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LUZERN: Erstaufführung in Luzern: Emotionale Klänge zu rätselhaften Engeln

Eine Musik, die sich nur auf die Namen von 72 Engeln stützt. In Luzern eröffnet diese schweizerische Erstaufführung wunderbare Welten. Leider wurde diese Chance nur in sehr überschaubarem Rahmen genutzt.
Roman Kühne
Der Luzerner Andreas Felber dirigiert die Zürcher Sing-Akademie und das Raschèr Saxophone Quartet. (Bild: Eveline Beerkircher (10. März 2018))

Der Luzerner Andreas Felber dirigiert die Zürcher Sing-Akademie und das Raschèr Saxophone Quartet. (Bild: Eveline Beerkircher (10. März 2018))

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Eigentlich waren die Voraussetzungen günstig: Die Zürcher Sing-Akademie ist ein professioneller Chor von hoher Qualität. Ihr Dirigent Andreas Felber ist ein Luzerner. Die Schweizer Erstaufführung von «72 Angels» bildet in ihrer Thematik und kräftigen, meditativen Wirkung einen vieldiskutierten Teil des Zeitgeistes ab. Und die moderne Kirche St. Johannes ist mit ihrer offenen Architektur perfekt für solche Aufführungen.

Doch am Samstagabend verlieren sich nur knapp 60 Zuschauer in der verwinkelten Halle. Schade, denn die Qualität des Spiels lässt wenige Fragen offen. Der Sog des Abends hätte auch im grossen KKL die Besucher in seinen Bann gezogen.

Strahlend in der Höhe, tragend beim Piano

Da ist zuerst der gewinnende Chor, der neben seiner Zusammenarbeit mit dem Tonhalle-­Orchester Zürich auch häufig im Ausland gastiert. Denn als 2010 der Schweizer Kammerchor einging – Zürich mochte nicht mehr für den Chor bezahlen –, stand das Tonhalle-Orchester plötzlich ohne verlässlichen Partner da. Daraus entwickelte sich ein Nachfolgeprojekt, eben die Zürcher Sing -Akademie.

Schnell ist es diesem gelungen, an die Erfolge der Vorgänger anzuknüpfen. Auftritte an den BBC Promenade Concerts und Dirigenten wie Daniel Barenboim und Bernhard Haitink festigten diesen. Aber wahrscheinlich ist die Zürcher Sing-Akademie einfach noch zu wenig bekannt in unserer Region. Dies wird sich hoffentlich im kommenden Juni ändern, wenn sie, gemeinsam mit dem Luzerner Sinfonieorchester, die 9. Sinfonie von Beethoven zur Aufführung bringt.

Beim Luzerner Konzert übergibt der Chor jedenfalls eine exzellente Visitenkarte. Er singt die anspruchsvolle Komposition mit seinen schnell wechselnden Motiven grossartig. Strahlend und kompakt in der Höhe, weit tragend beim Piano entwickeln die Sänger eine die Kirche füllende Besinnlichkeit. Die Unisono-Sprünge im wuchtigen «Mehiel», das swingende «Aladiyah», das geflüsterte «Mihael»: Nie verlieren die Sänger und Sängerinnen das Ganze, sie ziehen ein weites Dach vom ersten bis zum letzten Engel. Die fast schon übervolle Akustik meistern sie gut, geben auch lauten Stellen eine sichtige Klarheit. Aus dem Chor hervortretende Solisten überzeugen ebenfalls. Vor allem der im Alt singende Kaspar Kröner gibt der weiblichen Stimmlage eine zusätzliche mystische Streifung. Der Luzerner Andreas Felber, inzwischen Professor in Hannover, leitet umsichtig und detailgenau.

Das amerikanische Raschèr Saxophone Quartet ist eine optimale Ergänzung. Am Anfang kurz mit der Akustik pröbelnd, spielen sie variantenreich, rotzen durch die Akkorde oder legen einen kaum wahrnehmbaren Dunst unter den Chor: der Geist, welcher die Komposition zusammenhält. Oder wie es die Komponistin in einem Interview ausdrückt: «Sie zünden das Feuer, während sie die Verbrennung überwinden.»

Denn das Werk überzeugt in seiner Schweizer Erstaufführung ebenso. Wahrscheinlich muss man etwas verrückt sein, in einer Anlage zu komponieren, dessen Text auf nichts denn 72 Engelsnamen basiert. Die russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach (*1973) macht daraus jedoch einen faszinierenden, oft hypnotischen Musiktext.

Schon die Engel selber sind ein Rätsel. Im 13. Jahrhundert «entdeckte» der Mystiker Abraham Abulafia im Buch «Exodus 14» drei besondere Verse (19–24). Diese Buchstabenfolge soll er nach der Form einer Schlange geordnet haben. Aus dem entstandenen Konstrukt von 216 Schriftzeichen zog er 72 Namen, mit welchen er Heilungen und Wundertaten vollbrachte.

Von militärisch-aggressiv bis geheimnisvoll-friedlich

Seine Entdeckungen und Ideen flossen in die Kabbala, die mystische Tradition des Judentums, ein. Lera Auerbach ordnet nun frei jedem Namen einen bestimmten Charakter zu. Verteilt auf 90 Minuten gibt dies viele kleine, teils fast mikroskopische Themenpunkte. So interpretiert sie «Hahashiyah» militärisch-­angriffig und spitz. In «Yeliel» schimmert jüdischer Klezmer durch, «Kahetel» ist dissonant und aggressiv. Sein finaler Absturz führt dann wieder direkt zum friedlichen und geheimnisvollen «Haziel».

Aber das eigentlich Wunderbare ergibt sich erst im Gesamtbild. Die ungleichen Emotionen, Zeichnungen und Seelenausbrüche fügen sich nahtlos in ein kompositorisches Ganzes, eindringlich und spirituell. Die vielen Vignetten verweben sich zu einem emotionalen Teppich. Mag man sich am Anfang noch ein wenig an der Kleinräumigkeit der Themen stören, so entwickelt sich mit der Zeit eine starke Führung, ein Locken, das die Zuhörer an Leib und Seele zieht. Sicher, man muss sich auf diese geistig hochfliegende Meditation einlassen. Aber die Qualität der Aufführung macht es einem leicht, in dieses schwebende Bad einzutauchen.

Hinweis
Die Zürcher Sing-Akademie und das Luzerner Sinfonieorchester treten am Mittwoch und am Donnerstag, 6. und 7. Juni, erstmals gemein­sam auf mit der 9. Sinfonie von Beethoven.

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