LUZERN: Horváths Fäden stellen sich quer

15,2 Kilometer Faden spannen sich derzeit durch die Kornschütte. Mit ihm schafft Monika Kiss Horváth neue Räume.

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Verwoben: «Weibstück V» in der Kornschütte. (Bild: Felix Hergert, Zürich)

Verwoben: «Weibstück V» in der Kornschütte. (Bild: Felix Hergert, Zürich)

Um zwölf Säulen des grossen Saals der Kornschütte haben zwölf Frauen in einem Tag über 15,2 Kilometer Faden gespannt. Dadurch kommt die wohl getaktete Säulenordnung des Renaissancebaus in ein anderes Verhältnis. Beim Betreten des Raums stellen sich die Fäden in leuchtenden Farben quer. Die sich über­lagernden Acrylfäden flirren in Moirée-Effekten. Ein Labyrinth? Statt uns den Ausgang zu zeigen, ist hier der Faden der Ariadne zu einer geschlossenen Schlaufe, einem Unendlichkeitszeichen verwoben.

Die feinen Fäden schaffen Räume. Die sechs Farben bauen Wände. Trennen ab, strukturieren die Halle, entscheiden über unsere Bewegungsfreiheit und lassen doch den Raum dahinter erkennen. Der Faden ist aber auch eine Zeichnung, ein gezogener Strich, der die unmittelbare Präsenz seiner Entstehung zeigt. In den sich ausbreitenden Farbflächen wird auch die Essenz der Malerei spürbar: mit Farbe und Licht einen Ort – sei es nun eine Leinwand oder ein Raum – zu besetzen, zu strukturieren, körperlich erlebbar zu machen. Das dichte Netz lässt die Farben überlagern, spielt mit Licht und der Transparenz, die sich wie Schichten von Aquarellmalerei verdichten, mischen, auslaufen.

Einwickeln als Performance

Nicht von ungefähr nennt die Künstlerin Monika Kiss Horváth diese Serie von Arbeiten Weib­stücke. Nicht nur, weil sie in enger Zusammenarbeit mit Frauen entstehen, sondern zugleich auf die bis in die (bereits erwähnte) antike Mythologie zurückreichende Verknüpfung von Faden und Weben mit Weiblichkeit eingeht. Wie Penelopes Tagwerk ist das «Weibstück V» auch ein Tagwerk von zwölf Frauen. Und wie der Teppich der Wartenden wird auch dieser Faden wieder aufgelöst.

Diesen Sonntag kann in einer Performance dem Einwickeln des Fadens beigewohnt werden. Buchstäblich zurückgespult, schmilzt die grosse Ausdehnung, die klare Strukturierung, die transparente Tiefe wieder zu einem Knäuel. Und wer weiss, vielleicht findet das Garn eine neue Verwendung in der nächsten Arbeit der Künstlerin? Das zyklische Moment ist nicht nur in den fliessenden Bewegungen und der Umschlingung der Säulen erlebbar, sondern auch im Material selbst, das sich in so viele Formen verwandeln kann.

Dabei fragt man sich fast, wo der Knoten ist, an dem der Kamm hängen bleibt, die Reibungsstelle, die aufschürft. Man darf also gespannt sein auf die Performance, die sich genau an diesem Übergang zwischen der Form und der Materie, von der Klarheit zum Chaos bewegt.

Claire Hoffmann
kultur@luzernerzeitung.ch

Korrigenda: Im ursprünglichen Artikel stand 2,5 Kilometer Faden statt 15,2. Dieser Artikel wurde am 24. Januar 2017 entsprechend korrigiert.