LUZERN: Ein Italiener führt Abbados Erbe weiter

Die Wahl Riccardo Chaillys zum Chefdirigenten des Lucerne Festival Orchestra signalisiert Kontinuität. Aber der Italiener dürfte mit seinem Temperament und weiten Horizont neue Akzente setzen.

Urs Mattenberger
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Der italienische Dirigent Riccardo Chailly (62). (Bild: Getty)

Der italienische Dirigent Riccardo Chailly (62). (Bild: Getty)

Urs Mattenberger

Jetzt also steht fest, wer das Lucerne Festival Orchestra in die Zukunft führt. Es ist nicht der Lette Andris Nelsons (35), der lange Zeit als Favorit galt, sondern der Italiener Riccardo Chailly (62). Damit ist es gelungen, einen Dirigenten zu verpflichten, der im Ranking ganz oben steht: Aktuell als Chefdirigent des traditionsreichen Gewandhausorchesters in Leipzig und als musikalischer Leiter der Mailänder Scala. In seinem Standardwerk «Der Mythos vom Maestro» zählte Norman Lebrecht Chailly gar neben Simon Rattle und Esa Pekka Salonen zu den drei Dirigenten, die die klassische Musik in die Zukunft führen. Bereits nächstes Jahr wird Chailly das in Luzern tun, wenn er das Lucerne Festival Orchester erstmals eröffnet.

Karrierestart unter Abbado

Obwohl der Name Chailly im Vorfeld nicht genannt wurde, überrascht die Wahl nicht. In der Medienmitteilung brachte Intendant Michael Haefliger bereits seine Freude darüber zum Ausdruck, dass nach Arturo Toscanini und Claudio Abbado (vgl. Kasten) wiederum ein Italiener das Flaggschiff des Festivals leiten wird. Vor allem aber war Chailly Abbado persönlich eng verbunden. «Seit der Zeit, als er mich mit 18 Jahren zu seinem Assistenten an der Scala ernannte», erklärt Chailly, «war Abbado mein Vorbild und dann mein Bezugspunkt und lebenslanger Freund bis zum Ende.»

Zudem verweist Chailly auf das «volle künstlerische Einverständnis» mit Michael Haefliger, an dessen Festival er seit 1988 regelmässig auftritt: «Ich glaube, dass die Zusammenarbeit mit ihm eine wirkliche Gelegenheit ist, das musikalische Profil des Orchesters und des Festivals weiterzuentwickeln, sowohl in der Schweiz als auch weltweit, wie es das Festival verdient.»

Neuanfang mit Kontinuität

Chailly, der in Leipzig eine europäische Orchestertradition weiterführt, statt Nelsons, der seit letztem Jahr Chef beim Boston Symphony ist: Die Wahl signalisiert in mehrerer Hinsicht das Bestreben nach Kontinuität statt eines radikalen Neuanfangs. Einen solchen hätte die Wahl Nelsons’, der letztes Jahr nach dem Tod Abbados das Orchester dirigierte, zweifellos bedeutet. Zwar erwies sich der hochgehandelte 36-jährige Jungstar als der Klangmagier, der die von Abbado kultivierten Qualitäten nutzen konnte. Aber sein impulsives Dirigieren war Welten entfernt von Abbados magischem Minimalismus: Der Idee, das Orchester ohne Diktat zu führen, damit sich das Zusammenspiel aus dem gegenseitigen Zuhören von selbst entfaltet.

Moderner Dirigent ohne Dogmen

Chailly dürfte der Gelassenheit seines Vorbilds zwar schon vom Alter her näher stehen. Als Dirigent hat er aber doch auch ein eigenes und anderes Profil. Seine Mahler-Sinfonien etwa, die er mit dem Gewandhausorchester in Leipzig aufgeführt hat, zeigen ihn bei allem Traditionsbewusstsein als modernen Dirigenten: Mit zügigen Tempi und schärferen Kontrasten, in denen sich durchdachte Präzision und Strenge mit einem leidenschaftlichen Temperament verbinden. Ein Beispiel dafür war in jüngerer Zeit sein grossorchestraler und doch historisch vitalisierter Beethoven, der auch in Luzern begeisterte. Ein anderes ist Chaillys Engagement für die Moderne. Und als Dirigent, der die «Zeit der Dogmen für abgelaufen» hält, begann er als Erster in Deutschland selbst Bach wieder mit modernem Orchester aufzuführen.

Mit diesen vielen Gesichtern wird der zugleich feurigere und intellektuellere Chailly beim Lucerne Festival Orchestra gewiss «neue Akzente» setzen, wie es in der Medienmitteilung heisst – und zwar im Repertoire wie in der Interpretation. Umso bedeutsamer ist, dass er zu Beginn gleich selbst ein Symbol für die angestrebte Kontinuität setzt mit Gustav Mahlers achter Sinfonie. Es war die einzige, die Abbado in seinem legendären Mahler-Zyklus ausgelassen hatte, der den Weltruf des Orchesters begründete. Wenn Chailly zum nächsten Festivalauftakt dieses Monumentalwerk aufführt, wirkt das wie ein Bekenntnis, dass er bei allen neuen Impulsen diese Tradition und deren für das Festival so wichtige Ausstrahlung weiterführen will.

