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LUZERN: Jetzt kommt Bewegung ins Festival

Auch für den Intendanten war dieses Osterfestival eines der erfolgreichsten, dank Impulsen, die Tradition neu lebendig machen. Exemplarisch stand dafür zum Schluss die Bayern-Residenz mit Wolfgang Rihms Requiem.
Urs Mattenberger
Gaben Rihms Requiem menschliche Züge: Dirigent Mariss Jansons mit den Solistinnen Mojca Erdmann und Anna Prohaska. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Gaben Rihms Requiem menschliche Züge: Dirigent Mariss Jansons mit den Solistinnen Mojca Erdmann und Anna Prohaska. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Noch bevor gestern das Osterfestival vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beendet wurde, sprach Michael ­Haefliger von «einer der erfolgreichsten Ausgaben des Osterfestivals überhaupt». Das bezog sich zwar auch auf die Auslastung von 94 Prozent, aber weil in einzelnen Konzerten nicht alle Balkone im KKL geöffnet waren, bewegt sich die Besucherzahl (9000) im Schnitt der letzten Jahre.

Eines der erfolgreichsten ­Osterfestivals war dieses aber inhaltlich. Für eine neue Ära (Ausgabe vom Freitag) standen gleich mehrere Konzerte mit alter ­Musik, die bei diesem geistlichen Festival ohnehin im Zentrum steht. Dazu gehörten Monteverdis Marienvesper als Gemeinschaftsritual in der Jesuiten­kirche, die improvisatorisch freie Interpretation eines Mozart-Konzertes durch die Geigerin Patricia Kopatchinskaja oder der Dirigent Dmitri Sinkovsky, der im Eröffnungskonzert vom Cembalo aufs Podium wechselte und als Countertenor mit der Solistin Julia Lezhneva auftrat.

Befreiung von starrer Konvention

Entscheidend für Michael Haef­liger ist, was diese Konzerte mitein­ander verband – der Einbezug der Bewegung in unterschiedlichen Formen. In der Jesuitenkirche zeigte sich, wie die Idee des Raumtheaters von Theater-Intendant Benedikt von Peter die Grenzen zwischen Akteuren und Publikum überhaupt auflöst. «Das ­ermöglichte ein auch akustisch neuartiges Gesamterlebnis, an dem jeder unmittelbar beteiligt ist,» sagt Haefliger und freut sich auf eine weitere Zusammenarbeit mit dem Theater an Ostern.

Auch der diesjährige «Artiste in residence», Teodor Currentzis, war als Dirigent in Bewegung und mischte sich unter die Orchestermusiker, um den Mozart-Swing anzudeuten. Auch darin zeigt sich ein neues Rollenverständnis, das Grenzen zwischen Musikern und zum Publikum durchlässig macht. «Von solchen Musikern, die sich abseits starrer Konventionen bewegen, verspreche ich mir starke Impulse für die Zukunft», sagt der Intendant. «Alle diese Auftritte hatten etwas Befreiendes an sich. Und ich bin ­sicher, das schätzt auch das Publikum als Ergänzung zu den traditionellen Sinfoniekonzerten.»

Musikalische Nahtoderfahrung

Dass diese sich am Osterfestival nahtlos ins geistliche Programm einfügen, ermöglichte auch dieses Jahr die Residenz des vorzüglichen Symphonieorchesters und Chors des Bayerischen Rundfunks. Diese bringen unter Mariss Jansons jeweils neben einem sinfonischen Programm ein gewichtiges Chorwerk zur Aufführung – wie am Samstag Wolfgang Rihms «Requiem-Strophen». Deren Erstaufführung am Lucerne Festival ermöglichte die Ernst-von-Siemens-Stiftung, weil «das Festival dieses für die Einbindung der Moderne in das ‹normale› Konzertleben wegweisend ist».

Das Werk hält nicht interpretatorisch, sondern kompositorisch Traditionen lebendig, indem es sie weiterführt. Die herbe Melancholie, kontrapunktische Stimmverbindungen oder der mitunter gelöst fliessende Charakter seiner Requiem-Komposition erinnern an Rihms für Luzern geschriebene Brahms-Kommentare. Und zum Tröstlichen in den Requiem-Kompositionen von Fauré oder Brahms bekannte sich Rihm selber in seinen Kommentaren zum Werk (APERO vom 20. März).

Rihm bündelt den grossen Aufführungsapparat zwar auch zu grosser Schlagkraft und lässt dem Tod sein dunkles Schreckmoment. Aber vorherrschend ist eine mitunter choralartig befriedete Ergebenheit in die Allgegenwart des Todes mitten im Leben.

Ein Requiem also, das auch vom Leben handelt: Mit Texten wie Rilke «Der Tod ist gross» oder Hans Sahls titelgebenden «Strophen» wendet sich das Werk über ausgewählte liturgisch-biblische Texte hinaus ins Allgemeine wie ins ganz Persönlich-Menschliche. Zu den eindringlichsten Momenten gehörten da neben mystischen Chorpassagen die solistischen Abschnitte: Mojca Erdmann und Anna Prohaska erfüllten ihre fliessenden Zwiegesänge mit sinnlicher Wärme und steigerten sie mühelos auch in blendend hohe Extremlagen – so mag man sich das Licht vorstellen, von dem Menschen mit beglückenden Nahtoderfahrungen berichten.

«Weltumarmungsgeste» am Tag danach

Aber Rihm balanciert Momente der unmittelbaren Rührung mit einer fast sachlichen Tonsprache aus: In den Todesreflexionen in Sonetten von Michelangelo behauptet sich mit unerschütter­lichem Bariton Hanno Müller-Brachmann auch mal gegen das expressive Aufbäumen des Orchesters.

Die Pointe im gestrigen Schlusskonzert war, wie man da Jean Sibelius’ zweite Sinfonie in Bezug zu diesem Requiem hören konnte: in der brüchigen Fragmentierung im ersten Satz wie in der Wendung zum finalen Triumph, jener «Weltumarmungsgeste», die Rihm selber immer fremder geworden ist. Trotz dem partnerschaftlichen Zwiegespräch mit dem vorzüglichen Pianisten Emanuel Ax in Mozarts Klavierkonzert KV 488, blieb dieser Sibelius die Krönung dieser Bayern-Residenz: Wie Jansons das mit bis zum Schluss aufgesparten Steigerungsreserven zusammenwachsen liess und schliesslich grandios überhöhte, war jenseits von «geistlich» oder «weltlich» ein starker Abschluss.

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