LUZERN: Gäste nehmen Klassik mit Humor

Darf man im Konzertsaal lachen? Prominente Gäste am Cocktail-Empfang zur Eröffnung des Festivals finden: unbedingt. Als Minenfeld erweist sich die Politik.

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Bundesrätin Doris Leuthard mit Urs W. Studer, ehemaliger Stadtpräsident von Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Bundesrätin Doris Leuthard mit Urs W. Studer, ehemaliger Stadtpräsident von Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Simon Bordier

Oh Schreck: Plötzlich wackelt das Tablett, einige Gläser rutschen gefährlich zum Rand, finden keinen Halt und enden als Scherbenhaufen inklusive Wein- und Wasserlache. So geschehen am Freitagabend während des Cocktailempfangs bei der Eröffnung des Lucerne Festival im KKL. Und dies ausgerechnet auf dem Teppich, über den die prominenten Gäste schreiten und sich ablichten lassen. Ein bedauerliches Malheur? Nicht unbedingt, wenn man das diesjährige Thema des Festivals ernst nimmt: Humor ist angesagt.

Stadtpräsident Stefan Roth heisst Bundesrätin Doris Leuthard herzlich willkommen. (Bild: Philipp Schmidli)
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Hubert Achermann (zweiter von links) in Begleitung mit Frau Christine und Michael Häfliger mit Lebenspartnerin Andrea Christina Lötscher. (Bild: Philipp Schmidli)
Emil Steinberger mit Ehefrau Niccel (Bild: Philipp Schmidli)
Bundesrätin Doris Leuthard an der Seite von Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable. (Bild: Philipp Schmidli)
Bandleader Pepe Lienhard mit der Berner PR-Fachfrau und Freundin Christine Köhli (Bild: Philipp Schmidli)
Katrin und Adolf Ogi (Bild: Philipp Schmidli)
Unternehmer, Mäzen und Kunstsammler Uli Sigg mit Frau Rita (Bild: Philipp Schmidli)
Die städtische Kulturchefin Rosie Bitterli (links) im Gespräch mit Andrea Christina Lötscher, Lebenspartnerin von Michael Häfliger. (Bild: Philipp Schmidli)
Die Luzerner Baudirektorin Manuela Jost mit Lebenspartner Dominique Criblez (Bild: Philipp Schmidli)
Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher (Bild: Philipp Schmidli)
Michael Häfliger, Intendant des Lucerne Festivals mit Lebenspartnerin Andrea Christina Lötscher. (Bild: Philipp Schmidli)
Oswald Grübel, ehemaliger CEO von UBS und CS, zusammen mit Partnerin Renate Häusler (Bild: Philipp Schmidli)
Intendant Michael Häfliger (rechts) begrüsst Renate Häusler und Oswald Grübel (Bild: Philipp Schmidli)
FDP-Nationalrat Peter Schilliger mit Frau Roswitha. (Bild: Philipp Schmidli)
Bundesrätin Doris Leuthard und Stadträtin Manuela Jost (Bild: Philipp Schmidli)
Der Luzerner Bildungsdirektor Reto Wyss mit Frau Ilga (Bild: Philipp Schmidli)
SVP-Nationalrat Felix Müri heisst Bundesrätin Doris Leuthard in Luzern willkommen. (Bild: Philipp Schmidli)
Der ehemalige Stadtpräsident Urs W. Studer und Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: Philipp Schmidli)
Stadträtin Ursula Stämmer (links) mit Andrea Christina Lötscher. (Bild: Philipp Schmidli)
Kein roter, sondern ein gelber Teppich am Eröffnungsabend des Lucerne Festivals im KKL. (Bild: Philipp Schmidli)
Bundesrätin Doris Leuthard hält die Rede vor dem Eröffnungskonzert. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
40 Minuten gratis Konzert hören: Public Viewing auf dem Inseli. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
Die Besucher erschienen trotz Regen zahlreich. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra im Eröffnungskonzert mit Anna Lucia Richter als Solistin bei Gustav Mahlers Sinfonie Nr.4 in G-Dur. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra an der Eröffnung des Festivals am Freitag. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Bernard Haitink dirigiert das Lucerne Festival Orchestra an der Eröffnung des Festivals am Freitag. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Alfred Brendel setzte sich bei seiner Eröffnungsrede ans Piano. (Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer)
Auf dem Inseli: Gespannte Blicke auf die Grossleinwand. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
40 Minuten gratis Konzert hören: Public Viewing auf dem Inseli. Die Besucher erschienen trotz Regen zahlreich. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)
Später am Abend hat der Regen nachgelassen. (Bild: Stefan Deuber / Lucerne Festival)

Stadtpräsident Stefan Roth heisst Bundesrätin Doris Leuthard herzlich willkommen. (Bild: Philipp Schmidli)

«Musik erträgt gewisse Fehler»

Dass solche Zwischenfälle zu unvergesslichen Erlebnissen führen können, weiss der Bandleader und Saxofonist Pepe Lienhard (69). «Ich werde nie den Auftritt unserer Band vor vielen Jahren bei einem Ball im Kursaal-Casino in Luzern vergessen», meint er im Gespräch. Während dieses Konzerts habe nämlich ein Bassposaunist der Band völlig falsch gespielt, ohne es zu merken. «Ich musste laut loslachen, und die anderen Bläser konnten kaum noch spielen, da ihre Lippen wegen ihres unterdrückten Lachens zitterten.» Im Verlauf des Stücks habe sich der Bassposaunist irgendwann wieder eingeklinkt. «Doch das Publikum blieb ziemlich ratlos zurück.»
Der Vorfall habe ihm gezeigt, so Lienhard, dass gute Musik gewisse Fehler ertrage. «Musik darf daher nie mit Bierernst betrieben werden.» In diesem Sinne freue er sich über das diesjährige Thema des Lucerne Festival. Nicht nur in der klassischen Musik, sondern auch im Jazz dürfte seines Erachtens dem Humor mehr Platz eingeräumt werden: «Während die klassischen Konzertrituale mehr und mehr gelockert werden, sind im Jazz teils gegenläufige Tendenzen auszumachen: Die Besucher werden wie in der Kirche zum Stillsitzen angehalten.»

