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LUZERN: Eng, düster und bang im Sedel

Jazziger Trip-Hop mit 200 Jahre alten Texten: Im Sedel ging ein Wort- und Sound-Spektakel über die Bühne, das Blixa Bargeld nach Luzern brachte.
Der deutsche Sänger, Gitarrist und Rezitator Blixa Bargeld (58). (Bild: Getty (Paris, 7. März 2017))

Der deutsche Sänger, Gitarrist und Rezitator Blixa Bargeld (58). (Bild: Getty (Paris, 7. März 2017))

Mit den Einstürzenden Neubauten hatte Blixa Bargeld Anfang der 1980er-Jahre – inspiriert von Can, Kraftwerk, Neu und Ton Steine Scherben – ein neues Sound-Kraftfeld eröffnet, zu dem auch Presslufthämmer, Blech­teile und geschriene Texte gehörten. Jetzt stand der Grandseigneur Industrial mit dem Westschweizer Trio Kiku und dem New Yorker Rapper Black Cracker auf der Bühne, um einen Texte von Jean Paul (1763–1825) zu rezitieren, murmeln, intonieren. Oh Schauder. Oh Freude.

Vorab sei gesagt, dass dieser Text – geschrieben 1796 – nahtlos in die heutige Zeit mit ihrer Desorientiertheit und ihren apo­kalyptischen Zuckungen passt. Manches geistreich sein wol­lende Elaborat zeitgenössischer Literaten ist Schwachstrom dagegen. Jean Pauls «Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei» ist ein Unterkapitel seines Romans «Siebenkäs». Der Text lässt in romantisch-düsterer Poesie das Weltgebäude zu­sammenstürzen und verkehrt die Heilsbotschaft von Christus in ihr Gegenteil.

Bargeld gibt den coolen Gentleman

Dieses oft als «Schlüsseldokument des modernen Atheismus» bezeichnete Kapitel bildet die textliche Grundlage, die Blixa Bargeld und Black Cracker an diesem Abend zum Live-Soundtrack von Kiku rezitieren und rappen. Bargeld gibt den gealterten und coolen Gentleman, der im Anzug und mit bleichem Teint eher stoisch als dynamisch die Texte ins Mikrofon spricht und rezitiert. Zunächst noch etwas mürrisch gelaunt, wächst er im Verlauf des Abends immer besser und befreiter in die Rolle.

Black Cracker, der schwarze Rapper aus New York, ist ein ­pures Gegenbild. Er erscheint in weiten Pluderhosen und mit Samurai-Zöpfchen auf der Bühne, sein Gesicht strahlt zwischen Verwunderung und Irritation. Mit kraftvollen Körperbewegungen und muskulösem Getue rudert er auf der Bühne herum und rappt. Seine emotionale Präsenz und energetische Aura wirken beschwörend, um nicht zu sagen schamanisch.

Hoffnungsschimmer der Ergriffenheit

Zu dieser disparaten Erscheinung der beiden Text-Protagonisten und ihren unterschiedlichen Text-Artikulationen gesellt sich eine musikalische Ebene. Dem Trio gelingt es, dem ganzen Düster- und Nihilismus-Plunder trotz einigen Dümpelstellen eine schlüssige Note samt einem Hoffnungsschimmer der Ergriffenheit zu verleihen. Yannick Barman (tp/electronics), David Doyon (g) und Cyril Regamey (dr) generieren Klangbilder, die mit ihren Versatzstücken aus Trip-Hop, Minimal Jazz, Elektronik und Hip-Hop die passenden Atmosphären schaffen.

Die Musik hat oft etwas Chorales und Sakrales. Elegisch begleitet sie die schonungslosen Worte des Zweifelns und Enthüllens, dann wieder powert sie voll auf die Hypno-Spur. Die Rhythmen wuchten verschoben, Soundgeflirr ätzt die Szenerie, Trompetenlinien flechten sich ins Gepulse, und der Gitarrist zuckt mit dem Schrei-Gesicht von Edvard Munch durch seine Klänge. Und wenn dann noch Blixa Bargeld zu seinen spitzen «shrieks» anhebt, als ob ein Flugsaurier aus «Herr der Ringe» im Sedel-Club rotierte, freut sich auch das Gänsehäutchen.

Die Leute erschienen in guter Zahl, aber der Anlass hätte mehr Publikum verdient. Das fette Doppelalbum «eng, düster und bang» ging nach dem Konzert weg wie frische Brötchen

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

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