LUZERN: Hier gedeiht Kunst

Faule Tomaten, Insekten und die Natur als Museum: So manche aktuelle Ausstellung in der Region geht mit der Botanik prickelnde Affären ein. Ein Rundgang an der Kunsthoch.

Julia Stephan und Susanne Holz
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Oben links: Holz in Kunstharz eingegossen von Verena Vanoli. Oben rechts: Videoprojektion von Edith Flückiger. Unten links: Arbeit von Charles Moser. Unten rechts: Videoinstallation von Alexandra Meyer. (Bild: PD)

Oben links: Holz in Kunstharz eingegossen von Verena Vanoli. Oben rechts: Videoprojektion von Edith Flückiger. Unten links: Arbeit von Charles Moser. Unten rechts: Videoinstallation von Alexandra Meyer. (Bild: PD)

Julia Stephan und Susanne Holz

kultur@luzernerzeitung.ch

Kunstraum Benzeholz, Seestrasse, Meggen: Wer dieser Tage den Kunstraum Benzeholz betritt, glaubt, er habe die Natur aus Versehen mit hereingeschleppt. Denn die Videokünstlerin Edith Flückiger schafft mit Ton und Video einen Illusionsraum, der vom realen Setting des an den Vierwaldstättersee anstossenden Kunstraumes gar nicht so weit entfernt ist: ein Haus am Weiher, rundherum Grün.

Flückigers poetische Installation «Weite Zeit» treibt keine Handlung voran. Sie versetzt uns in einen Zustand gedehnter Zeit. Nach einem minutenlangen Standbild eines Weihers im Erdgeschoss rückt die Natur im ersten Stock von uns weg. An drei Wände geworfene Videostandbilder lassen uns die Innenperspektive der Hausbesitzerin einnehmen. Wälder rauschen hinter Fensterglas. Licht spielt ein rhythmisches Schattenspiel auf bewegtem Blattgrün.

Eine Frau hält Zwiesprache mit der Stimme in ihrem Kopf. Der Monolog erinnert an den Roman «Die Wand» der österreichischen Autorin Marlene Haushofer. Darin schreibt eine Frau als letzte noch existierende Vertreterin der Menschheit in der Natur gegen das Verschwinden an. Auch bei Flückiger beginnt sich der Innenraum langsam zu verschliessen. Auf dem Dachstock schliesslich ist nur noch eine Tonspur, der man mit Kopfhörern unter einem glühend-orangenen Lichtscheinwerfer lauschen kann. Es ist das kalt-klirrende Geräusch erwärmter Kohlen und zugleich der tiefstmögliche Rückzug ins eigene Selbst. (jst)

Edith Flückiger: «Weite Zeit». Do/Sa/So 14–18 Uhr. Bis 1.10. www.benzeholz.ch

 

Galerie Urs Meile, Rosenberghöhe 4, Luzern: Drei Poulets in einer Reihe, die Schenkel nach oben, darüber deuten runde Linien Menschenköpfe an. Der Luzerner Künstler Aldo Walker (1938–2000) schaffte es, mit wenigen Mitteln eindrucksvoll zu sein. «Seine Werke geben zu sehen und zu denken, das ist seine Qualität für mich», sagt Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums Luzern. Galerist Urs Meile, der in enger Zusammenarbeit mit der Familie Walker die Betreuung des Künstlernachlasses übernimmt, wünscht sich die Auseinandersetzung mit dem Werk des berühmten Konzeptkünstlers, der mit wenigen Pinselstrichen die Wahrnehmung herausfordern konnte. «Ein sehr eigenständiges Werk», so Meile.

Aldo Walker. Di–Fr 10–18 Uhr. Bis 28.10.www.galerieursmeile.com


Museum1, Winkelbüel, Brache 837, Adligenswil: Ein Museum braucht ein Dach über dem Kopf und ein Fundament unter den Füssen, muss sich der deutsche Künstler Fritz Balthaus gedacht haben, als er Stephan Wittmers Museum1 besuchte, eine zwischen Strassen und Bauten eingeklemmte Brache in einem Gewerbegebiet in Adligenswil. Nun hat Balthaus, der einer Henry-Moore-Statue auch mal frech ein Fahrradschloss umhängt, dem Museum ein Dach über den Kopf und einen Boden unter die Füsse gestellt. Und wenn schon, warum nicht gleich Bauteile aus bekannten Museumsbauten dafür verwenden? Balthaus kopierte ein Deckenelement des New Yorker Whitney-Museums und eine im Aussenbereich eingelassene kreisförmige Form vor dem Guggenheim-Museum und setzt die zwei Objekte auf der Brache optisch zueinander in Bezug. (jst)

Fritz Balthaus. «Silent ceilings, rounded grounds». Immer zugänglich. Bis 30.9. www.museum1.ch


Hilfiker Kunstprojekte, Museggstrasse 6, Luzern: Ein Haufen alter Säcke – Siebdruck auf Sperrholz. Eine Leiter, zusammengebastelt in Tansania, wo der Freund der Künstlerin ein Wasserprojekt realisierte – Siebdruck auf Papier. Beides Motive von Tatjana Erpen, zu sehen in einem kleinen, aber feinen Ausstellungsraum. Der Galerist sagt zu dieser Kunst: «Der Mensch ist darauf nicht sichtbar, aber trotzdem präsent.» Erpen suche das Grobkörnige. Dem Betrachter scheinen die Siebdruckarbeiten Zeugen einer Vergangenheit zu sein. Oder Zeugen einer Gegenwart, deren Farblosigkeit den Blick auf Wesentliches lenkt. (sh)