«Dieser Dirigent passt zum Festival-Orchester»

mat. Auch nach der Wahl des neuen Chefdirigenten des Lucerne Festival Orchestra (LFO) bleiben viele Fragen offen, etwa die nach der künftigen Zusammensetzung des Orchesters, in dem Abbado musikalische Freunde versammelte.

Die Chancen dürften gut stehen, dass das Mahler Chamber Orchestra die wichtige Stammformation des LFO bleibt, hat Chailly doch in früheren Jahren das Mahler-Jugendorchester dirigiert – eine Orchestergründung ebenfalls von Abbado, aus der das Mahler Chamber hervorgegangen ist. Etwas anderes sind die mitwirkenden Solisten und Kammermusiker. Da bleibt offen, inwieweit sie bleiben oder ob Chailly eigene Freunde mitbringt.

«Super!»

Wir baten die Luzerner Geigerin Isabelle Briner um eine erste Einschätzung. Briner spielt als Mitglied des Mahler Chamber Orchestra regelmässig beim LFO mit. Michael Haefliger hatte dem Orchester gestern vor der Probe mit Bernard Haitink die Wahl mitgeteilt. «Ich dachte spontan: Super!», lacht Briner: «Ich war erleichtert, weil diese Wahl wohl einen weichen Wechsel und keinen scharfen Schnitt bedeutet. Und ich denke, diese Erleichterung teilen viele im Orchester».

Briner schätzt Chailly ohnehin als bedeutenden Dirigenten unter anderem der Werke von Gustav Mahler, die für das LFO eine zentrale Rolle spielen. Sie hörte sich Konzerte mit dem Gewandhausorchester in Luzern an und hat vor Jahren einmal unter Chailly gespielt. Die «Raffinesse» im Klang des Leipziger Orchesters passt bei allen Unterschieden zum Festivalorchester, findet sie: «Chailly steht in einem weiten Sinn für eine Tradition europäischer Orchesterkultur, aus der wir beim LFO alle kommen.»

Klar ist für Briner aber auch, dass sich auf dieser gemeinsamen Grundlage der intuitive Flow unter Abbado ändern wird: «Chailly hat einen intellektuelleren Zugang zu Partituren. Das dürfte den Umgang und das Spiel des Orchesters verändern.» Wenn das Orchester dadurch vielleicht mehr Spritzigkeit, Präzision oder Schärfe erlange, könne das auch eine Chance sein, meint sie. Und ist überzeugt, dass das auch nicht das Ende der Mysterien bedeuten muss, die sich unter Abbado ereigneten: «Diesen Wow-Effekt bringen ja immer noch wir als Orchester ein.»

«Neue Welten»

Die zweite Frage ist die nach der programmatischen Ausrichtung des Orchesters. Da lässt Chaillys Repertoire von Bach bis zur Moderne viele Möglichkeiten offen. Michael Haefliger bestätigt, dass es im Repertoire des LFO auch «neue Welten» geben werde. Und verweist darauf, dass Chailly am Festival schon bisher ausgefallene Programme aufführte: «Chailly wird hier nicht bloss ‹schöne› Konzerte machen. In den Gesprächen habe ich ihn als Menschen und Künstler kennen gelernt, der klare Vorstellungen über die Zukunft des Orchesters hat und bereit ist, sich für sie zu engagieren.»

Trotzdem betont der Festival-Intendant ebenfalls die Kontinuität. Das gilt etwa für die Ernsthaftigkeit und die Disziplin, mit der sich Chailly der Kunst widmet: «Wo andere von Auftritt zu Auftritt jagen, nimmt er sich immer wieder eine Auszeit, um sich in die Musik und in Partituren zu vertiefen. Darin steht er Abbado durchaus nahe. Alles in allem ist er für mich schlicht eine Idealbesetzung».

Abbados Assistent

mat. Riccardo Chailly wurde 1953 in Mailand geboren. Seine Karriere als Dirigent begann er als Assistent von Claudio Abbado an der Mailänder Scala. In die erste Liga der Top-Dirgenten gelangte er als Chefdirigent des Concertgebouw Orchestra Amsterdam (1988 bis 2004). Seit 2005 ist Chailly Kappellmeister beim traditionsreichen Gewandhausorchester Leizpig und seit Anfang dieses Jahres Musikdirektor der Mailänder Scala. Seit 1988 tritt er regelmässig am Lucerne Festival auf. Mit dem Lucerne Festival Orchestra wird er hier ab 2016 jeden Sommer vier bis fünf Konzerte dirigieren.

Festivalorchester mit Tradition

Das Lucerne Festival Orchestra wurde 2003 von Claudio Abbado als Orchester von Freunden gebildet nach dem Vorbild von Arturo Toscaninis legendärem Festivalorchester von 1938. Vor allem wegen sei-ner bekenntnishaften Mahler- und Bruckner-Aufführungen wurde es rasch als eines der besten Orchester der Welt gefeiert. Dieses Jahr wird es in zwei Konzerten von Bernard Haitink und Andris Nelsons geleitet.