LUZERN: Im Fluss des Zeitgeistes wird die Stadt künstlerisch belebt

Die Veranstalter des Kunstfestivals Kraut setzen mit ihrem Konzept von Kunst als Event ein Gebot der Stunde um. Am Wochenende fand die dritte von sechs Vernissagen im öffentlichen Raum statt – in einer Unterführung neben der Reuss.

Tiziana Bonetti
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Arbeiten von Raphael Egli in der Unterführung. (Bild: PD)

Arbeiten von Raphael Egli in der Unterführung. (Bild: PD)

In diesem Jahr wird in Luzern der sommerlichen Kunstflaute getrotzt: Im Rahmen des Kunstfestivals Kraut werden an sechs Vernissagen – den sogenannten «Krauts» – öffentliche Räume der Stadt künstlerisch und musikalisch belebt. Zu diesem Anlass haben die kreativen Köpfe des Festivals – das sind Reto Leuthold, Paul Lipp, Esther Leupi und Timo Müller – Künstler und Musiker aus der Schweiz sowie dem nahen Ausland ins Boot geholt.

Dreistündige Vernissagen an Durchgangsorten

Bespielt werden während der dreistündigen Vernissagen jeweils Räume wie Unterführungen, Parkplätze, Flussufer oder Fahrradwege Luzerns. Was die in der Leuchtenstadt zerstreuten Lokalitäten des Festivals vereint, ist die Fluktuation und Dynamik, die ihnen als Orte des Durchgangs zu eigen ist. Von einer Ambiance der Rastlosigkeit, des pedalierenden, rollenden sowie fliessenden Hin-und-Hers ist auch die Unterführung auf dem Sentiweg gezeichnet: Parallel zum Fussgänger- und Drahteselverkehr auf dem geteerten Weg strömt die Reuss mit 130 Kubikmetern Wasser pro Sekunde gegen Norden, während wenige Meter höher der Verkehr auf der Autobahn A2 vorüberbraust. Neben, unterhalb sowie inmitten dieses hektischen Treibens fand letzten Samstag die dritte Aus­gabe des Kunstfestivals statt.­

Mit diesem Ausstellungsort hatten die Veranstalter nicht nur einen Durchgangsraum gewählt, der ansonsten wenig zum Verweilen einlädt; zugleich konterkarierte dieser Raum alle Bedingungen, die für konventionelle Ausstellungsorte von Kunst normalerweise konstitutiv sind.

So hingen die illusionistischen Ölmalereien des Luzerner Künstlers Raphael Egli nicht auf weissen Wänden, sondern über Graffiti auf den Betonmauern, und an der Installation von Diego Sologuren und Brad Downey flitzten mindestens ebenso viele Velofahrer vorbei, wie Kunstinteressierte davor stehen blieben. Kurzlebig wie die durch das Verkehrsamt Luzern bewilligte Ausstellung selbst war die zur kulinarischen Verpflegung herangerollte Theke, auf der der mobile Apéro der Vernissage angerichtet wurde.

Mit Mobilität hatte auch die installative Arbeit des Künstlerduos aus Berlin zu tun: Sologuren und Downey machten sich die Eigenschaften des Sentiwegs an der Reuss zunutze, indem sie mittels einer kreuzförmigen Wassermühle und eines eingebauten Generators an Ort und Stelle elektrischen Strom produzierten. So wurde die Unterführung beim Sentiweg für kurze Zeit zu einer öffentlichen Aufladestation von Smartphones umgenutzt.

Dem White Cube die Stirn bieten

Mit ihrem Ausstellungsformat bieten die Veranstalter noch bis Ende August – ganz dem Zeitgeist gemäss – der Hermetik des ­White Cube die Stirn. Zugleich erteilen sie der abgekapselten Exklusivität des musealen Kunstkontexts eine Absage. Das Gebot der Stunde lautet daher nicht Segregation und Selektion, sondern Inklusion und Diffusion. Öffentliche Räume der Stadt sollen durch künstlerische Interventionen zum mobilen Museum auf Zeit erhoben werden, während der Ausstellungscharakter zu Gunsten des Konzepts von Kunst als sozialem Event zurücktritt. Die konstanteste Örtlichkeit bleibt damit die während der Dauer des Kunstfestivals gezeigte Ausstellung im «Tatort» in der Bernstrasse.

Tiziana Bonetti

kultur@luzernerzeitung.ch