Tatjana Erpen. Mi–Sa 13–17 Uhr. Bis 30.9. www.hilfikerkunstprojekte.ch


Kein Raum, Bireggstrasse 36, Luzern: Charles Moser nutzt den kleinsten Ausstellungsraum Luzerns wie eine Schmuckauslage. Darin liegt auf rotem Grund eine gekreuzigte Jesus-Staue – allerdings auf ihrem eigenen «Kreuz», denn das Kreuz ist weg. Den Kopf der Figur hat Moser vom Körper abgetrennt. Verbunden ist er mit dem Torso dennoch durch zwei Lederschnüre, die von den vormals am Kreuz fixierten Händen gehalten werden, als würde er schweben. Die Passion Jesu wird so umgedeutet in ein beinahe heiteres Bild, das weniger den Schmerz als die Loslösung vom Irdischen feiert. (jst)

Charles Moser. Di–Mi 9–23 Uhr, Do–Sa 9–0.30 Uhr, So 9–18 Uhr. www.keinraum.ch


Sic! Elephanthouse, Neustadtstrasse 29, Luzern: Glanz und Verfall. Zweckentfremdete Nahrungsmittel. Nahrung als Luxus- oder Konsumgut. Diesen Themen widmet sich Alexandra Meyer. Eine ganze Wand des Ausstellungsraums hat sie – einem Fachwerk gleich – mit Klebestreifen längs und quer versehen. Was sie wie schmale Holzbalken aussehen lässt? Dunkle Schoggi, aufgemalt. Auf einem spiegelnden Bord entlang der Wand sind Täschchen aufgereiht. Sind es Luxus-Ledertäschchen, die ihre besten Tage hinter sich haben? Nein, es sind Clutches, gebacken aus Fladenbrotteig. Nahrung, luxuriös präsentiert, doch kurz vor dem Zerfall. Der gleichen Täuschung erliegt der Betrachter zunächst auch bei der raffiniert-schönen Videoinstallation mit zwei Tomaten. Während per Kopfhörer klassische Musik einlullt, drehen sich die prall roten Früchte langsam auf der kleinen Bildfläche. Dann ein Gongschlag, die Musik ist zu Ende, und zum Vorschein kommt die andere Seite der Tomaten: die schimmlige, gammlige, faulige. (sh)

Alexandra Meyer: A Discrétion. Do/Fr 15–19 Uhr, Sa 14–17 Uhr. Bis 30.9. www.sic-raum.ch


Kunstpavillon, Sälistrasse 24, Luzern: Hier sind Künstler mal mehr oder weniger prickelnde Affären mit der Botanik eingegangen. In der gemeinsam von den Kuratoren des o.T. und des Pavillon Tribschenhorn kuratierten Ausstellung liegen im Aussenbereich schlangenartige Formen aus Plexiglas, geschaffen von der chilenischen Künstlerin Paulina Mellado, regenfeucht im Grün und hängen von den Bäumen Blumentöpfe, deren kitschige Schweife an das Kunsthaar von Spielzeugpferden erinnern. Im Innenraum wird wundersam das Material einer vom Licht verbleichten Sonnenstore an der Wand ausgerechnet zum runden, leuchtenden Sonnengestirn und ein industrieller Autoreifen zur Brutstätte für die Natur (Brigham Baker). In der poetischen Videoinstallation «The Bowl» von Susanne Hofer, welche ein nach dem Wintersturm Sandy als unbewohnbar erklärtes US-Wohnviertel in ruhigen Standbildern zeigt, erobert sich die Natur schliesslich wieder ihr Territorium zurück. (jst)

«Affaires naturelles». Do/Fr 16–19 Uhr, Sa 14–17 Uhr. Bis 30.9. www.tribschenhorn.ch


Galerie Müller, Haldenstrasse 7, Luzern: Kleiner Raum, grosses Gedränge: Bei der Kunsthoch stehen die Gäste hier wie eingegossen, quer durch den Raum ragt ein Baumstamm, den Verena Vanoli in Kunstharz eingegossen hat, sodass er wie mit Eis überzogen wirkt. Oder mit Plexiglas? «Man darf ihn anfassen», sagt sie, «es soll ein sinnliches Erlebnis sein.» Und: «Wer hat nicht schon mal ein Herz auf einen Baum gemalt?» Vanoli spielt mit Schönheit und Natur, mit Künstlich- und Natürlichkeit. So hat sie ins mächtige Stück Holz Utensilien aus der Kosmetik eingegossen: Rouge-Döschen, Lipgloss. Heinz Stahlhut, Konservator des Kunstmuseums Luzern, entlockt Vanoli Persönliches: Sie schleppe das Holz von Wanderungen heim. «Berghölzer, in Eis verpackt, faszinierend.» Sie arbeite gerne mit Zufällen, so Vanoli, die früher Holz in Veloschläuche gepackt hat. «Der Wind hat daraus Musik gemacht.» Zu viel Schönheit dürfe aber nie sein: «Es braucht Brüche, dann wird es gut.» (sh)

Verena Vanoli. Do/Fr 13–18.30 Uhr, Sa 10–16 Uhr. Bis 28.10. www.galeriemueller.ch

ideoprojektion von Edith Flückiger. (Bild: PD)

ideoprojektion von Edith Flückiger. (Bild: PD)

Arbeit von Charles Moser. (Bild: PD)

Arbeit von Charles Moser. (Bild: PD)

Oben links: Holz in Kunstharz eingegossen von Verena Vanoli. Oben rechts: Videoprojektion von Edith Flückiger. Unten links: Arbeit von Charles Moser. Unten rechts: Videoinstallation von Alexandra Meyer. (Bild: PD)

Oben links: Holz in Kunstharz eingegossen von Verena Vanoli. Oben rechts: Videoprojektion von Edith Flückiger. Unten links: Arbeit von Charles Moser. Unten rechts: Videoinstallation von Alexandra Meyer. (Bild: PD)