LUZERN: Die Zukunft des Festivalorchesters hat bereits begonnen

Die Kritik zum Eröffnungskonzert

Drucken
Teilen
Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra im Eröffnungskonzert. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)

Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra im Eröffnungskonzert. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)

Urs Mattenberger

Dass Lucerne am Freitag bekannt gab, Riccardo Chailly werde ab 2016 neuer Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra (LFO), änderte auch den Status der Auftritte des Orchesters in diesem Sommer. Jetzt schien klar: die Konzerte unter Andris Nelsons (35) und Bernard Haitink (86) würden Intermezzi ohne Bedeutung für die Zukunft bleiben. Aber am Freitag setzte das Eröffnungskonzert unter Haitink im Konzertsaal des KKL ein starkes Zeichen für diese Zukunft: Nämlich für eine stilistische Wandelbarkeit des Klangkörpers, die man so nicht erwartet hatte.

Alte Schule und doch «jung»

Möglich machte das ein Dirigent, der genau diese Wandelbarkeit selbst bewiesen hat. So hatte nicht zufällig die Solistin des Abends, die 60 Jahre jüngere Anna Lucia Richter, erwartet, Haitink würde als «Dirigent alter Schule» in Mahlers vierter Sinfonie «ein langsames, ruhiges Tempo wählen» – und war überrascht, als er «ein eher schnelles Tempo» vorschlug (Ausgabe vom Freitag).

Denn der Name Haitink steht und stand auch für weihevolle Sternstunden mit Bruckner oder Mahler. Aber er ging in den letzten Jahren auch einen anderen Weg mit dem Chamber Orchestra of Europe, das er selber als Geschenk in der Spätzeit seiner Karriere bezeichnete. Mit ihm frischte er zügig sein Beethovenbild auf, weg vom «Middle of the Road» (Haitink) früherer Jahre. Solche Einflüsse der historischen Aufführungspraxis flossen auch in seine späteren Zyklen mit diesem Orchester und jetzt in das Gastspiel beim Festivalorchester mit ein.

Ein neuer Ton nach Abbado

Im Eröffnungskonzert waren jetzt beide Seiten dieses Dirigenten zu hören – und damit auch unterschiedliche Facetten des Orchesters. Die Überraschung ereignete sich gleich zu Beginn in Joseph Haydns Sinfonie «Il Distratto». Zum einen, weil diese Zwischenmusiken für ein Lustspiel mit handfesten humoristischen Poiten aufwarten, wie es Alfred Bredel in seinem Eröffnungsvortrag versprochen hatte. Zum andern eben durch die Umsetzung durch das in Kleinbestzung auftretende Lucerne Festival Orchestra selbst.

Dieses mochte man zwar am klangvoll-tiefen, warmen Fundament wiedererkennen, das Haitink von den Bässen her aufbaute. Darüber aber entfaltete sich mit schlank gespanntem Klang und fein zisellierter Artikulation eine barock-deutliche Klangrede, wie man sie vom LFO so noch nie gehört hat. Wie sich motorischer Leerlauf ins Pianissimo verlief und vom jähen Tutti unterbrochen wurde; oder wie das sprühende Finale rasch und ungebremst weiterwirbelte, nachdem die Geigen beim Stimmen ihrer Instrumente für ein Tohuwabohu sorgten: Das war in dieser Pointierung weit entfernt von den Klassiker-Aufführungen unter Abbado.

Der legendäre «Wouw-Effekt»

Auch seine andere Seite als Dirigent zeigte Haitink, nicht weniger eindringlich und überzeugend, in Mahlers vierter Sinfonie. Zwar verlieh er auch diesem Werk bei aller durchdringen Fülle und Kraft eine schlanke Zeichnung und hell schimmernde Transparenz. Und er führte die auf Abbado zurückgehenden Qualitäten noch weiter, wenn etwa eine ganze Stimmgruppe wie die Celli ihre Phrasen so geschmeidig aussang, als wäre sie ein einziges, ins riesenhafte vergrössertes Instrument. Oder wenn der Klang immer neu aufgebaut und durchleuchtet wurde und die exzellenten Indivdualstimmen und ihre Farben bohrend intensiv zur Geltung brachte.

