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LUZERN: Eigenes Innenleben krass gezeichnet

Die 51-jährige kanadische Comicschöpferin und Künstlerin Julie Doucet wird als Stargast am Fumetto mit der weltweit ersten Retrospektive gewürdigt. Sie hat Innovatives geschaffen.
Hans Keller
Schonungslose Selbstdarstellung in Julie Doucets Serie «Dirty Plotte». Bild: Fumetto

Schonungslose Selbstdarstellung in Julie Doucets Serie «Dirty Plotte». Bild: Fumetto

Hans Keller

kultur@luzernerzeitung.ch

April im Jahr 2000: ein Besuch bei Julie Doucet in Montréal. Im Verlauf des abendlichen Gesprächs beginnt es zu schneien. 37 Zentimeter in einer Nacht; es ist ein Rekord für die Jahreszeit.

Während draussen echter Schnee fällt, bezeichnet Julie Doucet (Bild) ihre Comics als Schnee von gestern. Sie hatte sich entschlossen, Bildergeschichten aufzugeben. Die Menstruationsblutströme, die durch ihre berühmte «Dirty ­Plotte»-Serie flossen, sind versiegt. Und die punkigen Quadratschädel, für die sie ein amouröses Faible entwickelt hatte, haben sich mehr oder weniger angetörnt aus den vogelkäfiggrossen Appartements voller Bierdosen, Kippen und anderem Müll verabschiedet. Keine Drogentrips mit durchgeknallten Typen und auch keine Koks-Kuren mehr, die Augen wie Wagenräder bescheren.

Träume und Ängste verarbeitet

1965 in Montréal geboren, studierte Julie Doucet daselbst Kunst und begann 1987 ihre Comic-Miniserie «Dirty Plotte» zu veröffentlichen. «Dirty Plotte» sorgte mit der schonungslosen Selbstdarstellung der Autorin und ihres freakigen Alltags für Furore. Doucet knüpfte mit ihren Bildergeschichten bei den Underground-Comix der 1960er-Jahre und insbesondere bei Robert Crumb an, der denn auch bald einmal auf Doucet aufmerksam wurde und Sequenzen von ihr in sein Magazin «Weirdo» aufnahm.

Julie Doucet schuf Innovatives. Nie zuvor hatte eine Comicschöpferin derart krass «ihren Alltag, ihre Träume, Ängste und Fantasien» (Doucet) in Comics verpackt, die überdies durch optische Eigenständigkeit brillierten. Die stets randvollen Panels, in denen auch im letzten Winkel noch eine Flasche steht, besitzen dadurch eine geradezu ornamentale Textur. Die Figuration wirkt naiv, ist jedoch souverän gestylt.

Doucet bedient zwar keinerlei feministische Anliegen, behält aber instinktiv und mit psychischer Stärke in ihren schrägen Beziehungen die Oberhand. Etwa über ihren Freund im «New Yorker Tagebuch», einem larmoyanten Untergrundler, dem sie als Comiczeichnerin und durch ihre Offenheit überlegen ist. Trotzdem macht sie die Flips und Trips des Lovers zwischen krabbelnden Kakerlaken bereitwillig mit, was ihr Stoff für Comics liefert.

Durch Verfremdung neue Zusammenhänge

Um das Jahr 2000 herum erschien mit «Madame Paul» eine vorläufig letzte, 40-seitige Comicstory von Julie Doucet. Der Plot spielt in Montréal, Haupt­person ist eine exzentrische Hausverwalterin, bei der sich Julie eingemietet hat. Doucet befreit sich in dieser Geschichte von ihrem Freakalltag, das Buch wäre inhaltlich wegweisend für thematisches Neuland gewesen.

Doch Doucet hatte die Comics satt und kehrt nur noch sporadisch zu jenem Medium zurück, das sie berühmt machte. Sie wandte sich künstlerischen Experimenten zu, verfertigte etwa Porträt-Linolschnitte nach gefundenen Fotos unbekannter Leute, die sie durch ihre Kunst sozusagen zu Ikonen adelte. Ob Wort- oder Fotoroman-Collagen: Es geht Julie Doucet oft darum, durch Verfremdung und ungewöhnliche Kombinationen neuartige Zusammenhänge zu schaffen.

Hinweis

Das Comixfestival startet am Samstag. Infos: www.fumetto.ch. Die Ausstellung zu Julie Doucet ist im Akku Emmen zu sehen.

Julie Doucet.

Julie Doucet.

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