wieder gemeinsam zum Tutti zu finden.

Kein einziges Wort

Obwohl sich der musikalische Innovationsgrad stark in Grenzen hielt und ein Hardcore-Jazzfan nicht auf die Rechnung kommen konnte, kam keine Langeweile auf. Das Konzert war von Anfang an als Gesamterlebnis angelegt, in das man eintauchen konnte. Ein grosses weisses Segel war über der Bühne aufgespannt, wie ein Schmetterlingsflügel. Ein emotionaler Fokus der Weite und Geborgenheit, der von kühlen Farbgebungen beleuchtet wurde. Garbarek hütete sich, mit Zwischenansagen dieses fragile Sound-Ambiente aufzulöchern. Er sagte während der zwei Stunden kein einziges Wort. Nicht auszudenken, wenn da einer noch geplaudert hätte. Das hätte diese Musik schnell in der Belanglosigkeit versenkt.

Aber auch die Band selber hielt die Aufmerksamkeit des Publikums aufrecht, indem sie immer mal wieder Tempo und Intensitätsgrad wechselte: Auf eine hymnische, mit oft schrecklichen Synthieteppichen versehene Feierlichkeit folgte ein rhythmisch aufgedonnerter Post-Fusion-Track oder glänzte ein Musiker mit einem solistischen Exkurs. Überhaupt verstand es Garbarek, den Mitmusikern viel Raum zu geben.

Regelrechte Show

Einmal war es Rainer Brüninghaus, der in einem längeren Solo-Rezital von der klassisch angehauchten Etüde über quirlige Jazzfiguren und bluesig-groovende Patterns bis zum grollenden Gewittersturm alle Register zog. Vor allem aber war es Trilok Gurtu, der mit seinen wunderbar atmosphärischen Perkussions-Finessen und der indischen Trommelsprache eine Show abzog, in der auch noch das Publikum mitklatschen konnte. Gurtu verzauberte mit seinen Urwaldgeräuschen und seiner Stimme das Publikum.

«Sie machen heutzutage immer weniger Musik und immer mehr Klamauk», lautete am Ende das Fazit meines Sitznachbarn. Man konnte dem altgedienten Jazzfan nicht widersprechen. Aber nur so lassen sich heute teure Kulturhüllen mit «Jazz» füllen.

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