Stadtpräsident Stefan Roth heisst Bundesrätin Doris Leuthard herzlich willkommen. (Bild: Philipp Schmidli)
30 Bilder
Hubert Achermann (zweiter von links) in Begleitung mit Frau Christine und Michael Häfliger mit Lebenspartnerin Andrea Christina Lötscher. (Bild: Philipp Schmidli)
Emil Steinberger mit Ehefrau Niccel (Bild: Philipp Schmidli)
Bundesrätin Doris Leuthard an der Seite von Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable. (Bild: Philipp Schmidli)
Bandleader Pepe Lienhard mit der Berner PR-Fachfrau und Freundin Christine Köhli (Bild: Philipp Schmidli)
Katrin und Adolf Ogi (Bild: Philipp Schmidli)
Unternehmer, Mäzen und Kunstsammler Uli Sigg mit Frau Rita (Bild: Philipp Schmidli)
Die städtische Kulturchefin Rosie Bitterli (links) im Gespräch mit Andrea Christina Lötscher, Lebenspartnerin von Michael Häfliger. (Bild: Philipp Schmidli)
Die Luzerner Baudirektorin Manuela Jost mit Lebenspartner Dominique Criblez (Bild: Philipp Schmidli)
Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher (Bild: Philipp Schmidli)
Michael Häfliger, Intendant des Lucerne Festivals mit Lebenspartnerin Andrea Christina Lötscher. (Bild: Philipp Schmidli)
Oswald Grübel, ehemaliger CEO von UBS und CS, zusammen mit Partnerin Renate Häusler (Bild: Philipp Schmidli)
Intendant Michael Häfliger (rechts) begrüsst Renate Häusler und Oswald Grübel (Bild: Philipp Schmidli)
FDP-Nationalrat Peter Schilliger mit Frau Roswitha. (Bild: Philipp Schmidli)
Bundesrätin Doris Leuthard und Stadträtin Manuela Jost (Bild: Philipp Schmidli)
Der Luzerner Bildungsdirektor Reto Wyss mit Frau Ilga (Bild: Philipp Schmidli)
SVP-Nationalrat Felix Müri heisst Bundesrätin Doris Leuthard in Luzern willkommen. (Bild: Philipp Schmidli)
Der ehemalige Stadtpräsident Urs W. Studer und Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: Philipp Schmidli)
Stadträtin Ursula Stämmer (links) mit Andrea Christina Lötscher. (Bild: Philipp Schmidli)
Kein roter, sondern ein gelber Teppich am Eröffnungsabend des Lucerne Festivals im KKL. (Bild: Philipp Schmidli)
Bundesrätin Doris Leuthard hält die Rede vor dem Eröffnungskonzert. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
40 Minuten gratis Konzert hören: Public Viewing auf dem Inseli. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
Die Besucher erschienen trotz Regen zahlreich. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra im Eröffnungskonzert mit Anna Lucia Richter als Solistin bei Gustav Mahlers Sinfonie Nr.4 in G-Dur. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra an der Eröffnung des Festivals am Freitag. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra an der Eröffnung des Festivals am Freitag. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Alfred Brendel setzte sich bei seiner Eröffnungsrede ans Piano. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Auf dem Inseli: Gespannte Blicke auf die Grossleinwand. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
40 Minuten gratis Konzert hören: Public Viewing auf dem Inseli. Die Besucher erschienen trotz Regen zahlreich. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
Später am Abend hat der Regen nachgelassen. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)

Stadtpräsident Stefan Roth heisst Bundesrätin Doris Leuthard herzlich willkommen. (Bild: Philipp Schmidli)

Das brachte ebenso die kindlich-naiven wie die dramatisch und emotional aufwühlende Seiten des Werks ergreifend zum Ausdruck. Und erst Recht galt das für das Finale, das der zauberhafte Sopran von Anna Lucia Richter schlank und doch mit immer starker, suggestiver Präsenz überhöhte.
Damit setzte dieses Intermezzo tatsächlich ein Signal für die Zukunft: Dafür, dass sich dieses Orchester, ohne seine gewachsenen Qualitäten zu verlieren, spannend weiterentwickeln kann, wie man es von Chailly mit seinem Repertoire von Bach über die Oper bis zur Moderne erwartet.

Auch bei klarer Führung, für die hier die behutsam wie unter der Lupe gestalteten und ausgekosteten Übergänge standen, könne das Orchester jenen «Wouw-Effekt» mit einbringen, der seine Wiedergaben unter Abbado legendär gemacht haben. Auch diese Hoffnung, die die im LFO spielende Luzerner Geigerin Isabelle Briner nach Chaillys Wahl geäussert hatte, wurde hier erfüllt: Im Adagio, das Zuhörer im Saal zu Tränen rührte, wie man es von Auftritten dieses Orchesters auch erwartet.

Fangemeinde für Salle Modulable

So begann schon im Konzert ein Stück weit die Zukunft, die zuvor bei der formellen Eröffnung beschworen wurde. Stiftungspräsident Hubert Ackermann tat es mit dem Hinweis auf die Wahl Chaillys zum LFO-Chefdirigenten, der Luzerner Regierungsrat Reto Wyss mit Blick auf die Salle-Modulable-Pläne, für die es eine «Fangemeinde» brauche wie einst für das KKL. Nur Bundesrätin Doris Leuthard steuerte mit ihren kurzen, aber erfrischenden Worten über Politik und Humor selber «fast eine humoristische Einlage» bei, als sie beim Gang auf die Bühne beinahe über ihr elegantes Kleid stolperte. Auch was den Humor anbelangt, war diese Eröffnung von A bis Z geglückt