Bundesrätin lacht Nationalrat aus

Dabei sind gerade Situationen reizvoll, in denen Lachen nicht erlaubt ist: Sei es im Konzert, in der Kirche oder bei politischen Veranstaltungen. 2010 musste CVP-Bundesrätin Doris Leuthard (52) im Parlament laut loslachen, als sie eine Antwort auf eine Interpellation eines SVP-Nationalrats zum Thema Leistungsprüfung von Pferden vorlas. Der beschriebene Sachverhalt erscheine ihr «wirklich absurd», wie sie den Parlamentariern ihren Lachanfall zu erklären versuchte. «Ich glaube, die anderen Parlamentarier fanden den Vorfall ebenfalls erheiternd, ausser vielleicht der direkt betroffene Nationalrat», erinnert sich die gut gelaunte Bundesrätin im KKL. Auch sie findet, dass dem Lucerne Festival das Thema Humor gut ansteht: «Das Festival ist eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse des Landes. Dass es dieses Jahr durch das Thema Humor etwas lockerer wird, finde ich erfreulich.»

Stadträtin entdeckt Neue Musik

Locker geht auch Luzerns Stadträtin Ursula Stämmer (57) in den Festival-Sommer, wobei sie sich nicht das einfachste Programm vorgenommen hat. «Ich freue mich insbesondere auf den Tag für Pierre Boulez», meint sie. Dem Komponisten, der wie kein zweiter lebender Musiker für die Strenge der zeitgenössischen Musik steht und damit auch unerwartet schöne Seiten der Musik aufzeigt, widmet das Festival zu seinem 90. Geburtstag am 23. August einen Tag im KKL. «Wenn man sich ein wenig über das Programm informiert und offen für Neues ist, findet man zu Boulez’ Musik einen Zugang», ist Stämmer überzeugt.

Politstrategien gegen Lachanfälle

Doch zurück zu lockereren Themen: Musste die SP-Stadträtin schon mal lachen, als es völlig fehl am Platz war? «Das passiert mir hin und wieder, doch mit einfachen Strategien konnte ich bisher Schlimmeres verhindern.» Sie versuche jeweils, an etwas Trauriges zu denken. An eine konkrete Situation in ihrer Karriere kann sich Stämmer aber spontan nicht erinnern.
Auch andere befragte Politiker machen Gedächtnislücken geltend, sobald es um Einzelheiten des Politalltags geht. Reto Wyss (50), CVP-Regierungsrat des Kantons Luzern, meint denn auch: «Ich bin froh, dass ich nicht die Eröffnungsrede zum Thema Humor halten muss.» Diese überlasse er gerne dem Pianisten Alfred Brendel (84).

Emil hypnotisiert einen Chorknaben

Keine Gedächtnisschwierigkeiten bekunden hingegen der Kabarettist Emil Steinberger (82) und seine Frau Niccel (50). Dabei liegen einige ihrer schönsten Lachanfälle schon Jahrzehnte zurück. Emil Steinberger: «Als Chorknabe habe ich während der Predigt des Pfarrers einmal versucht, einen anderen Knaben zu hypnotisieren. Zu meinem grössten Erstaunen klappte es; in der Folge konnte ich mich vor Lachen kaum noch halten.»
Nicht weniger erstaunlich ist die Geschichte von Niccel Steinberger, die übrigens Bücher zum Thema Humor schreibt und Lachseminare gibt. «Als ich eines Tages als Studentin mit der Bahn verreiste, wollte ich meine Familie aus dem Zugsfenster mit einem wedelnden Taschentuch verabschieden», erzählt sie: «Aber nicht nur das: Ich füllte das Taschentuch zuvor mit Konfetti, um die Zurückgebliebenen am Bahnsteig zu überraschen.» Doch dann habe sie bei der Abfahrt prompt nicht mehr an ihr Taschentuch gedacht. «Ich zückte es später während der Messe in einer Kirche. Dabei war ich vom vielen Konfetti derart überrascht, dass ich in Lachen ausbrechen musste.»

Exotische Früchte und Grimassen

Einen Konfettiregen gab es bei der Eröffnung am Freitag im KKL nicht. Dafür baumelten exotische Früchte von der Decke, die Sitzecken waren umweltverträglich und zugleich erstaunlich elegant aus Karton zusammengesetzt und zwei riesige Skulpturen, die einige Ähnlichkeiten mit einem Geigenkasten aufwiesen, überwachten das Geschehen: Die eine mit einem fröhlichen, die andere mit einem verärgerten Gesicht. Ob der Ärger vielleicht von den zerbrochenen Gläsern herrührte, liess sich am schematischen Gesichtsausdruck nicht erkennen.

Musikalischer Schreck

Das musikalische Potenzial der Scherben zeigte sich aber beim Durchschreiten des Foyers: dann nämlich, wenn ein fortgespicktes kleines Stück plötzlich unter den Schuhen knirschte und damit für grössere Irritation sorgte als jedes Cocktailkleid. Der Spuk konnte nur eins bedeuten: Es war Zeit, von der exotischen Lounge in den Konzertsaal hinüberzuwechseln, wo der Geist Joseph Haydns (1732–1809) die Gäste bereits erwartete.