LUZERN: Dreizehn Künstler reflektieren in Kunsthalle über das Löwensymbol

Der Ausstellungsmarathon bis zum Geburtstag des Löwendenkmals im Jahr 2022 ist eröffnet. Mit «Löwen-Safari» in der Kunsthalle hat sich Kurator Peter Fischer feinfühlig ans Thema herangepirscht. Dreizehn Künstler reflektieren über das Löwensymbol.
Julia Stephan
Vor den ausgestopften Löwen des exzentrischen Künstlers Urs Eggenschwyler (1849-1923) in der Kunsthalle Luzern wird an diesem Sonntag debattiert. (Bild: Kilian Bannwart/PD)

Vor den ausgestopften Löwen des exzentrischen Künstlers Urs Eggenschwyler (1849-1923) in der Kunsthalle Luzern wird an diesem Sonntag debattiert. (Bild: Kilian Bannwart/PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Zu seinen Lebzeiten, so erzählt man sich, sei der Menageriebesitzer und Künstler Urs Eggenschwyler (1849–1923) mit seinen Löwen durchs Zürcher Niederdorf spaziert. Jetzt stehen seine drei ausgestopften Lieblinge wie zerschlissene Sofas in der Kunsthalle Luzern. Heute Nachmittag werden sie den ersten Gästen des «Löwensymposiums» im Nacken sitzen.

Das «Löwensymposium» ist eine Erfindung des deutschen Künstlers Till Velten. Für das Löwendenkmal-21-Projekt (wir berichteten) wird der Künstler, der das Gespräch als Kunstform begreift, in den nächsten Wochen Menschen zum Löwendenkmal befragen. Als Erstes diskutieren heute Nachmittag um 15 Uhr der Kunsttherapeut Karl-Heinz Menzen und der Raubtierdompteur René Strickler. Weitere exotische Paarungen aus hiesigen Souvenirverkäufern (Robert Casagrande) und Historikern (Valentin Groebner) sowie Anthroposophen (Thomas Held) und Archäologen (Sibylle Wolf) folgen bald.

Liveübertragung vom Löwendenkmal

Dass Kurator Peter Fischer die «Arena» des Talks ins Zentrum seiner Ausstellung «Löwen-Safari» gestellt hat, hat auch Symbolcharakter. Denn die auf vier Jahre angelegte Ausstellungsreihe soll die Debatte über das Löwendenkmal neu entfachen. Mit der Eröffnung der «Löwen-Safari», der ersten von vier Ausstellungen, haben sich dreizehn Künstler aus dem In- und Ausland mit der symbolischen Bedeutung des Tiers in verschiedenen Kulturen beschäftigt. Das Löwendenkmal selbst bleibt vorerst dezent im Hintergrund. Eine Liveübertragung der Touristenströme am Eingang erinnert den Besucher an die vielen weiteren Implikationen, die Peter Fischer in den nächsten Jahren noch aufzurollen gedenkt.

Vornweg: Für das mächtige Tier und seine noch gewichtigere symbolische Bedeutung in der Kunst hat die trotz ihres Namens doch eher kleine Kunsthalle fast zu wenig Platz. Längst nicht alle der eingesandten Ideen und Arbeiten konnte Fischer umsetzen. Manche Künstler mussten ihre Projekte den Grössenverhältnissen anpassen.

Einen direkten Bezug zum Denkmal findet man bei einem hölzernen Miniaturkäfig, geschaffen vom verstorbenen Luzerner Künstler Franz Eggenschwiler (1930–2000). Er hat eine Souvenirskulptur des Luzerner Löwen hinter Gitter verbannt. Eine Lithografie vom Löwendenkmal im Rücken der Figur macht die Illusion eines Mikrokosmos perfekt. An der von Harald Szeemann kuratierten legendären Documenta 5 in Kassel war das Kästchen 1972 in der Abteilung «Individuelle Mythologien» zu sehen. Paul ­Nizons zeitgleich erschienener «Diskurs der Enge» (1970) mag an Eggenschwilers Gitterstäben mitgebaut haben.

Surreale Bildmotive herrschen vor

Die Luzerner Malerin Irene ­Bisang nähert sich dem Löwen in radikal weiblicher Subjektivität: in surrealen Bildern in Aquarell und Öl. Ein Löwengesicht blickt unter dem Tupfenkleid aus dem Uterus einer Frau, ein Mädchen reitet souverän auf dem Rücken des virilen Krafttiers. Und wie auch bei anderen Künstlern ist es die psychische und vorwiegend positive Bedeutungsebene des Löwensymbols, das Bisang in übersteigerten Grössendimensionen visualisiert.

Ähnliches tut auch der Schweizer Künstler Stefan à ­Wengen mit zwei monumentalen Acylbildern. Es sind prachtvolle Löwendarstellungen, die auf den heiligen Hieronymus referieren, der gemäss Überlieferung einem Löwen einen Dorn aus der Tatze gezogen hat. Auf dem extra für Luzern geschaffenen Werk «Hieronymus Painting (D. T. M. C. II)» beobachtet der mächtige Löwe ­einen grazilen Schmetterling. Die Umgebung erinnert in ihrer Gestaltung an die «White Lodge» aus David Lynchs Kultserie «Twin Peaks», eine Parallel- bzw. Traumwelt, in der die Psyche in ihrer eigenen Sprache zu uns spricht.

Konzeptioneller daher kommt die Arbeit des Iraners ­Hamed Rashtian. Er hat aus dem Formenvokabular orientalischer Architektur einen Bronzelöwen konstruiert. Türen und Bögen sind ihrer ursprünglichen Funktion beraubt und in den Löwenkörper fantasievoll eingebaut. Trotz der Verwendung historischer Formen erinnert das mit einer grünen Patina – oder ist es Farbe? – überzogene Werk an eine futuristische Roboterfigur.

Wofür der Löwe alles den Kopf hinhält

Da bildet die Tonskulptur, die der japanische Bildhauer Tatsuma Takeda noch in dieser Woche vor Ort schuf, ein Kontrastprogramm. Die vom japanischen Shintoismus inspirierte Arbeit stellt Löwen aus der japanischen Tradition dar und ist eine hochreflexive philosophische Auseinandersetzung mit dem japanischen Shintoismus.

Anschauen sollte man sich unbedingt die eindrückliche Filmdoku der Künstlerin Katharina Swoboda, eine noch nicht ­beendete Recherche über eine Löwendenkmalkopie in der US-amerikanischen Stadt Atlanta von 1894, das die Opfer des Bürgerkriegs ehrt. Swoboda zeigt bei ihrem Rundgang durch Atlanta, wie Symbole über die Historie hinauswachsen und ein Eigenleben entwickeln. Auf den Spuren der in Atlanta geborenen Autorin Margaret Mitchell («Vom Winde verweht») enttarnt sie den Löwenkult als männliche Geschichtsschreibung. Das Bild einer in den Wellen schaukelnden Löwenmaske erzählt von der Maskierung der Geschichte über die Verwendung von Symbolen.

Hinweis
«Löwen-Safari» in der Kunsthalle Luzern. Noch bis 1. Juli.
An diesem Sonntag um 15 Uhr: «Löwensymposium»-Talk. Mi, 16. Mai, 19 Uhr, ­Gespräch mit Irene Bisang und Orphea Heutling. Ganzes Programm: www.kunsthalle-luzern.ch.

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