LUZERN: Filmemacher Edwin Beeler erhält den Innerschweizer Kulturpreis

Schon als kleiner Bub faszinierte ihn die Magie der bewegten Bilder, und Edwin Beeler (59) machte diese Leidenschaft zum Beruf. Morgen wird dem Filmemacher der Innerschweizer Kulturpreis verliehen.

Pirmin Bossart
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«Meine Filme sollen Raum und Atem geben, um sich selber ein Bild zu machen», sagt Edwin Beeler. (Bild: Nadia Schärli (Emmen, 6. September 2017))

«Meine Filme sollen Raum und Atem geben, um sich selber ein Bild zu machen», sagt Edwin Beeler. (Bild: Nadia Schärli (Emmen, 6. September 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Über 25 000 Personen haben den Film «Arme Seelen» (2011) im Kino gesehen. Es ist bisher Edwin Beelers grösster Erfolg. Mit ruhigen Bildern lässt uns der Filmemacher an Glaubensvorstellungen von Menschen teilhaben, die von rätselhaften Begegnungen mit Verstorbenen, Geistererscheinungen und andern magischen Vorkommnissen geprägt sind.

Auch sein jüngstes Werk, «Die weisse Arche» (2016), hat mit seinen Fragen zum Umgang mit dem Sterben und dem Tod eine stark transzendente Note. Beeler gelingen darin wiederum berührende Sequenzen, in denen Landschaftsstimmungen, Protagonisten und Thema in einem geruhsamen Rhythmus verwoben werden. 17 Wochen lief der Film, der in über 30 Kinos gezeigt wurde, allein im Kino Bourbaki, Luzern.

«Vielleicht spielt hier meine Kindheit in einem katholischen Dorfmilieu eine Rolle», sagt ­Beeler zur Ausrichtung seiner zwei letzten Filme. Neben der Welt der Sinnfragen hat ihn auch stets die Welt der konkreten Sachverhalte beschäftigt. «Gramper und Bosse» (2005) war ein handfester «Büezer»-Film, der über die Veränderungen im SBB-Eisenbahner-Milieu reflektierte. Beelers Vater war Eisenbahnarbeiter, die Mutter kochte für die Gramper, und der kleine Edwin konnte manchmal mit der Rottenküche mitfahren.

Mit «Rothenthurm» politisch sensibilisiert

Als Filmer begann Beeler mit einem Paukenschlag: Noch während seines Studiums (allgemeine Geschichte, deutsche Literatur) drehte er 1984 seinen Erstling «Rothenthurm – Bei uns regiert noch das Volk», in dem er quasi aus der Sicht der Hochmoorlandschaft gegen den damals projektierten Waffenplatz Stellung nahm. Bürgerliche Politiker entrüsteten sich und stempelten ihn zum «Linken», ohne dass sie den Film gesehen hatten. Im Luzerner Parlament wollte ein FDP-Politiker per Vorstoss wissen, warum der Kanton Luzern 4000 Franken für einen Film spreche, der gegen das Militär sei. Dieser Film, sagt Beeler, vor allem auch dessen Nachspiele, hätten ihn politisch sensibilisiert.

Beeler geht mit seiner gesellschaftspolitisch kritischen Haltung und seiner Affinität für metaphysische oder spirituelle Fragen behutsam um. Niemals möchte er mit seinen Filmen dem Publikum eine Meinung aufzwingen. «Ich verzichte auf einen allwissenden Kommentar. Meine Filme sollen Raum und Atem geben, um sich selber ein Bild zu machen.» Glücklich macht ihn, wenn die Besucher berührt, bereichert und vielleicht auch nachdenklich aus dem Kino gehen. «Natürlich soll ein Film zu einem guten Stück auch unterhaltend sein. Er darf nicht langweilen.»

Schon als kleiner Bub faszinierte ihn die Magie der bewegten Bilder. Eine Super-8-Kamera, die er sich sehnlichst wünschte, «um damit die Zeit anzuhalten und zurückzuspulen», lag in einer «Büezer»-Familie nicht drin. «Dafür schenkten mir die Eltern auf Weihnachten ein Episkop. Damit konnte ich Bilder auf eine Leinwand projizieren.» Als Vorlage nahm er oft die Wildwest-Heftchen, die sein Vater las. Er lächelt. Es sei auch ein Frust gewesen. «Die Bilder bewegten sich nicht.»

Im heutigen Film-Business gehört der gebürtige Luzerner zu den wenigen Filmern, die ihre Werke von der Drehvorlage über die Kamera und Produktion bis zum Vertrieb in Eigenregie herstellen. In dieser Hinsicht sieht er sich als Schüler von Erich Langjahr, der ihn stark inspiriert habe. Er schätzt auch die Filme von Fredi Murer, Peter Liechti, Richard Dindo oder Peter Mettler. Und natürlich die grossen Meister des Kinos von Chaplin und Hitchcock bis zu Dreyer, Tarkovsky, Kubrick und Pasolini der 1960er-Jahre.

Manchmal hat er auch Existenzängste

Mit seinen feinsinnigen Autorenfilmen hat sich der Einzelkämpfer seit 1984 in einer eigenen Nische behaupten können. Trotzdem verhehlt Beeler nicht, dass er manchmal auch Existenzängste hat. «Ich habe mir schon mehrmals gesagt, dass ich wohl besser Mittelschullehrer oder Jurist geworden wäre.» Die Finanzierung seines Lebensunterhalts ist für den in Emmen lebenden Familienvater oft eine Zitter­partie. Die Filmförderung in der Zentralschweiz sei im Vergleich zu andern schweizerischen Regionen seit Jahren krass unterdotiert.

Im Kanton Luzern sei es zwar ein bisschen besser geworden. «Doch die neusten Sparübungen verheissen nichts Gutes.» Beeler versteht nicht, warum man die Kulturförderung, kaum neu aufgegleist, auf dem Buckel einer Tiefsteuerstrategie so kurzsichtig und herzlos wieder opfert. ­«Filme und überhaupt kulturelle Produktionen sind auch ein ­Wirtschaftsfaktor. Sie schaffen Identität. Landwirte werden selbstverständlich subventioniert, aber wir müssen mit jedem Film wieder von vorne anfangen und uns mit jedem Projekt nach allen Seiten rechtfertigen.»

Anerkennung und Motivation

Dass er den mit 25 000 Franken dotierten Innerschweizer Kulturpreis überreicht bekommt, empfindet er als grosse Ehre. Schon im März freute er sich am Innerschweizer Filmpreis, der ihm von der Albert-Koechlin-Stiftung verliehen wurde. Solche Auszeichnungen sind nicht nur Zustupf, sondern vor allem Anerkennung und Motivation. Beeler ist froh darum. Er ist bereits an einem neuen Projekt mit dem Arbeits­titel «Hexenkinder». Wir dürfen gespannt sein. Wenn alles gut geht, ist der Film im Winter 2019 in den Kinos zu sehen.

 

Hinweis

Am Samstag, 9. September, 10.30 Uhr, wird Edwin Beeler im Verkehrshaus der Schweiz (Filmtheater) der Innerschweizer Kulturpreis verliehen. Am Sonntag, 10. September, wird sein Debütfilm «Rothenthurm» im Stattkino gezeigt (11 Uhr).